Geistige Tätigkeit lindert MS-Symptome: Effekt für Personen verschiedener Bildungsniveaus belegt

Anspruchsvolle geistige Tätigkeiten in Beruf und Alltag wirken sich positiv auf die Hirnleistungen von Personen aus, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind. Ein vergleichsweise geringeres Bildungsniveau kann hier durch eine erhöhte Aktivität kompensiert werden. Das haben jetzt Forscher der Universität Regensburg in einer Langzeitstudie nachweisen können. Die Ergebnisse des Teams um Prof. Dr. Dr. Robert Weißert (Professur für Klinische Neurobiologie) sind in der Fachzeitschrift "Frontiers in Neurology" erschienen.

09.05.2016

 
Foto: Regensburger Forschungs-Team; Copyright: Georg Weinfurtner, Medbo Labor

Das Regensburger Team (v. l. n. r.): Prof. Dr. Dr. Robert Weißert, Dr. Susanne Schwab-Malek, Ralf Lürding, Dr. med. Sophie Gebel; © Georg Weinfurtner, Medbo Labor

In den letzten Jahren sind die sogenannte kognitive Reserve und ihre Rolle bei der Therapie von Erkrankungen, die mit kognitiven Beeinträchtigungen einhergehen, zunehmend ins Zentrum der Forschung gerückt. Unter kognitiver Reserve versteht man die geistigen Potenziale, die Menschen im mittleren Alter nicht benötigen, auf die sie aber im Alter zurückgreifen, wenn die kognitiven Fähigkeiten schrittweise nachlassen. Beeinträchtigungen der Hirnleistungen – beispielsweise bei einer Demenz – können auf diese Weise anfänglich noch gut kompensiert werden. Eine anspruchsvolle geistige Tätigkeit, Bildung, berufliche Fertigkeiten, Sprachvermögen oder ein reges Sozialleben führen zu einer ausgeprägten kognitiven Stimulation und können diese Möglichkeiten der Kompensation verbessern beziehungsweise die kognitive Reserve vergrößern.

Vor diesem Hintergrund haben die Regensburger Wissenschaftler um Prof. Weißert 128 Patientinnen und Patienten unterschiedlicher Bildungsniveaus, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, in einer Langzeituntersuchung evaluiert. In dem Zeitraum von 2000 bis 2012 wurden die Leistungsfähigkeit der Patientinnen und Patienten detailliert mit Blick auf die Funktionen Aufmerksamkeit, Langzeitgedächtnis, Arbeitsgedächtnis, Sprache und Wahrnehmung untersucht. Insgesamt 27 neuropsychologische Testverfahren kamen dabei zum Einsatz. Zudem wurden die Patientinnen und Patienten zu ihrer Schul- und Weiterbildung, ihrem Beruf, ihren Alltagsaktivitäten, Hobbies und Leseaktivitäten befragt.

Die Regensburger Studie bestätigte nicht nur, dass sich geistige Tätigkeiten in Beruf und Alltag positiv auf den Erhalt von Hirnleistungen im Krankheitsverlauf auswirken. Sie zeigte auch, dass eine lange Schul- und Ausbildungszeit mit einem günstigeren Verlauf mit Blick auf die Krankheitssymptome verbunden waren. Auf der anderen Seite wirkte sich eine hohe Aktivität in Beruf und Alltag bei Patientinnen und Patienten mit kurzer Ausbildungszeit deutlicher auf den Erhalt der Hirnleistungen aus, als dieses bei den Personen der Fall war, die eine längere Ausbildungszeit durchlaufen hatten. Eine kürzere Ausbildungszeit kann demnach durch eine hohe sportliche Aktivität, häufiges Lesen und eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit ausgeglichen werden.

Die Beobachtungen der Forscher dürften Konsequenzen für die Planung neuer Rehabilitations- und Therapieverfahren bei Multipler Sklerose haben.

REHACARE.de; Quelle: Universität Regensburg
Mehr über die Universität Regensburg unter: www.uni-regensburg.de