Inklusion in Bildung und Beruf: Schulbank, Hörsaal, Chefsessel?

02.11.2016

Kinder mit Behinderung sollen gemäß UN-Behindertenrechtskonvention inklusiv beschult werden. Doch die Realität sieht oft noch anders aus. Und was kommt nach der Schule? Ausbildung, Studium oder doch nur Behindertenwerkstatt? Die Wünsche und Bedürfnisse unterscheiden sich noch immer sehr von dem, was unsere Gesellschaft derzeit möglich macht.

Foto: Lehrerin steht hinter Schülerin am Computer; Copyright: panthermedia.net/Fabrice Michaudeau

In einigen Ländern ist Inklusion in der Schule und im Berufsleben ganz selbstverständlich - in anderen allerdings nicht; © panthermedia.net/Fabrice Michaudeau

Besonders aus den Lebensbereichen Bildung und Beruf ist das Schlagwort Inklusion nicht mehr wegzudenken. Doch darüber gesprochen wird vor allem, weil es immer noch viel Rede- und Erklärungsbedarf gibt. Denn schon bei der Frage Regelschule oder Sondereinrichtung fängt die Diskussion oft an:

Viele Eltern aber auch Lehrkräfte fragen sich, ob und wie es funktionieren kann, wenn Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Immer mehr Beispiele aus dem Schulalltag allerdings zeigen, dass es scheinbar mehr die Unsicherheit und die Angst vor der Veränderung ist. Denn egal ob autistischer Schüler oder Schülerin im Rollstuhl – sie alle können mit der richtigen Unterstützung und einigen Anpassungen vor Ort am Regel-Unterricht teilnehmen. Was immer häufiger in Deutschland, Österreich und auch der Schweiz umgesetzt wird, aber nach wie vor trotzdem nur Einzelfall-Lösungen sind, gehört beispielsweise in Italien und Schweden schon seit Jahrzehnten zum Alltag.

Unterstützung in Lehre und Studium

Wenn der Schulweg dann wirklich inklusiv beginnt, soll es anschließend natürlich genauso weitergehen. Doch die Suche nach beispielsweise einem Ausbildungsplatz ist nicht einfach – schon gar nicht mit einer Behinderung. Die Lehrstellenbörse "Lehre + Handicap" hat es sich deswegen zur Aufgabe gemacht, Schweizer Jugendliche mit Behinderung mit aufgeschlossenen Lehrbetrieben zusammenzubringen. Derzeit sind dort über 200 Lehrstellen ausgeschrieben. Die Lehrstellenbörse ist seit Juni 2016 online – mit ersten Erfolgen: "Wir wissen bisher von drei Lehrstellen, die dank unseres Angebotes durch Jugendliche mit Behinderung besetzt wurden", sagt Simon Müller, Projektleiter von "Lehre + Handicap" bei der Stiftung MyHandicap.

Viel Unterstützung und Beratung erhalten auch Studierende mit Behinderung an der Technischen Universität (TU) Dortmund: 2001 entstand dort der Bereich Behinderung und Studium (DoBuS), der sowohl Beratungsdienst, Umsetzungsdienst zur sehgeschädigtengerechten Adaption von Studienmaterialien und Arbeitsraum als auch Hilfsmittelpool für behinderte Studierende zugleich ist. Studierende erhalten hier Einzelberatung und werden beispielsweise bei der Beantragung von Eingliederungshilfen wie technische Hilfsmittel oder Begleitpersonen unterstützt. Je nach Behinderung kann auch die Beantragung von Nachteilsausgleichen für Prüfungen notwendig sein – etwa ein extra Raum oder mehr Zeit.

Doch es werden auch strukturelle Probleme und Barrieren aufgedeckt und gezielt angegangen. Das DoBuS-Team setzt beispielsweise Studienmaterialien in verschiedene Medienformen um, so dass sehbehinderte und blinde Studierende ebenfalls ungehindert damit in den Lehrveranstaltungen arbeiten können. Auch bauliche Barrieren werden weiter abgebaut: Die ganze Universität soll beispielsweise nach und nach mit einem Leitsystem für blinde Studierende ausgestattet werden.

