Inklusion im Kleiderschrank: Mode ist für alle da

Ob edel oder leger, ob unscheinbar oder auffällig – mit Kleidung drücken Menschen nicht nur ihre aktuelle Stimmung aus, sondern vor allem auch ihre Persönlichkeit. Das Angebot auf dem Markt ist groß, da ist in der Regel für jeden Geschmack etwas dabei. Doch gilt das auch für Menschen mit Behinderung? Was erwarten sie von der Mode heutzutage?

05.01.2015

 
Foto: Rollstuhlfahrerin in farbenfroher Kleidung; Copyright: privat

Tanja Kollodzieyski experimentiert gerne mit Mode herum und mixt auch gerne mal verschiedene Stile; © privat

Lukas Seidel bevorzugt den schlichten, klassischen Stil, Volker Westermann hingegen mag es auffällig. Laura Gehlhaar liebt vor allem schwarze Kleidung, Tanja Kollodzieyski treibt es gerne bunt.

So unterschiedlich die einzelnen Menschen sind, so unterschiedlich kleiden sie sich auch. Die meisten sind sich dabei aber bewusst, dass Kleidung eine Wirkung nach außen hat. "Ich habe durchaus bemerkt, dass mein Umfeld mich ganz anders wahrnimmt, wenn ich bewusst darauf achte", erzählt Cinderella Glücklich. "Die Kleidung, die ich trage, vermittelt mir außerdem immer ein bestimmtes Gefühl – beispielsweise elegant, zielstrebig oder gelassen."

Bitte bequem und barrierefrei

Viele Menschen drücken mithilfe von Mode ihre Persönlichkeit aus und schaffen somit ein Stück weit ihre Identität. Das gibt ihnen Selbstvertrauen und ein positives Körpergefühl. Dieses ergibt sich auch durch einen hohen Tragekomfort. "Mode muss vor allem praktisch sein", findet Laura Gehlhaar. "Das heißt für mich, dass sie nicht zwicken oder drücken sollte, da ich den ganzen Tag sitze. Deshalb trage ich am liebsten Hosen mit Gummizug oder zum Schnüren."
 
Auf spezielle Mode für Menschen mit Behinderung greift die Rollstuhlfahrerin nicht zurück. Ihr gefallen diese Kleidungsstücke überhaupt nicht. "Außerdem kenne ich meinen Körper und meine Bedürfnisse gut und weiß genau, wo ich etwas finde, was mir gut stehen könnte."

