Gelebte Inklusion: Rollstuhlbasketball und Sitzvolleyball sind Paradebeispiele

01.06.2016

Sport begeistert. Sport verbindet. Das gilt vor allem für Mannschaftsportarten. Wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport treiben, lässt sich zu Recht von gelebter Inklusion sprechen. Beispiele hierfür finden sich im Rollstuhlbasketball und im Sitzvolleyball. Doch was bedeutet gelebte Inklusion im Sport eigentlich? Und wie steht es um die repräsentative Funktion der Paralympics?

Foto: Rollstuhlbasketballerin Annika Zeyen; Copyright: Annika Zeyen; und deutsch-niederländische Sitzvolleyball-Spielgemeinschaft bei Wettkampf; Copyright: Michael Overhage

Rollstuhlbasketballerin Annika Zeyen und die deutsch-niederländische Sitzvolleyball-Spielgemeinschaft bei einem Wettkampf; © Annika Zeyen/Michael Overhage

Gelebte Inklusion im Sport ist nach wie vor einseitig zu sehen. Wir finden sie vor allem im Behindertensport. Menschen ohne Behinderung oder mit einer sogenannten Minimalbehinderung können hier ohne Weiteres teilnehmen. Oft handelt es sich um Mannschaftssportarten. Inklusive Sportprojekte gibt es auf regionaler Ebene zwar viele, eine flächendeckende Umsetzung im Breitensport findet jedoch kaum statt. Daher gelten Sportarten wie Rollstuhlbasketball und Sitzvolleyball als Paradebeispiel. Auf der anderen Seite stehen Kürzungen im paralympischen Sport für einen allgemeinen Abwärtstrend des Behindertenspitzensports – sei es finanziell oder für das gesellschaftliche Ansehen. Es ist zu befürchten, dass darunter auch bald der Breitensport leiden wird, wenn staatliche Förderungen eingestellt werden.
Foto: Annika Zeyen; Copyright: Annika Zeyen

Rekordnationalspielerin Annika Zeyen; © Annika Zeyen

Actionreicher Rollstuhlbasketball – wie auf dem Jahrmarkt

Annika Zeyen ist seit ihrem vierzehnten Lebensjahr querschnittsgelähmt. Sportlich war sie schon immer. Das hat sie sich auch nach ihrem Reitunfall nicht nehmen lassen. So kam sie bereits in der Rehabilitationsphase das allererste Mal in Kontakt mit dem Rollstuhlbasketball.

Danach ging es mit ihrer Rollstuhlbasketballkarriere steil bergauf. Heute ist sie Rekordnationalspielerin und hat bereits über 300 Länderspiele bestritten. Aktuell spielt sie bei den BG Baskets Hamburg. Zu ihrem größten Erfolg gehört der 1. Platz bei den Paralympics 2012, den sie natürlich auch ihrem Team verdankt: "Ich finde am Rollstuhlbasketball toll, dass es ein Teamsport ist. Es wird nie langweilig, da es eine vielseitige und dynamische Sportart ist." Wer Rollstuhlbasketball schon einmal gesehen hat, weiß wie actionreich diese Sportart ist: "Viele Zuschauer sagen, dass es beim Rollstuhlbasketball oft spannender zugeht als beim klassischen Fußgängerbasketball. Sie vergleichen es mit Autoscootern, wenn die Rollstühle aufeinander krachen."

Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum sich auch Menschen ohne Behinderung oder mit einer leichten körperlichen Einschränkung für diese Sportart interessieren. So können auf nationaler Ebene auch Sportler ohne eine Behinderung im Ligabetrieb teilnehmen. Auf internationaler Ebene muss dann eine Minimalbehinderung vorliegen. Zeyen erklärt: "Unter einer Minimalbehinderung versteht man beispielsweise einen starken Knieschaden. In der Nationalmannschaft haben wir viele Spielerinnen, die früher Fußgängerbasketball gespielt haben und die sich dann so schwer am Knie verletzten, dass sie eben nicht mehr Fußgängerbasketball spielen können. Für sie ist der Rollstuhl ein Sportgerät, im Alltag laufen sie."

Foto: Rollstuhlbasketballerin Annika Zeyen in Ballbesitz; Copyright: Annika Zeyen

Rollstuhlbasketballerin Annika Zeyen in Ballbesitz; © Annika Zeyen

Klassifizierungssystem sorgt für Chancengleichheit

Für die Chancengleichheit sorgt im Rollstuhlbasketball ein ausgeklügeltes Klassifizierungssystem. Zwar sitzen Spieler ohne Behinderung ebenso im Rollstuhl, aber sie besitzen dennoch viel mehr Stabilität im Oberkörper im Vergleich zu Sportlern mit einer hohen Querschnittslähmung. Daher wird jeder Spieler vorab eingestuft. Die Klassifizierung reicht von 4.5 Punkten für Spieler ohne Behinderung bis 1.0 Punkten für Spieler mit einer sehr hohen Lähmung. Insgesamt dürfen die fünf Spieler auf dem Feld 14.5 Punkte nicht überschreiten. Zeyen erläutert weiter: "Man kann keine Mannschaft zusammenstellen, in der alle Spieler keine oder nur eine Minimalbehinderung haben. Das Klassifizierungssystem gewährleistet, dass die Schwere der Behinderung ausgeglichen wird."
Foto: Trainer Michael Overhage feuert sein Team an; Copyright: Michael Overhage

Trainer Michael Overhage feuert sein Team an; © Michael Overhage

Sitzvolleyball: ein völlig anderes Spielsystem

Nicht ganz so kompliziert geht es im Sitzvolleyball zu. Michael Overhage ist Chef-Trainer Sitzvolleyball beim TSV Bayer 04 Leverkusen und Bundesstützpunkttrainer am Olympiastützpunkt Rheinland, hat selbst aber keine Behinderung. Er spielte in Island 1. Liga und trainierte dort die Nationalmannschaft. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland kam der TSV auf ihn zu und bot ihm den Chef-Trainer-Posten im Sitzvolleyball an. "Um ehrlich zu sein, habe ich mich vorher nie mit Sitzvolleyball beschäftigt. Mir wurde versichert, dass es gar nicht so wild und so viel anders sei als Standvolleyball – und das war gelogen!", lacht Overhage. Zwar sind die technischen Grundlagen im Sitzvolleyball die gleichen wie im Standvolleyball, jedoch musste Overhage das Spielsystem ganz neu erarbeiten: "Ich musste mich mit Fragen auseinandersetzen wie: Wo hat derjenige sein Bein? Wo hat derjenige seine Antriebsflächen? In welche Richtung kann er sich bewegen, in welche nicht?"

"Handicapped" und "Minimal"

Auch beim Sitzvolleyball ist es möglich, dass Menschen ohne Behinderung den Sport ausüben können. Overhage schätzt, dass es auf nationaler Ebene rund zehn Prozent seien. Beim TSV selbst sind es in der Leistungsgruppe mit Chef- und Co-Trainer, die häufiger aktiv mitspielen, drei und in der Aufbaugruppe noch einmal zwei Spieler ohne Behinderung.
 
"In der Nationalmannschaft dürfen allerdings nur Athleten spielen, die nach International Paralympic Committee (IPC)-Code klassifiziert sind. Wir haben kein Punktesystem wie die Rollstuhlbasketballer, sondern zwei Kategorien: ‚Handicapped’ und ‚Minimal’. Es darf immer nur ein Minimal auf dem Feld und zwei im Kader sein. Eine Minimalbehinderung kann auch temporär ausgesprochen werden. Das wäre beispielsweise nach einem Kreuzbandriss eine multiple Instabilität im Knie. National ist es vom jeweiligen Dachverband abhängig. In Deutschland dürfen zwei nicht-behinderte Spieler bei offiziellen Wettkämpfen auf dem Feld sitzen, beispielsweise bei einer deutschen Meisterschaft. In den Niederlanden, dem Mutterland des Sitzvolleyballs, dürfen sechs nicht-behinderte auf dem Feld sitzen."
Foto: Michael Overhage motiviert sein Team während eines Time-out; Copyright: Michael Overhage

Michael Overhage motiviert sein Team; © Michael Overhage

Geld regiert die Welt, vor allem im Spitzensport

Für die paralympischen Spiele stellt der TSV aktuell sieben von zwölf Spielern. Nach Rio fährt Overhage jedoch nicht. "Die Plätze sind rar. Es wird jedes Jahr mehr und mehr zusammengestrichen. Das paralympische Sitzvolleyball ist von ursprünglich zwölf Mannschaften pro Geschlecht auf acht reduziert worden. Dementsprechend schwer ist es auch, sich zu qualifizieren."

Einen Grund sieht Overhage im Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: "Das öffentlich-rechtliche Fernsehen kommt seinem Informationsauftrag schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich nach. Eine Sportschau ist keine Sportschau mehr, sondern eine ‚Fußballschau’. Das ist sehr traurig, aber es wird geduldet und von staatlicher Seite gefördert. Man muss sich nur einmal anschauen, wie viel Geld für Fußballübertragungsrechte ausgegeben wird."

Was bringt also all die geforderte mediale Aufmerksamkeit für den paralympischen Sport, wenn diese letztendlich doch durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen bestimmt wird? Und wie wird sich der paralympische Sport weiterhin entwickeln, wenn Kürzungen das Event dominieren? Wird gelebte Inklusion bald gar kein Thema mehr sein, wenn Sparmaßnahmen dann auch den Breitensport betreffen?

Kurz gesagt: Ja! Sportarten wie der Segelsport, der ab 2017 keine paralympische Disziplin mehr sein wird, fallen zwangsläufig nicht mehr unter die Kategorie "Breitensport". Die vorwiegend in Vereinen organisierte, wettkampforientierte Sportausübung wird folglich dezimiert, Förderungen gestrichen, Trainer entlassen und letztendlich bleibt auch der Nachwuchs aus. Das heißt wiederum, dass auch das Motto "gelebte Inklusion" kein Thema mehr ist und zukünftig sein wird.

 

Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de

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