Inklusion ist in Europa noch keine Selbstverständlichkeit

Die Umstände, unter denen Menschen mit Behinderung weltweit leben, unterscheiden sich stark. Einige Länder gelten eher als behindertenfeindlich, andere hingegen wirken – zumindest im Vergleich – fast schon wie das Paradies.

01.03.2016

 
Foto: Älterer Mann im Rollstuhl und Junge mit Behinderung lachen gemeinsam; Copyright: panthermedia.net/jarenwicklund

Die uneingeschränkte Teilhabe am sozialen Leben ist nur eine der zahlreichen Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention, die noch immer nicht umfassend umgesetzt ist; © panthermedia.net/jarenwicklund

Die Rechte von Menschen mit Behinderungen sollten weltweit auf dem gleichen Stand sein und entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) umgesetzt werden. Das Zero Project, eine Initiative der Essl Stiftung, setzt sich genau dafür ein. Unterstützt von den Vereinten Nationen (UN) soll das Zero Project eine Plattform bieten, die die effektivsten Lösungen für erfolgreiche Inklusion präsentiert und auszeichnet. Eine 150-köpfige Fachjury wählte nun im Februar 2016 insgesamt 86 Projekte aus über 3.000 Nominierten aus. Sie gehören damit zu den besten inklusiven Bildungsprojekten weltweit. Alle Prämierten beschäftigen sich mit Problemen, mit denen behinderte Menschen täglich leben.

Unter den 86 Projekten sind unter anderem vier Projekte, die von der Christoffel-Blindenmission in Nicaragua, Kambodscha, Indien und Simbabwe gefördert werden. Auch der Bereich "Behinderung und Studium" (DoBuS) an der Technischen Universität (TU) Dortmund wurde mit dem Zero Project Award ausgezeichnet. Ziel von DoBuS ist die Schaffung chancengleicher Studienbedingungen für behinderte und chronisch kranke Studierende. Die TU Dortmund ist damit nun eine von weltweit drei Universitäten, die für ihre Inklusionsorientierung eine Auszeichnung erhalten hat.

Inklusion ist vielfältig

Doch Inklusion umfasst nicht nur den Aspekt der Bildung. Sie erstreckt sich über alle Lebensbereiche und meint sowohl Barrierefreiheit als auch die generelle Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben.

Länder wie Großbritannien oder Italien sind da in vielen Punkten schon weiter als andere. Der Equality Act 2010 verpflichtet per Gesetz alle britischen Unternehmen dazu, dafür Sorge zu tragen, dass Menschen mit Behinderung nicht diskriminiert werden. Dies gilt auch für die Privatindustrie. Das Gesetz wirkt sich beispielsweise auf den Einzelhandel aus. Geschäfte müssen nun über mobile Rampen verfügen, sofern eine Stufe den Weg in den Landen behindert. Ein weiteres Beispiel sind die komplett barrierefreien Londoner Taxis – auch Black Cabs genannt.

Foto: Andrea Schöne; Copyright: privat

Andrea Schöne studiert zurzeit zwei Auslandssemester in Italien; © privat

Die kleinwüchsige Studentin Andrea Schöne erinnert sich ebenfalls gerne an ihre Zeit in Großbritannien zurück: "Die Engländer waren immer sehr aufgeschlossen, haben einem von selbst geholfen und im Zug ohne einen bösen Blick sofort die Plätze für Rollstuhlfahrer geräumt, als ich gekommen bin. Sie meinten sogar, dass es ja mein Recht sei, dort zu sitzen und fanden dies auch völlig berechtigt."

Während einer politischen Exkursion nach Jordanien musste Schöne aber auch einige negative Erfahrungen machen: "Wie ich während der Exkursion erfuhr, haben behinderte Menschen im Nahen Osten einen sehr schlechten Stand. Ich habe es erlebt, dass mich Leute auf offener Straße mehrere Minuten mit offenem Mund angestarrt haben. Auch wollte man mich nicht in einen Club eines Hotels lassen wegen meiner Behinderung."

Gemeinsam für ein inklusiveres Europa

Trotz einiger guter Beispiele gibt es noch immer viel zu tun, wenn es um die Umsetzung der UN-BRK geht. Inklusion ist demnach ein weltweit geltendes Menschenrecht.

Durch inklusive Begegnungen und mehr Austausch untereinander möchte das EU-Projekt "Gemeinsam Europa gestalten" auf seine Weise einen Teil dazu beitragen, dass das Leben für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Die Projektidee beruht auf dem folgenden Leitgedanken: Jeder europäische Bürger kann etwas dazu beitragen, einen Ort und somit auch ganz Europa ein Stück lebenswerter zu gestalten.

Dieser Beitrag sollte im Idealfall nicht nur in der eigenen Heimat oder dem eigenen Wohnort geleistet werden, sondern man sollte sich auch für die Situation in anderen Orten und Ländern interessieren und im besten Fall engagieren. Deswegen haben im Rahmen des Projektes 29 deutsche und bulgarische TeilnehmerInnen gemeinsam exemplarisch überlegt, was in der bulgarischen Stadt Razlog verändert werden müsste, um das Leben dort angenehmer zu gestalten. Die Bulgaren wurden dabei als Experten in eigener Sache gesehen und zeigten, welche Grenzen und Möglichkeiten es in ihrem Land gibt. Das Team bestand aus Menschen mit und ohne Behinderung und unterschiedlicher sozialer Herkunft. In einem Memorandum fassten sie die Ergebnisse ihrer Überlegungen zusammen. Diese reichten von barrierefreien Freizeiteinrichtungen über angepasste Möglichkeiten zur Wahlbeteiligung bis hin zu bedarfsgerecht eingerichteten Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung.

Was im Kleinen funktioniert, sollte eigentlich auch im Großen möglich sein. Miteinander reden, einander zuhören, Bedürfnisse ernstnehmen. Dann kann das anschließende gemeinsame Engagement im besten Fall vielleicht auch zur Umsetzung von Inklusion in der Gesellschaft führen.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de