Dass das Shoppen bei großen Kaufhausketten oder in kleineren Läden aber nicht immer so einfach ist, bemängelt Cinderella Glücklich: "In vielen Geschäften sind die Durchgänge meist viel zu schmal für Rollstuhlfahrer, die Umkleidekabinen zu klein und die Ware ist aus der Sitzposition oft nicht erreichbar." Auch in der Bekleidungsbranche spielt Barrierefreiheit also eine immer noch unterschätzte Rolle. Natürlich bietet sich der Online-Handel als Alternative an, doch im Sinne einer inklusiven Gesellschaft ist es sicher nicht.
Foto: Laura Gehlhaar; Copyright: Andi Weiland
Laura Gehlhaar
Laura Gehlhaar trägt am liebsten elegantes Schwarz. "Da muss man sich wenig Gedanken machen über das morgendliche Outfit. Denn schwarz geht immer. Aber: Ein absolutes Muss sind knallbunte, durchgeknallte, leicht hässliche Sneakers." Ansonsten denkt sie aber nicht viel über Mode nach. "Ich kleide mich selbst zwar gerne ein, weiß aber nie, ob ich gerade irgendeinen Trend mitmache oder unbewusst den nächsten Modefauxpas lande."
Foto: Cinderella Glücklich; Copyright: Johannes Mairhofer/Kein Widerspruch
Cinderella Glücklich
Von elegant bis zielstrebig – Kleidung vermittelt Cinderella Glücklich immer ein bestimmtes Gefühl. "Damit ist Mode mein für andere unsichtbarer Helfer in allen Lebenslagen." Das Verhältnis von Preis und Qualität ist ihr dabei besonders wichtig. "Leider bin ich diesbezüglich immer noch auf der Suche nach dem passenden Anbieter. Natürlich sollte mir Mode auch gefallen, wenn ich sie trage. Für Menschen mit Behinderung im Speziellen muss meiner Meinung nach übrigens noch sehr viel getan werden: Nicht nur, was das Design und den Schnitt von Mode angeht, sondern auch was die Darstellung und den Verkauf betrifft."
Foto: Lukas J. G. Seidel; Copyright: privat
Lukas J.G. Seidel
Lukas J.G. Seidel bezeichnet seinen Kleidungsstil als bedacht, "vielleicht ein wenig konservativ-aufgelockert: Hemd (weiß oder schwarz) mit passendem Halstuch (manchmal). Jeans. Und dazu die altbekannten Herrenschuhe." Sein Motto lautet: Erst wenn die Hosen des Anzugs auf gute Schuhe fallen, kann von einem perfekten Outfit gesprochen werden! "Ich, der durchaus von der Stange kaufen kann, achte sehr darauf, dass Kleidung sehr schlicht ist. Einfarbig oder aber auch mal mit Farbe, aber bitte ohne Aufnäher und Bildchen im Micky-Maus-Stil."
Foto: Vanessa Franke; Copyright: privat
Vanessa Franke
Mode gibt Vanessa Franke vor allem Selbstvertrauen. "Von Mode erwarte ich in erster Linie Qualität und stilvolles Design. Dabei geht für mich aber Ästhetik über den praktischen Aspekt. Bei Mode für behinderte Menschen sollte die Kleidung bestenfalls beides vereinen. Hochwertige Materialien sind mir wichtig, aber vor allem sollte sie immer zum Typ passen. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung, soll seinen eigenen Modestil ausleben können und sich modisch nicht (zwangsläufig) an die Behinderung anpassen müssen."
Foto: Ninia LaGrande; Copyright: privat
Ninia LaGrande
Ninia LaGrande liebt Sneaker, außergewöhnliche Shirts und Pullis sowie Mützen und Hüte aller Art – Hauptsache gemütlich und trotzdem stylisch. "Im Grunde genommen bin ich Hipsterin, das kann ich wohl nicht leugnen." Mode hilft ihr, Launen auszudrücken und unterschiedliche Rollen einzunehmen. "Ich kleide mich gerne auffällig und außergewöhnlich. Die Leute schauen mich eh an, dann kann ich ihnen auch ein bisschen was bieten."
Foto: Tanja Kollodzieyski; Copyright: privat
Tanja Kollodzieyski
Tanja Kollodzieyski beschreibt ihren Kleidungsstil als bunt und sehr experimentell. Neben bequemer und wärmender Kleidung erwartet die Studentin vor allem ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis. Was oft aber in der Regel nicht der Fall ist. "Ansonsten bemängele ich die Entwicklung der Modebranche zu immer kleineren Größen. Ich kaufe gerne eher eine Nummer größer, um bequem sitzen zu können." Herstellern von Mode für Menschen mit Behinderung möchte sie noch mitgeben: "Achtet bitte auch auf die Optik! Fußsäcke, Regenponchos und Co. müssen nicht immer schwarz oder grau sein!"
Foto: Volker Westermann; Copyright: privat
Volker Westermann
"Mein Kleidungsstil ist bunt – so wie ich eben mein eigenes Leben sehe", sagt Volker Westermann. Der Moderator zieht sich gerne auch mal elegant an, aber immer gepaart mit einem Paar seiner fast 50 Converse Chucks. "Womöglich habe ich tatsächlich einen Schuh-Tick." Für Westermann ist Kleidung Ausdruck eines Lebensgefühls und Verstärker seiner Persönlichkeit. "Ich finde es toll, dass in der 'emanzipatorischen' Bewegung der 'Behindertenszene' (ich wähle diese Worte bewusst) die Themen Schönheit, Körpergefühl und Sexualität mittlerweile selbstverständlich geworden sind – und da trägt Mode einen großen Teil zu bei. Wir haben das Recht und gar die Pflicht zu zeigen, dass man uns nicht, vielmehr wir uns nicht verstecken müssen! Ich wünsche mir an dieser Stelle noch viel mehr Mut von den Menschen, die sich noch nicht an dieses bereichernde Thema herangewagt haben."
Foto: Anastasia Umrik; Copyright: privat
Anastasia Umrik
Anastasia Umrik achtet darauf, dass Mode ihre Persönlichkeit nicht verändert, sondern viel mehr unterstreicht. Dafür hat sie meistens die neueste Mode im Schrank. "Mode kann aber auch politische Statements setzen. Mode ist Kommunikation, ich kann damit sowohl meine Stimmungen als auch Absichten mitteilen." Unabhängig davon sollte Mode für sie bequem sein und nicht das Gefühl vermitteln, "dass man 'zu fett' oder für einen Schnitt nicht gemacht sei". Ihre Idealvorstellung von Mode? "Jedes Teil sollte das Potenzial haben, DAS Lieblingsteil zu werden. In der Realität ist das natürlich nicht immer machbar, schon klar."
Foto: Elwira Szyca; Copyright: privat
Elwira Szyca
Für Elwira Szyca hat ihr Rollstuhl modisch gesehen Vorteile: "Ich habe das Gefühl, dass ich mir mehr erlauben und tiefer in die Schmuckschatulle greifen kann." Außerdem ist es ihr wichtig, nicht den Vorstellungen anderer von einer behinderten Frau zu entsprechen: "Nur weil ich nicht laufen kann, heißt das nicht, dass ich nicht selbstbewusst zu meinem Körper stehen kann. Und Kleidung gibt mir die Möglichkeit meinen Körper zu feiern." Zwischen Mode für Menschen mit oder ohne Behinderung möchte Elwira Szyca daher nicht unterscheiden müssen. "Wie jede andere Frau auch, möchte ich mich wohl fühlen, souverän auftreten, attraktiv sein, kompetent wirken – in jeder Situation und meiner Stimmung entsprechend. Kleidung soll mir dazu verhelfen, mich zu entfalten und dabei doch ich selbst zu bleiben. Ich bin doch so viel mehr als behindert."
Foto: Dennis Meier; Copyright: privat
Dennis Meier
Dennis Meier kleidet sich vor allem sportlich und funktional. "Mode ist mir immer dann wichtig, wenn es auch einen äußeren Anlass gibt, zu dem sie passen muss. Da ich Künstler bin, ist mir meine Kleidung vor allem auf Eröffnungen wichtig." Im Alltag legt Dennis Meier besonderen Wert auf einen hohen Tragekomfort: "Also vor allem leichte Kleidung, wegen meiner Muskelerkrankung. Außerdem ist es wichtig, dass mein unterer Rücken gut bedeckt ist."
Foto: Asun Kramer; Copyright: privat
Asun Kramer
Asun Kramer liebt schöne Kleider: "Ganz egal ob kurz, lang, eng, weit, mini, elegant oder sexy. Allerdings ist es im Rollstuhl nicht immer ganz geschickt oder leider oft zu kalt dafür." Moderne, ansprechende Kleidung ist ihr allerdings sehr wichtig, genauso wie: Schuhe. "Da ich sowieso schon einen Spitzfuß habe, trage ich wirklich immer High Heels! Ich liebe sie und finde sie wegen meiner Fußhaltung sogar viel bequemer als normale flache Schuhe, die ich inzwischen gar nicht mehr besitze. Das Gute daran ist, dass ich nicht darin laufen muss und somit auch keine Schmerzen habe."


