Inklusion: Mut in Lehrerausbildung gefragt

14.04.2014
Foto: Lehrerin mit Schülern im Unterricht

Die theoretischen Studieninhalte setzen die Lehrkräfte schrittweise im Schulalltag in die Praxis um; © Isa Lange/Uni Hildesheim

Auf Unsicherheit folgt Aufbruchsstimmung in manchen Lehrerzimmern: Die Universität Hildesheim setzt auf langfristige Begleitung von Schulen. Mittlerweile wurden knapp 80 Lehrkräfte in einem zweijährigen berufsbegleitenden Studiengang weitergebildet. Derzeit arbeitet die Universität an Strukturen, damit Inklusion fester Bestandteil der Lehrerausbildung wird.

Seit 2009 gilt die UN-Konvention, seit 2013 ein Rechtsanspruch in Niedersachsen: Alle Kinder sollen gemeinsam die Schule besuchen können. Die Universität Hildesheim unterstützt Schulen auf dem Weg zur Inklusion und bildet Lehrkräfte aller Schulformen in einem zweijährigen berufsbegleitenden Studiengang „Inklusive Pädagogik“ fort. In Niedersachsen gibt es somit einen der ersten Weiterbildungsstudiengänge für Inklusive Pädagogik: Das zieht Lehrkräfte etwa aus Bayern, Hessen, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein an.

In zwei Jahren lernen sie, wie sie mit der Vielfalt im Unterricht umgehen, im Team und mit Fachleuten zusammenarbeiten können. Die Lehrer setzen Studieninhalte schrittweise in den Schulalltag um und werden dabei begleitet, erklärt Erziehungswissenschaftlerin Britta Ostermann. „Die Begleitung wird sehr stark nachgefragt.“

Die meisten Studierenden finanzieren das Studium derzeit selbst, andere erhalten finanzielle Unterstützung über das Schulbudget. Darüber hinaus wurden Stiftungsgelder eingeworben, um Stipendien zu vergeben. „Die Qualität der Fortbildungen ist entscheidend für das Gelingen der Reform“, sagt Ostermann. Es gehe neben didaktischen Fragen um eine Haltungsänderung im Lehrerzimmer, die nicht in kurzfristigen Fortbildungen zu erzielen sei.

Etwa einmal im Monat, zwei Jahre lang, kommen die Lehrkräfte aller Schulformen – im Alter von 25 bis 60 Jahren – in Hildesheim zusammen. Zwischendurch stehen Beratungstermine und Unterrichtsbesuche an.

Sie lernen, wie eine Schule zur inklusiven Schule wird: Von der Zusammenarbeit mit Eltern und Fachleuten bis zu Diagnostik und Umgang mit Konflikten. Unterrichtsbesuche und Lerntandems mit Lehrkräften aus der Schweiz und Italien gehören zum Studienprogramm. Manche Oberschulen bilden ein Vierer-Team fort, die Lehrer geben ihr Wissen an das Kollegium weiter und sollen als Multiplikatoren wirken. Einen anderen Weg gehen mehrere Oberschulen im Landkreis Hildesheim: Die Universität erfasst, wie sich die Bedingungen für inklusives Lernen an den Schulen verändern, und entwickelt darauf aufbauend eine passgenaue Weiterbildungsreihe über eineinhalb Jahre, etwa in Söhlde und Nordstemmen. Die gesamten Kollegien werden an der Uni in Hildesheim fortgebildet.

Auch der Bedarf nach einschlägig ausgebildetem Personal an Universitäten ist gestiegen, so existieren an vielen Hochschulen, die bisher Regelschullehrer ausbilden, keine Professuren für inklusive Pädagogik. Diese werden aber gebraucht, um die Lehramtsstudierenden auf die neuen Tätigkeiten vorzubereiten.

Eine fächerübergreifende Arbeitsgruppe bestehend aus einer Professur für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Inklusion und wissenschaftlichen Mitarbeitern erarbeitet derzeit in Hildesheim, wo mit 2600 Studierenden ein Großteil der niedersächsischen Grund-, Haupt- und Realschullehrer ausgebildet wird, Konzepte und Inhalte, um inklusive Pädagogik in der Lehrerausbildung zu verankern. Dabei setzt die Universität auch auf die enge Zusammenarbeit mit Partnerschulen in allen Praxisphasen. In den „Schulpraktischen Studien" beobachten die angehenden Lehrkräfte in einer studentischen Kleingruppe bereits im ersten Studienjahr jeden Freitag Unterricht und sprechen darüber mit dem Lehrer und einem Erziehungswissenschaftler. Etwa 500 Erstsemester starten so jeden Oktober in ihr erstes Studienjahr – und erhalten früh echte Einblicke in die Schulrealität.

Auch die Fächer setzen sich mit Inklusion in Forschung und Lehre auseinander: So lernen angehende Sportlehrer wie sie mit der Vielfalt im Unterricht umgehen können – bei einer Sportprofessorin, die selbst mehrere Jahre an einer Schule unterrichtet hat, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. In einer Studie erfassen die Professoren Kathrin Hauenschild und Werner Greve von der Universität Hildesheim, welche Rolle Lehrer bei der Umsetzung von Inklusion spielen. Dabei hat das Forscherteam 120 niedersächsische Grundschullehrer befragt, welche Erwartungen ihr Handeln bestimmen. Mit welchen Einstellungen Lehrer den Wandel begleiten, dürfe nicht unterschätzt werden. In einem weiteren Forschungsprojekt untersuchen Psychologen, wie Eltern von behinderten Kindern mit Belastungen umgehen und welche Schulform sie sich für ihre Kinder wünschen.

REHACARE.de; Quelle: Stiftung Universität Hildesheim

Mehr über die Universität Hildesheim unter: www.uni-hildesheim.de/inklusion