Fr1da-Studie: Bereits 36.000 Kinder auf Typ-1-Diabetes untersucht

23.05.2016

Ein Jahr nach Einführung des bayerischen Pilotprojektes Fr1da veröffentlicht das Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München im wissenschaftlichen Fachmagazin BMJ Open erste Ergebnisse. Bei allen 105 Kindern, bei denen ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes diagnostiziert wurde, konnten die Ärzte eine Stoffwechselentgleisung bisher verhindern.

Foto: Ärztin misst Blutzucker bei einem Mädchen; Copyright: Helmholtz Zentrum München

Die Typ-1-Diabetes-Früherkennungsaktion Fr1da für alle Kinder in Bayern startete im Februar 2015 unter der Schirmherrschaft der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml, um eine flächendeckende Standarduntersuchung in Bayern vorzubereiten; © Helmholtz Zentrum München

In seiner Größenordnung ist das Modellprojekt Fr1da in der Diabetesforschung weltweit einmalig: Insgesamt sollen 100.000 Kinder in ganz Bayern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen U7, U7a, U8 oder U9 beim Kinderarzt auf Inselautoantikörper, den Vorboten von Typ-1-Diabetes, untersucht werden. Dadurch kann das Risiko für lebensgefährliche Stoffwechselentgleisungen (Ketoazidosen) und die dadurch notwendige Einweisung auf die Intensivstation eines Krankenhauses verringert werden – so das erste Fazit der Wissenschaftler des Instituts für Diabetesforschung. Während deutschlandweit jedes dritte Kind zum Zeitpunkt der Diagnosestellung wegen einer Ketoazidose behandelt werden muss, erlitt bisher keines der Kinder, bei denen mit dem Fr1da- Früherkennungstest ein Typ-1-Diabetes im Frühstadium diagnostiziert wurde, eine Stoffwechselentgleisung.

"Dank der Unterstützung durch die engagierten bayerischen Kinderärzte und die Bevölkerung verläuft die Umsetzung der Fr1da-Studie äußerst zufriedenstellend", beurteilt Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler die ersten Ergebnisse, "eine bevölkerungsweite Vorsorgeuntersuchung auf Typ-1-Diabetes in dieser Altersgruppe ist machbar". 39 Prozent aller bayerischen Kinderärzte beteiligen sich bisher an dem Projekt. Bis zum Zeitpunkt der ersten Datenauswertung im November wurden 26.760 Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren untersucht. Diese Altersgruppe wurde gewählt, da bei 80 Prozent derjenigen, die einen Typ-1-Diabetes in der Kindheit entwickeln, bis zum Alter von fünf Jahren bereits mehrere Inselautoantikörper vorliegen. Bei 0,39 Prozent der Teilnehmer (105 Kinder) wurde ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes diagnostiziert.

"Die neuesten Daten der Fr1da-Studie stimmen uns extrem optimistisch. Wir glauben hier einen neuen Weg der Gesundheitsvorsorge zu beschreiten", so Dr. Jessica Dunne, Direktorin und Leiterin des JDRF Präventionsprogramms. "Wir sind dem Institut für Diabetesforschung sehr dankbar. Der Erfolg dieser Studie stellt einen Meilenstein dar und könnte helfen, die lebensbedrohlichen diabetischen Ketoazidosen zu verhindern, die beim ersten Auftreten der Krankheit entstehen können. Darüber hinaus bietet Fr1da einen Rahmen in dem Typ-1-Diabetes ganz generell verhindert werden könnte."

Mit der Diagnosestellung erhalten alle betroffenen Kinder und ihre Familien das Angebot zur Teilnahme an einer drei- bis vierstündigen Schulung in einem der 16 angeschlossenen wohnortnahen pädiatrischen Diabeteszentren. Dieses Angebot wurde von den Familien intensiv angenommen: Nur zwei Familien verzichteten auf die Teilnahme. Die erfahrenen Teams beantworteten alle Fragen und halfen den Eltern, die frühe Diabetesdiagnose zu verarbeiten. Viele praktische Tipps für den Alltag ergänzten dabei die sachlichen Informationen. Die anschauliche Fr1da-Broschüre, die alle Familien zusätzlich erhielten, bereitet auf eine Insulintherapie und den Alltag mit Typ-1-Diabetes vor. Dabei wird großer Wert auf ein fundiertes Wissen gelegt, dass Eltern und Kindern Sicherheit und eine berechtigt positive Zukunftssicht vermittelt.

Wie effektiv dieses Wissen den Schulungsteilnehmern vermittelt wurde und inwieweit die Familien die Diagnose verarbeiten konnten, erfassen die Wissenschaftler anhand von standardisierten psychologischen Fragebögen, die durch persönliche Gespräche ergänzt werden. Die ersten Auswertungen hierzu zeigen, dass die Diagnose beim eigenen Kind kein Elternteil einfach 'kalt lässt'. Dank der guten Betreuung von Anfang an, gab es jedoch bisher keine Hinweise darauf, dass es zu schwerwiegenden seelischen Belastungen der Mütter, Väter oder Kinder gekommen ist. Sollte dennoch einmal eine psychologische Unterstützung für eine Familie erforderlich sein, sind entsprechende Hilfen im Rahmen der Fr1da-Studie möglich. Welche Auswirkungen das Wissen um den frühen Typ-1-Diabetes auf längere Sicht hat, wird ebenfalls regelmäßig erfragt, um daraus den Bedarf an weiteren Hilfen abschätzen zu können.

"Durch die Diagnose des Typ-1-Diabetes im asymptomatischen Frühstadium und die umfassende medizinische und psychologische Betreuung der Betroffenen möchten wir mit der Fr1da-Studie neue Standards bei der Diagnose und Therapie setzen", so Ziegler.

REHACARE.de; Quelle: Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt
Mehr über das Helmholtz Zentrum München unter: www.helmholtz-muenchen.de