Hörbehinderung: App ermöglicht barrierefreies Kulturerlebnis

24.06.2015
Foto: Hand bedient Smartphone mit angeschlossenen Kopfhörern

Menschen mit Hörbehinderungen können den Ton über die Smartphone-App optimal an das eigene Gehör anpassen; © Sennheiser Streaming Technologies GmbH

Menschen mit Hörminderung tun sich im Kino und im Theater schwer. Künftig verspricht eine Fraunhofer-Technologie Abhilfe, die in zwei Apps der Sennheiser Streaming Technologies GmbH integriert wurde: Betroffene können damit den Klang optimal an ihre Bedürfnisse anpassen und das Geschehen über Kopfhörer verfolgen.

Das Theaterstück ist irre komisch, das Publikum biegt sich vor Lachen. Besucher mit eingeschränktem Hörvermögen fühlen sich in solchen Momenten oft außen vor – zu viele Pointen entgehen ihnen. Zahlreiche Menschen mit Hörbehinderung machen es sich daher lieber im heimischen Sessel gemütlich, statt ins Theater oder ins Kino zu gehen. Die Zahl der Betroffenen ist groß: Studien zufolge ist etwa jede sechste Person in Deutschland schwerhörig und könnte Hörgeräte von der Krankenkasse finanziert bekommen. Tatsächlich nutzen jedoch nicht einmal 25 Prozent von ihnen diese Möglichkeit. Denn anders als bei Brillen sehen viele Menschen ein Hörgerät nach wie vor als Stigma.

Die Apps "CinemaConnect" und "MobileConnect" der Sennheiser Streaming Technologies GmbH sollen künftig dafür sorgen, dass Menschen mit Hörbehinderung in Theaterstücken und Kinofilmen wieder jedes einzelne Wort verstehen können – auch dann, wenn sie kein Hörgerät tragen. Die Hörunterstützungstechnologie haben Forscher der Oldenburger Projektgruppe für Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie IDMT entwickelt.

Das Prinzip: Ein Streaming-Server überträgt das Audiosignal der Bühne oder des Kinofilms direkt auf das Smartphone der Besucher. Dieses gibt die Daten direkt über die Kopfhörer wieder, während sie über das geschlossene Netzwerk geladen werden. Trägt man ein Hörgerät, das auf das Smartphone angepasst wurde, kann man sich die Tonsignale von der App via Bluetooth auch alternativ direkt auf die Hörhilfe schicken lassen.

"Unsere in die Apps integrierte Technologie verstärkt nicht einfach nur die Lautstärke, sondern erlaubt es dem Theaterbesucher, den Klang individuell anzupassen", bestätigt Dr. Jan Rennies, Gruppenleiter am IDMT. Denn der jeweils optimale Lautstärkegrad ist schmal: So erscheinen laute Geräusche schnell zu laut, sie müssen daher reduziert werden. Ruhige Sprachanteile dagegen brauchen deutlich mehr Verstärkung. Und je nach Art des Hörverlusts nimmt der Betroffene nicht alle Frequenzen gleich intensiv wahr: Viele Personen können tiefe Töne noch recht gut erkennen, während es bei höheren Tonlagen schwierig wird.

Die Herausforderung bei der Entwicklung der Hörhilfe lag vor allem darin, ihre Bedienung intuitiv zu gestalten: Schließlich sollen die Menschen den Klang jederzeit selbst verbessern können – ohne wie bei den Hörgeräten einen Akustik-Experten zu Rate zu ziehen. Das ist gelungen: Der Nutzer fährt mit seinem Finger über den Touchscreen seines Smartphones und schiebt so einen kleinen Punkt über den Bildschirm. Zieht man den Punkt nach oben oder unten, steigt oder fällt die Lautstärke. Verschiebt man ihn waagerecht, wird der Ton heller oder tiefer.

Noch in diesem Sommer soll die Funktion "Personal Hearing" in zwei von der Firma Sennheiser kostenlos vertriebene Apps integriert werden. Welche Kinos und Theater die Technologie anbieten, erfahren die Nutzer über das Kulturportal "Culture Inclusive".

Auch in anderen Anwendungen kommt die Fraunhofer-Hörunterstützung zum Einsatz: Die Forscher entwickeln aktuell eine App, die das iPhone als Mikrofon nutzt und eine individuelle Hörverstärkung bietet. Erst Anfang des Jahres stellte die Sennheiser electronic GmbH & Co. KG einen Drahtlos-Kopfhörer mit individueller Klanganpassung von Fraunhofer vor. Ein weiteres Forschungs- und Einsatzgebiet ist die Hörunterstützung im Telefon.

"Unsere Nutzerstudien haben gezeigt, dass die Technologie für Hörgeschädigte in unterschiedlichen Anwendungsszenarien wie im Kopfhörer oder im Telefon sehr hilfreich ist und oft auch von Normalhörenden als vorteilhaft empfunden wird", sagt Dr. Jens Appell, Abteilungsleiter der Projektgruppe Hör-, Sprach- und Audiotechnologie. "Bisher war ein Großteil der Probanden begeistert – ob mit oder ohne Hörgerät."

REHACARE.de; Quelle: Fraunhofer-Gesellschaft
www.fraunhofer.de

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Mehr über das Kulturportal "Culture Inclusive" unter: www.culture-inclusive.com