Intelligente Mobilitätsassistenten unterstützen Senioren

Interview mit Prof. Bernd Krieg-Brückner, Bremen Ambient Assisted Living Lab, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)

Hindernisse wie Kopfsteinpflaster, abschüssige Wege oder andere Barrieren erschweren das Leben von Senioren. Je eingeschränkter ihre Mobilität, desto weniger trauen sie sich zu. Oft vermeiden sie dann den geliebten Park um die Ecke. Das Projekt Assistants for Safe Mobility (ASSAM) hat sich dieser Barrieren angenommen und intelligente Lösungen für Rollatoren, Rollstühle oder Dreiräder geschaffen.

01.02.2016

Foto: Prof. Bernd Krieg-Brückner

Prof. Bernd Krieg-Brückner; © DFKI

Im Interview mit REHACARE.de erläutert Prof. Bernd Krieg-Brückner, Bremen Ambient Assisted Living Lab am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), wie kleine technische Komponenten nicht nur den Alltag vereinfachen, sondern auch zur Unterstützung der Mobilität beitragen.

Herr Prof. Krieg-Brückner, was bedeutet ASSAM und welche Ziele verfolgt das Projekt?

Prof. Bernd Krieg-Brückner: Das Projekt wurde im EU-Kontext unter dem Namen "Assistants for Safe Mobility" durchgeführt. Wir haben uns zum Ziel gemacht, eine Reihe von Technologien zur Verfügung zu stellen, die die altersbedingten Einschränkungen der einzelnen Nutzer kompensieren und möglichst einfach zu handhaben sind.

Zeitlich haben wir bereits vor über 15 Jahren mit der Entwicklung von autonomen Rollstühlen begonnen. Schrittweise haben wir dann diese Technologie auf andere Geräte übertragen. Dazu gehören ein Rollator, der mithilfe einer Navigation den Nutzer dabei unterstützt sich zurechtzufinden, ein elektrischer Rollator, der in abschüssigem Gelände bremst beziehungsweise den Berg hinauf mithilft, oder eben auch ein Rollator oder Rollstuhl, der Hindernissen automatisch ausweicht.

Wer war an dem Projekt beteiligt?

Krieg-Brückner: In unserem Konsortium befinden sich neun Partner aus drei verschiedenen Ländern – Deutschland, Spanien und den Niederlanden. Dieses setzt sich sowohl aus Industrie- als auch Forschungspartnern, also Universitäten, zusammen. Dann gab es außerdem Partner, die für die Evaluation im Rahmen von Feldstudien zuständig waren. In Deutschland waren das die Johanniter hier in Bremen, in den Niederlanden eine Stiftung, die Menschen mit einer Sehbehinderung unterstützt, und in Spanien eine Organisation, die Betreuungseinstufungen für ältere Menschen vornimmt und ihnen Geräte empfiehlt.

Auf welche Mobilitätsassistenten hat sich das Projekt speziell fokussiert?

Krieg-Brückner: Wir haben uns insgesamt auf drei Mobilitätshilfen konzentriert: einen Rollstuhl, einen Rollator und ein Dreirad, das wir neu entwickelt haben. Alle fördern die Mobilität im täglichen Leben, sodass die Nutzer nicht auf ihren gewohnten sozialen Umgang verzichten müssen, sondern eben auch gesundheitlich besser unterwegs sind.

Foto: Rollstuhlfahrer fährt über Rasen und Steine, Senoir nutzt Rollator bei Steigung; © DFKI

Unwegsames Gelände sind für Rollator und Rollstuhl kein Problem mehr; © DFKI

Was zeichnet die einzelnen Mobilitätskomponenten aus?

Krieg-Brückner: Nicht alle Komponenten sind bereits marktreif, sondern müssen in Folgeprojekten weiter entwickelt werden. Das ist ein großes Anliegen unsererseits.

