Hilfsmittel-Kummerkasten: Immer Ärger mit der Krankenkasse?

17.10.2015
Foto: Kummerkasten-Box vor dem REHACARE-Forum

Die Hilfsmittel-Kummerkästen standen an zahlreichen Orten auf dem Messegelände; © beta-web/Günther

Ärger bei der Bewilligung von Hilfsmitteln gibt es immer wieder. Oftmals gipfelt es darin, dass die dringend notwendigen Hilfsmittel von der Kranken- oder Pflegekasse abgelehnt werden. Ein Gefühl der Hilfslosigkeit und Ohnmacht stellt sich dann bei vielen Betroffenen ein.

Aus diesem Grund haben Experten, unter anderem aus Sozialverbänden, Selbsthilfeorganisationen, dem MDK und einer Anwaltskanzlei im REHACARE-Forum die wesentlichen Probleme der Hilfsmittel-Versorgung vorgestellt, Rat gegeben und Lösungsvorschläge geboten.

Unter dem Titel "Hilfsmittel-Kummerkasten" konnten Betroffene im Zeitraum vom 4. September bis 13. Oktober 2015 online von ihren Problemen bei der Bewilligung von Hilfsmitteln berichten. Auch auf der REHACARE selbst standen zahlreiche Hilfsmittel-Kummerkästen, an denen Fragebögen ausgefüllt und eingeworfen werden konnten. Die persönlichen Erfahrungen bei der Bewilligung von Hilfsmitteln im häuslichen Umfeld wurden dann gesammelt und inhaltlich gebündelt.

 
 
Foto: Diskussionsteilnehmer; beta-web/Günther

Vertreter von Sozialverbänden, Selbsthilfeorganisationen, dem MDK und einer Anwaltskanzlei im REHACARE-Forum; © beta-web/Günther

Betroffene fühlen sich allein gelassen


Die Auswertung der Antworten ergab einen Überblick über grundlegende Probleme in der Hilsmittelversorgung:

• Die Bearbeitungs- und Wartezeiten für das entsprechende Hilsmittel sind oft zu lang.
• Immer wieder gibt es Abstimmungsprobleme zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern.
• Innerhalb der Krankenkassen gibt es häufig Probleme bei der Zuständigkeit.
• Beratungsstellen sind für Betroffene zu weit entfernt. Es gibt keine persönliche Anlaufstelle.
• Krankenkassen binden sich zu stark an bestimmte Leistungserbringer. Daraus resultiert, dass oft Hilfsmittel minderer Qualität herausgegeben werden.
• Widerspruchsverfahren sind sehr aufwendig und komplex.

Hoher Verwaltungsaufwand bei individuellen Entscheidungen


Ein Beispielfall: Blindenführhunde werden als Hilfsmittel angesehen. Assistenzhunde nicht. Hier muss individuell geprüft werden, ob dem Betroffenen ein solcher Hund zusteht, das heißt, ob er ihn überhaupt benötigt. Rechtsanwältin Nathalja Charlamenko weiß: "Es sind die Einzelfallentscheidungen, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Im Grunde ist unser Sozialsystem gut. Der Gesetzgeber versucht, sehr wohl individuelle Lösungen zu finden."

Das leidige Thema Widerspruch


Ist der schlimmste Fall eingetreten und das verordnete Hilfsmittel wird nicht bewilligt, sollte der Kopf allerdings nicht in den Sand gesteckt werden, sagt Thomas Zander, Landesgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK NRW: "Die Krankenkassen arbeiten trickreich, beispielsweise indem sie darauf verzichten, Sie auf Ihr Widerspruchsrecht hinzuweisen. Dieser wird dem Ablehnungsbescheid häufig ganz bewusst nicht hinzugefügt."

Die Devise lautet also: Widerspruch einlegen. Dabei kann es hilfreich sein, das Gutachten anzufordern, um den Vorgang erneut zum Laufen zu bringen. Ebenso haben Sie als Versicherter das Recht, den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) um Hilfe zu bitten. Allerdings gilt zu bedenken: In erster Instanz muss die Krankenkasse den MDK beauftragen. Dies sollte allerdings kein Hemmungsgrund für den Versicherten sein, denn Frau Dr. Ruth Hassa vom MDK Nordrhein erklärt: "Beide Seiten, sowohl die Krankenkasse wie auch der Versicherte, profitieren von einer persönlichen Gutachtensituation."

 
 
Foto: Publikum im REHACARE-Forum

Vor allem eines wünschten sich die Zuhörer: als pflegender Angehöriger ernst genommen zu werden; © beta-web/Günther

"Ohnmacht der Sprachlosigkeit"


Moderator Wolfgang Wessels, stellvertretender Vorsitzender im Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Düsseldorf, stellt zu Recht fest: "Viele Menschen wissen überhaupt nicht, welche Rechte sie haben." Zander ergänzt: "Krankenkassen entwickeln sich zu reinen Unternehmen. Die Betroffenen fallen dann hinten runter und müssen sich Hilfe suchen. Im Zweifelsfall resiginieren sie sofort und akzeptieren die Entscheidung der Krankenkassen."

Betroffene sollten ihre Krankenkasse ruhig wissen lassen, wie es ihnen geht. Denn sie profitieren davon, wenn sie die Krankenkassen direkt anschreiben und ihre Sorgen zu Papier bringen. Oft ist die Formulierung allerdings ein Problem. Ob es die Hilfe bei Verwandten und Bekannten ist oder eben bei Sozialverbänden und Selbsthilfeorgansiationen – wenn Betroffene Hilfe benötigen, sollten sie diese definitiv in Anspruch nehmen. Charlamenko spricht aus Erfahrung: "Ein Anwalt ist nicht immer notwendig. Oft ist die Chance höher, sich direkt mit den persönlichen Bedürfnissen an die Krankenkassen zu wenden. Diese sind verpflichtet, die Anträge zu prüfen."

Zukunftsvisionen für eine adäquate Hilfsmittelversorgung


Die Diskussionsteilnehmer wurden anschließend dazu aufgefordert, ihre Wünsche und Visionen an die Hilfsmittelversorgung zu stellen:

• Im SGB 11 sollte endlich eine Begleitung für Versicherte eingeführt werden, die mit Rat und Tat zur Seite steht und gegebenenfalls bei der Vermittlung hilft.
• Die misstrauische Grundhaltung der Sachbearbeiter und Sozialverwaltungsangestellten muss sich gegenüber Ärzten und Pflegepersonal ändern. Sie müssen mehr Vertrauen in ihre Kompetenz haben und ihnen glauben, dass sie das richtige Hilfsmittel verordnen.
• Krankenkassen und Leistungserbringer müssen sich wieder zu pflegenden Angehörigen und Betroffenen hinwenden und Sorgen zu Herzen nehmen. Kommunikation lautet hier das Stichwort.
• Marktmechanismen müssen kritisch hinterfragt werden. Qualität zahlt sich aus. Das impliziert am Ende des Tages, dass das teurere Hilfsmittel bewilligt wird.
• Patienten, Krankenkassen, Verbände und Leistungserbringer müssen regelmäßig an einem runden Tisch zusammenkommen, um Transparenz in der Hilfsmittelversorgung zu erzeugen. Nur dann könne eine adäquate Versorgung gewährleistet werden.

Das Vortragsmanuskript der Rechtsanwältin Nathalja Charlamenko kann als PDF heruntergeladen werden unter: www.rehacare.de/Kummerkasten
 
 
Foto: Melanie Günther

© Barbara Frommann-Czernik




Melanie Günther
REHACARE.de