Im Turbogang zur Inklusion: Abschluss der SoVD Kampagne auf der REHACARE

Interview mit Franz Schrewe, Landesvorsitzender beim SoVD NRW

28.09.2016

Der Sozialverband Deutschland Nordrhein-Westfalen (SoVD NRW) hat im Sommer eine große Mitmach-Kampagne gestartet: "Ich bin nicht behindert, ich WERDE behindert" zeigt die Solidarität von Menschen mit und ohne Behinderung, sowie die Forderung der konsequenten Umsetzung des UN-Behindertenrechtskonvention. Die Abschlussveranstaltung der Kampagne wird am Mittwoch um 15 Uhr im REHACARE-Forum stattfinden.

Bild: Franz Schrewe, Matthias Veit, Dr. Michael Spörke und Markus Gerdes ; Copyright: beta-web/Höpfner

Franz Schrewe (Landesvorsitzender), Matthias Veit (Landespressesprecher), Dr. Michael Spörke (Abteilungsleiter Sozialpolitik) und Markus Gerdes (Landesgeschäftsführer) bei der REHACARE; © beta-web/Höpfner

Franz Schrewe ist Landesvorsitzender beim SoVD NRW. REHACARE.de sprach mit ihm über die Ziele der Kampagne, prominente Unterstützung und die politische Bedeutung.

Herr Schrewe, was macht die Kampagne aus?

Franz Schrewe: Die Kampagne zeichnet sich dadurch aus, dass jeder mitmachen kann. Getreu dem Motto: nicht über die Betroffenen ohne die Betroffenen. Jeder hat die Möglichkeit, sich einzubringen und mit einem Foto zum Ausdruck zu bringen, dass er oder sie unsere Forderungen unterstützt. Das bedeutet, dass sich diese Person also ebenfalls eine beherzte, ehrliche, glaubwürdige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wünscht – oder besser gesagt: sie fordert. Die Foto-Unterstützung ist praktisch. Sie funktioniert online, ist also auch für Menschen möglich, die nicht persönlich zu unseren Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen kommen konnten. Vor Ort waren viele Menschen bereit, spontan mitzumachen und ein Foto von sich machen zu lassen. Dabei kam man schnell ins Gespräch. Viele wollten dann nicht nur mehr über unsere Kampagne wissen, sondern holten sich auch Informationen über unseren Verband und zeigten Interesse an unserer Sozialberatung, die wir für alle unsere Mitglieder anbieten.

Und noch einen ganz wichtigen Vorteil haben die Fotos: es ist völlig egal, ob man hören, sehen, sprechen oder gehen kann – von der Foto-Möglichkeit war niemand ausgeschlossen, Teilhabe für alle im Kleinen sozusagen. Das hat nicht nur Symbolcharakter, das war uns einfach wichtig. Natürlich haben wir uns auch gefreut, dass so viele Menschen ihren Foto-Beitrag dann auch noch auf Facebook geteilt haben. Das war ja der Sinn der Sache: Mach mit und rede drüber. Die sozialen Netzwerke wie Facebook bieten eben die Möglichkeit einer enormen Verbreitung von Informationen, Aktionen und Bildern – das haben wir genutzt, mit Erfolg.

Wie haben Sie die Öffentlichkeit auf die Kampagne aufmerksam gemacht?

Schrewe: Um möglichst viele Menschen anzusprechen und in den sozialen Medien Gesprächsthema zu werden, haben wir natürlich auch Prominente angesprochen, ob sie uns unterstützen. Und dann landete eines Tages eine E-Mail von Gaby Köster bei uns im Posteingang mit einem schönen Unterstützer-Foto. Sie hat ja ein Buch über ihren Kampf zurück ins Leben geschrieben, nachdem sie einen Schlaganfall hatte. Viele ihrer Fans hatten sich dem Thema Assistenzbedürftigkeit und Behinderung also bereits geöffnet und wurden als Betroffene zum Gaby-Köster-Fan. Als sie dann auf Facebook ihr Foto mit dem Kampagnenplakat postete und süffisant fragte "Warum wird man eigentlich mit´m Rolli in der Stadt immer lauter angesprochen, als wäre man als Rollifahrer automatisch auch schwerhörig?", schossen unsere Facebook-Zahlen wirklich in ungekannte Höhen. Sie sprach damit vielen Menschen offenbar aus dem Herzen und sorgte so für extrem viel Aufmerksamkeit für unsere Kampagne. Über 274.000 erreichte Personen und tausende Likes. Dann wurde der Beitrag auch noch knapp 1.000 Mal geteilt. Also mit so einem Erfolg hatten selbst die Optimisten bei uns nicht ernsthaft gerechnet.