Eine sehr gute Chance auf dem Markt hat ein Rollator mit elektrisch angetriebenen Hinterrädern, die bei Steigungen oder abschüssigem Gelände zum Einsatz kommen. Für diesen Rollator haben wir außerdem eine Navigationsassistenz entwickelt, die hilft, Hindernissen auszuweichen. Das ist eine Unterstützung, die beispielsweise gut geeignet ist für Menschen mit einer Sehbehinderung.

Das bereits angesprochene Dreirad kann auf dem spanischen Markt erworben werden. Außerdem haben wir einen Rollstuhl mit einem Fahrassistenten ausgestattet, der auf die Nutzung im Innenbereich ausgerichtet ist. In kartierten Innenräumen werden gewünschte Ziele direkt per Sprachkommando autonom angesteuert. Mithilfe von Laserscannern umfährt der Assistent Hindernisse automatisch oder stoppt beispielsweise am Bett in einer vorher festgelegten Ausrichtung. All dies wurde hier im Bremen Ambient Assistant Living Lab, einer eigens eingerichteten 60 Quadratmeter Wohnung, getestet.

Für den Außenbereich haben wir einen zusätzlichen Laserscanner hinter dem Kopf des Fahrers schräg geneigt angebracht. Dieser ist in der Lage, Hindernisse im dreidimensionalen Bereich zu erkennen, etwa Schlaglöcher, abschüssige Gräben oder Barrieren. Sonst ist der Laserscanner lediglich darauf abgestimmt, Hindernissen in zehn Zentimetern Höhe auszuweichen. Das ist für Wohnungen ausreichend. Der Rollstuhl kann so auch automatisch rückwärts einparken und selbstständig durch schmale Türöffnungen hindurch manövrieren.

Foto: Dreirad für Senioren mit Kindersitz am Lenkrad; © DFKI

Auf dem spanischen Markt kann das Dreirad schon erworben werden. In Deutschland entwickelt sich der Markt noch; © DFKI

Die Johanniter-Unfall-Hilfe hat die Assistenzkomponenten dem Alltagstest unterzogen. Welche Erkenntnisse wurden aus den Feldstudien gewonnen?

Krieg-Brückner: Eine grundsätzliche Erkenntnis, die wir aus dem Projekt mitnehmen und zu Beginn unterschätzt haben, ist, dass wir uns die Probanden bezüglich ihrer individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse ganz genau ansehen müssen. Darauf werden unsere Geräte dann letztendlich auch abgestimmt und durch eine entsprechende Konfiguration angepasst. Vor allem ist es wichtig, eine Schulung mit den Betreuern und Probanden durchzuführen, damit diese auch in der Lage sind, die Möglichkeiten des Gerätes genau einzustufen. Beispielsweise erkennt der Rollstuhl aufgrund seiner Laserscanner-Technologie keine Hindernisse, die aus Glas bestehen. Wenn die Umgebung nicht darauf ausgerichtet beziehungsweise kartiert ist, müssen die Probanden und Betreuer auf diese Feinheiten eingestellt werden und wenn nötig selbst eingreifen.

Die EU-Förderung des Forschungsprojektes lief 2015 aus. Jetzt heißt es am Ball bleiben. Wie sieht das Interesse in Deutschland aus?

Krieg-Brückner: Das Interesse wächst natürlich mit dem Bekanntheitsgrad der Geräte. Für das Dreirad entwickelt sich der deutsche Markt erst. Das Interesse an einer Mobilitätsunterstützung, gerade durch den Elektrorollator, ist groß. Hier befinden wir uns momentan in Verhandlungen mit einer namenhaften Firma für Rollatoren.

Bei den Rollstühlen besteht das grundsätzliche Problem, dass mit zunehmender Behinderung der Markt immer kleiner wird. Deswegen schwindet leider die Bereitschaft, den letzten Schritt zur Markteinführung auch tatsächlich zu gehen. Aber auch hier sind wir optimistisch, da wir immer preisgünstigere Komponenten einsetzen, so wie die technische Entwicklung fortschreitet.

Mehr Informationen zum Projekt ASSAM (nur in englischer Sprache) finden Sie hier: www.assam.nmshost.de
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de