Hilfsmittel: Mangelware in Afrika

Die medizinische Versorgung mit Hilfsmitteln ist nicht in jedem Land dieser Erde zufriedenstellend geregelt. Im Senegal beispielsweise deckt das Sozialsystem die notwendigen Kosten nicht ab. Menschen mit Behinderung müssen benötigte Hilfsmittel also selbst zahlen. Doch was passiert, wenn das nicht möglich ist?

02.02.2015

 
Foto: Viele Rollstühle im Lager im Senegal

So viele Rollstühle auf einem Fleck sieht man im Senegal eher selten; © Rollis für Afrika

Diese Frage stellten sich 2003 zwei junge Männer namens Pablo Charlemoine und Estevan Toubape. Aufgrund einer Muskelatrophie nutzt Toubape im Alltag einen Rollstuhl. Während einer Reise in den Senegal sah Charlemoine mit eigenen Augen, wie groß der Bedarf an Hilfsmitteln dort tatsächlich ist. Mit dieser Erfahrung und vielen Kontakten kehrte er nach Deutschland zurück und gründete zusammen mit Toubape den Verein Rollis für Afrika.

Rollstühle auf Reisen

Die Idee: In Deutschland ausrangierte, aber noch funktionstüchtige Rollstühle und Gehhilfen werden gesammelt und nach Afrika verschifft. Dort kann auf diese Weise zumindest eine gewisse Grundversorgung mit Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderung ermöglicht werden.

"An die Hilfsmittel kommen wir vor allem über Kontakte zu Sanitätshäusern oder aber auch über private Sachspenden", erklärt Elias Nies von Rollis für Afrika. Alle gesammelten Gehhilfen und Rollstühle werden erst in einem der drei Lager in Wuppertal, Heidelberg und Berlin zwischengelagert. Von dort werden alle Hilfsmittel zentral nach Heidelberg gebracht. Hier kommen viele engagierte Menschen zusammen, um die Hilfsmittel gegebenenfalls noch zu reparieren, bevor sie dann einmal im Jahr in einen großen Schiffscontainer geladen und in den Senegal geschickt werden. Der Weg von Deutschland nach Afrika dauert etwa drei Wochen.
 
Doch vor Ort werden die Hilfsmittel nicht einfach auf gut Glück verteilt. Im Vorfeld wird dort genau geprüft, wer welche Hilfsmittel benötigt. Mithilfe einer Datenbank erfassen die Helfer vor Ort den konkreten Bedarf der einzelnen Personen, sodass am Ende jeder möglichst das passende Hilfsmittel bekommen kann.

Derzeit gelangt auf diesem Weg eine Lieferung pro Jahr mit etwa 300 Hilfsmitteln in den Senegal. "Für mehr haben wir zurzeit aber auch keine Kapazitäten – weder in Deutschland noch in Afrika", erzählt Nies.
Foto: Container wird mit Rollstühlen beladen
Foto: Rollstühle werden aus einem Container geladen
Foto: Gehhilfen werden noch angepasst
Foto: Bus wird im Senegal mit Hilfsmitteln beladen
Foto: Teil des Teams von Rollis für Afrika
Foto: Untersuchung und anschließende Verteilung von Hilfsmitteln
Foto: Frau mit Gehhilfe steht vor dem Verteilungs-Bus

Mobilität und Teilhabe

"Im Senegal gibt es im Prinzip gar keine Hilfsmittel-Industrie", sagt Buki Akomolafe. Sie selbst begleitete schon einige Projektreisen. "Deswegen ist es durchaus üblich, dass Menschen dort auf dem Boden kriechen, weil sie einfach keine Alternative haben. Oder sie improvisieren: Sie bauen sich Gehhilfen aus Metall und Holz oder eine Art Rollstuhl aus Plastikstühlen."

Diese Umstände wollen Akomolafe, Nies und ihre Mitstreiter aber nicht hinnehmen. "Wenn durch unseren Einsatz auch nur eine Person vor Ort einen Rollstuhl bekommt, damit mobiler wird und beispielsweise wieder zur Schule gehen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, dann wissen wir, dass es sich lohnt", erklärt Nies seine Motivation.

Die Menschen im Senegal freuen sich in der Regel sehr über die Gehhilfen und Rollstühle, auch wenn diese natürlich oft auch nicht perfekt auf sie abgestimmt sind. "Besonders Kinder sind aber oft auch erst einmal überfordert mit der Situation und ängstlich", hat Akomolafe beobachtet. Das legt sich aber meist schnell, wenn sie dann ein entsprechendes Mobilitätstraining bekommen – sei es das richtige Treppensteigen mit der Gehhilfe oder ein spezifisches Rollstuhl-Training.

"Ich erinnere mich an einen Jugendlichen, der vorher jahrelang auf den Boden entlang gekrochen ist", sagt Akomolafe. "Nachdem er seine Gehhilfen bekommen hatte, konnte er nun eine handwerkliche Ausbildung machen. Inzwischen spielt er außerdem aktiv Rollstuhlbasketball."
Foto: Rollstuhl-Glücksrad auf dem Fusion-Festival

Mit Mitmach-Aktionen wie hier auf dem Fusion-Festival sammelt das Team auch in Deutschland Spenden und sensibilisiert für die Situation im Senegal; © Rollis für Afrika

Hilfe zur Selbsthilfe

Zusätzlich zu den Sachspenden beinhalten die Vereinstätigkeiten aber auch Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung. Im Senegal selbst erfolgt dies vor allem in Form von Workshops, die als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen sind.

"Doch wir müssen nicht nur den Menschen mit Behinderung selbst erreichen, auch die politischen Entscheidungsträger müssen umdenken", sagt Nies. "Wir können mit der Grundversorgung nicht auf die Dauer die Aufgabe des Staates übernehmen. Es muss ein politischer Wandel stattfinden, der es ermöglicht, die Kosten für die Hilfsmittelversorgung aus staatlichen Kassen zu finanzieren."
Mehr über den Verein Rollis für Afrika unter: www.rollis-fuer-afrika.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de