Erfinderisch jenseits der Norm

Menschen mit sichtbaren Behinderungen fallen im Straßenbild noch immer auf. Genau aus diesem Grund spielen viele erstrecht mit den Erwartungen anderer. "Ich setze Mode sehr bewusst ein, um mit der öffentlichen Aufmerksamkeit durch meine Behinderung umzugehen", erzählt Tanja Kollodzieyski. "Deswegen kleide ich mich so, dass ich sozusagen die Blicke der Passanten bewusst herausfordere." Dieser Umgang hilft der Studentin dabei, sich aus der passiven Rolle des Angestarrtwerdens zu befreien und schon im Vorfeld selber tätig zu werden.

Auch Ninia LaGrande geht da ähnlich vor: "Ich kleide mich gern auffällig und außergewöhnlich. Die Leute schauen mich eh an, dann kann ich ihnen auch ein bisschen was bieten." Die Social Media Managerin gilt mit 1,40 Meter Körpergröße als kleinwüchsig.

"Mode ist genormt und für Körper gemacht, die es so meist nicht gibt. Deshalb muss man lernen zu tricksen, wenn man aus der Norm fällt." Deswegen kauft sie zum Beispiel viele Hosen und Leggins in der Kinderabteilung. "Die passen mir besser und sind auch noch günstiger. Außerdem kann ich vieles mit umnähen, abschneiden und anderen kleinen Änderungen individueller gestalten", erzählt sie.

Ob im Rollstuhl oder mit einer anderen körperlichen Einschränkung – viele Menschen mit Behinderung werden in Sachen Mode erfinderisch und müssen hier und da etwas herum tricksen. Manche stört das mehr, manche weniger. Damit bald auch Inklusion im Kleiderschrank herrscht, muss allerdings noch einiges passieren. "Ich erwarte von Mode, dass sie für alle Menschen da ist. Das ist leider immer noch nicht der Fall", fasst Ninia LaGrande die Situation zusammen.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de