Für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung oder chronischer Krankheit bietet die TU Dortmund außerdem jedes Jahr ein Schnupperstudium an. Sie können drei Tage lang an Lehrveranstaltungen teilnehmen und sich einen ersten Eindruck vom Studienalltag machen. So können bereits viele offene Fragen geklärt werden: Wie ist die Akustik im Hörsaal? Bin ich körperlich in der Lage, den Alltag hier zu bewältigen? Wie organisiere ich meinen behinderungsbedingten Studienmehrbedarf?

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Denn in Hinblick auf das geplante Bundesteilhabegesetz übt das Deutsche Studentenwerk in einer Stellungnahme deutliche Kritik: Studierende mit Behinderungen, die derzeit noch Leistungen der Eingliederungshilfe beziehen, könnten künftig aus dem Leistungsbezug herausfallen, befürchtet der Verband. Ihnen würde somit Exklusion statt Inklusion drohen.

Menschen mit Behinderung in Führungspositionen

Auch auf dem ersten Arbeitsmarkt sieht die Realität oft noch erschreckend aus: Unternehmen müssen ab 20 Mitarbeitern mindestens fünf Prozent Menschen mit Schwerbehinderung einstellen. Doch aktuelle Zahlen besagen, dass sich 95 Prozent der deutschen Unternehmen von dieser Regelung freikaufen. Und insgesamt nur 16 Prozent der Menschen mit Behinderung arbeiten außerhalb von Behindertenwerkstätten.

Umso wichtiger erscheint da beispielsweise die erst kürzlich erfolgte Gründung des Bundesverbandes "Führungskräfte mit Behinderung". Die Vereinsgründung wurde durch den Verein "Leadership Berlin - Netzwerk Verantwortung e.V." unterstützt. Janis McDavid ist einer derjenigen, die im Vorfeld sehr aktiv daran beteiligt waren. "Aus zeitlichen Erwägungen habe ich jedoch bei dieser Wahl bewusst auf einen Vorstandsposten verzichtet. Dennoch bin ich weiterhin im Gründungsteam aktiv und unterstütze, wo es mir möglich ist", sagt McDavid. Zu den Gründungs-Vorstandsmitgliedern gehören unter anderem Dr. Peter Sdorra, Sascha Lang, Christian Habl und Detlef Kahl sowie sieben weitere Gründungsmitglieder.

Hauptziel des Vereins ist es, als Austauschplattform für Führungskräfte mit Behinderung zu dienen. Alle aktiven Mitglieder wollen außerdem dem häufig in erster Linie defizitorientierten Blick auf Behinderung wirksam etwas entgegensetzen. Denn eine Führungsposition wird Menschen mit Behinderung noch seltener zugetraut als Arbeitsplätze ohne eine solche Verantwortung. Das können viele der Vereinsmitglieder aus eigener Erfahrung bestätigen – sei es Janis McDavid, der unter anderem als Motivationstrainer, Buchautor und Vorstand eines gemeinnützigen Vereins arbeitet, oder auch Patricia Carl, die Vorsitzende des "Bundesverbandes kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V.". Sie ist hauptberuflich im Entwicklungsministerium tätig und kennt beispielsweise das Gefühl, von anderen Menschen aufgrund ihrer Größe nicht ernst genommen zu werden.

Um diesen Vorbehalten künftig engagiert entgegen zu treten, wird sich der Bundesverband mit Bildungsangeboten, als Austauschplattform und als Lobby den Interessen und Bedürfnissen von Führungskräften mit Behinderung widmen – in der Hoffnung, auf diese Weise ein Stück weit mehr zur Inklusion in unserer Gesellschaft beizutragen.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

Weitere Beiträge im Thema des Monats November: