Gesund Älterwerden im eigenen Quartier

15.03.2013

Foto: Alter Frau geht spazieren

Ältere Menschen sind häufig zu Fuß unterwegs; © Ingram Vitantonio Cicorella/panthermedia.net

Der Großteil der Aktivitäten, die ältere Menschen außer Haus unternehmen, findet im eigenen Stadtteil statt. Dabei ist das eigene Quartier im hohen Alter nicht nur wichtig für die Selbstständigkeit, sondern auch für die Teilhabe am Leben, den sozialen Austausch und das eigene Wohlbefinden.

Frank Oswald, Alternsforscher an der Goethe-Universität, führte mit seinen Kollegen eine umfangreiche Feldstudie in drei Frankfurter Stadtteilen durch. Forschung zum Altern im Quartier sei wichtig für eine zukunftsorientierte Kommunalpolitik, die sich vermehrt auf die aktive Beteiligung der älteren Menschen stützen werde, betonte Oswald und fügte hinzu: „Auch unser Ansatz von Alternsforschung ist partizipativ und praxisnah ausgerichtet und bietet gute Anknüpfungspunkte für die Akteure auf diesem Feld.“

Von April 2010 bis September 2012 haben die Forscher in den Stadtteilen Bockenheim, Schwanheim und Nordweststadt fast 600 Frauen und Männer im Alter von 70 bis 89 Jahren „vis-a-vis“ zu ihrer Lebens- und Wohnsituation befragt und sie gebeten, in Tagebücher alle Aktivitäten außer Haus zu notieren. „Die Stadtteile sind so gewählt, dass sich die Erkenntnisse unserer Studie auf vergleichbare Stadtteile in Frankfurt und auch auf andere Städte übertragen lassen“, konstatiert Oswald.

Ältere Menschen sind häufig zu Fuß an zentralen Orten im Stadtteil unterwegs und das ist unabhängig davon, wie weit sie von diesen Zentren entfernt wohnen. Die Tagebücher geben Auskunft über mehr als 10.000 Wege an über 7.000 Tagen und zeigen, dass 54 Prozent aller Wege zu Fuß zurückgelegt werden, bei den 80- bis 89-Jährigen sind es sogar 58 Prozent. Insgesamt dienen 37 Prozent der Wege dem Einkaufen, 26 Prozent der Erholung, 14 Prozent der Gesundheit, 13 Prozent dem sozialen Austausch und 7 Prozent kulturellen Aktivitäten. „Daraus lässt sich ableiten, dass Einrichtungen, zum Beispiel kleine Läden und Cafés in den Stadtteilzentren, gefahrlos, barrierefrei und zu Fuß erreichbar sein müssen“, ergänzt der Alternsforscher.

Ältere Menschen sind beständige und kritische Nutzer sowie Kenner ihres Quartiers. Sie wohnen im Durchschnitt seit über 45 Jahren im Stadtteil. Veränderungen im Stadtteil bewerten sie sehr differenziert, und keinesfalls war „früher alles nur besser“.

Stadtteilverbundenheit ist wichtig für das Wohlbefinden im Alter. Die Befragungen zeigen: Sie fühlen sich mit ihrem Quartier tief verbunden und blicken optimistisch in die eigene Zukunft in ihrem Stadtteil. Die Älteren nutzen nicht nur zentrale Orte und Plätze ihres Stadtteils für Besorgungen, hier erleben sie auch Verbundenheit mit anderen Menschen und bekannten Orten.

„Neu daran ist der Nachweis, dass diese Verbundenheit einen bedeutsamen Einfluss auf das eigene Wohlbefinden und auf die Erwartung hat, auch in fünf Jahren noch im Stadtteil zu wohnen – und zwar unabhängig vom Gesundheitszustand und von Barrieren in der Umwelt“, sagt der Frankfurter Alternsforscher Oswald und ergänzt: „Es kommt also nicht nur darauf an, dass Ältere sich in ihrem Stadtteil versorgt und sicher fühlen, sondern dass sie sich auch von dem Umfeld anregen lassen, sich aufgehoben und zuhause fühlen. Die Gestaltung von zentralen Wegen und Plätzen – ähnlich wie Dorfbrunnen in Südeuropa – bieten die besten Chancen, viele ältere Menschen zu erreichen.“

Wer alt ist, muss nicht einsam sein; Teilhabe am Leben im Stadtteil und sozialer Austausch sind wichtig. Mit dem Alter wächst das Einsamkeitsrisiko, insbesondere für Alleinlebende. Überraschend ist aber, dass sich hochbetagte Befragte (80 bis 89 Jahre) in Frankfurt – anders als in vielen Studien andernorts – nicht einsamer fühlen als jüngere Befragte (70 bis 79 Jahre). Wichtig ist es – so zeigt die Studie, dass sich die alten Menschen als Teil der Nachbarschaft fühlen: Es trägt zu ihrem Wohlbefinden bei, wenn sie mitbekommen, was passiert und sie sich selbst aktiv in der Nachbarschaft einbringen können. Hier unterscheiden sich die drei Stadtteile mit klaren Vorteilen für Schwanheim und die Nordweststadt.

„So kann gerade im sehr hohen Alter der negative Einfluss, den die schlechte Gesundheit auf das Wohlbefinden hat, durch das Erleben von Verbundenheit und Zusammengehörigkeit abgefedert werden“, sagt Oswald.

REHACARE.de; Quelle: Goethe-Universität Frankfurt am Main

Mehr über die Goethe-Universität Frankfurt am Main unter: www.uni-frankfurt.de