Bei Facebook und Twitter haben Sie also große Resonanz auf die Kampagne erhalten. Aber die dazugehörige Spendenaktion läuft eher schleppend. Warum ist es so schwierig?

Schrewe: In der Tat würden wir uns wünschen, dass mehr Menschen für die Kampagne spenden, zumal auch schon fünf Euro helfen, wenn denn viele mitmachen. Und es ist ja auch denkbar einfach: Es sind nur ein paar Klicks nötig, kostet wenig Zeit. Wer über Paypal mitmacht, musste noch nicht mal seine Bankverbindung eingeben. Die Leute haben oft wenig Zeit, das wussten wir. Von daher war es uns wichtig, dass das Spenden so einfach wie möglich gemacht wird.

Bild: Kampagne Betty; Copyright: SoVD NRW

"Ich erlebe mich gar nicht als behindert. Ich bin eben so geboren worden"; © SoVD NRW

Das Problem ist wahrscheinlich, dass die Leute denken: „Hey, das ist ein traditionsreicher Sozialverband. Das sind Profis; die können sich das leisten und brauchen meine Hilfe nicht.“ Wahrscheinlich wissen viele nicht, dass wir nicht nur politisch unabhängig sind, sondern uns auch nahezu ausschließlich von Mitgliedsbeiträgen finanzieren und diese Gelder natürlich vor allem in unser Geschäftsstellennetz und die Sozialberatung fließen. So dass wir uns also ziemlich strecken müssen, um solch eine Kampagne auf die Beine zu stellen. Es hat am Ende auch so geklappt, auch dank der Menschen, die ehrenamtlich bei uns im SoVD mitmachen, Kuchen gebacken, den Stand mit aufgebaut, Plakate aufgehängt haben. Aber das hat Grenzen.

Und von daher sind wir schon froh, dass zumindest einige Leute uns bisher mit einer Spende unterstützt haben. Generell wird das Problem sein, dass eine Kampagne als weniger konkret wahrgenommen wird, als sagen wir mal ein Brunnenbau, Schulhefte oder fehlende warme Decken. Wer spendet schon gerne für die Erstellung einer Kampagnen-Homepage? Aber solche Dinge brauchten wir eben.


Der SoVD NRW hat sehr konkrete Forderungen. Was wird die Politik wohl in der nächsten Zeit umsetzen können?

Schrewe: Entscheidend ist, dass die nordrhein-rheinwestfälische Landesregierung Wege findet, damit die berechtigten Erwartungen behinderter Menschen in NRW an eine konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention nicht weiterhin zwischen dem Streit von Land und Kommune und angeblich fehlenden finanziellen Ressourcen zerrieben und enttäuscht werden. Die Umsetzung der Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention muss viel konsequenter vorangetrieben werden als bisher. Da muss die Politik in NRW unverzüglich ran. Gleiches gilt für die Diskussion um das Bundesteilhabegesetz. Hier erwarten wir, dass die Landesregierung im Bundesrat jetzt handelt und ihre Stimmen nutzt, um Verbesserungen am Gesetzentwurf für die Betroffenen zu erreichen.   

Der Vortrag bei der REHACARE ist gleichzeitig die Abschlussveranstaltung der Kampagne. Wie geht es danach weiter?

Schrewe: Nun, wir werden den Auftrieb der Kampagne nutzen, um unsere behindertenpolitischen Forderungen energisch weiter zu vertreten und Verbesserungen für das Leben behinderter Menschen in NRW einzufordern. Das ist es, was die Menschen in NRW von uns erwarten und was sie uns in zahlreichen Gesprächen während der Kampagne vermittelt haben. Behinderte Menschen in NRW wollen nicht noch 100 Jahre warten müssen, bis das Land barrierefrei ist. Nicht Schneckentempo ist hier angesagt, sondern der Turbomotor muss endlich angeworfen werden. Dafür werden wir streiten und kämpfen.

Foto: Abschlussverantstaltung des SoVD im REHACARE-Forum; Copyright: beta-web/Höpfner

Volles Haus bei der SoVD-Abschlussveranstaltung im REHACARE-Forum; © beta-web/Höpfner


Leonie Höpfner
REHACARE.de