Interkulturelle Pflege – privat oder professionell?

Das Leistungs- und Informationsangebot rund um die häusliche und ambulante Pflege ist groß. Doch oft sind diese Angebote nicht ausreichend auf die soziokulturellen Bedürfnisse und Erwartungen von Menschen mit Migrationshintergrund ausgerichtet. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt "OPEN – Interkulturelle Öffnung in der Pflegeberatung" möchte dies nun ändern.

01.09.2015

Foto: Team des Projektes OPEN

Sabrina Khamo Vazirabad (zweite von rechts) mit ihren Kollegen vom Forschungsteam der drei beteiligten Hochschulen; © Projekt OPEN

Bis September 2017 arbeitet das Verbundprojekt der Hochschule RheinMain mit dem Projektleiter Herr Prof. Dr. habil. May, der Frankfurt University of Applied Sciences unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Schulze und der Katholischen Hochschule Mainz, federführend hier die Herrn Prof. Dr. Löcherbach und Prof. Dr. Hermsen daran, kulturspezifische und an den Bedürfnissen von älteren Menschen mit Migrationshintergrund orientierte Informationen im Bereich Pflege und individuelle Pflegeberatung zu identifizieren.

Die Erkenntnisse sollen die Hemmschwelle senken, verstärkt Leistungen aus der Kranken- und Pflegeversicherung in Anspruch zu nehmen, die Beratungsqualität in Pflegestützpunkten noch deutlicher auf die Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund zu zuschneiden und regionale Organisationen stärker zu vernetzen. Die im Projekt erprobten Vorgehensweisen und Verfahren der Beratung und des Schnittstellenmanagements sollen darüber hinaus in ein breites Regelangebot überführt werden. Das Frankfurter Team um Andre Terjung und Sabrina Khamo Vazirabad haben sich unter der Leitung von Prof. Dr. Schulze zur Aufgabe gemacht die Ergebnisse in Qualifizierungsmodule für Pflegeberaterinnen und Pflegeberater zu übersetzen.

Im Dialog mit der Zielgruppe

Die erste Projektphase begann im Oktober 2014 und ist inzwischen abgeschlossen. "In insgesamt neun Zukunftswerkstätten haben wir uns zusammen mit der Zielgruppe unter anderem gefragt, wo Barrieren bestehen und warum die Pflegeberatung nicht umfänglich genutzt wird", sagt Sabrina Khamo Vazirabad, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. Bei der Auswertung der Daten war ein ganz konkreter Einfluss des Migrationshintergrundes auf die Pflegesituation nicht eindeutig nachweisbar. Zwei vorherrschende Handlungsmuster wurden bisher herausgearbeitet.

"Dem ersten ließ sich ein persönlich- emotional-ganzheitlicher Orientierungsrahmen zuordnen", fährt Khamo Vazirabad fort. "Eine Person mit Migrationshintergrund beschrieb die Bedeutung der Pflege durch Angehörige als 'Essen für die Seele' und zählt damit zu den Vertretern dieses Typs." Die Menschen bleiben auch mit Pflegebedarf lieber unter sich, in der ihnen vertrauten Gemeinschaft. Informationen und Kommunikation finden vor allem über und durch Familie, Freunde und die Nachbarschaft statt. Für die Eltern ist es hier selbstverständlich, dass die Kinder, die sie großgezogen haben, sie auch im Alter pflegen. Außerdem vertrauen sie lieber dem Hausarzt als einem Spezialisten.

Diesem gegenüber steht das Handlungsmuster "professionell, sachlich, spezialisiert". Es ist gekennzeichnet durch ein größeres Vertrauen in Fachpersonen und auch Institutionen. Menschen, die man hier einordnen könnte, würden beispielsweise ohne Weiteres auch in ein Pflegeheim ziehen oder ähnliche Hilfsangebote annehmen. "Bei beiden Typen handelt es sich natürlich nur um mögliche Pole. Dazwischen kann noch eine größere Bandbreite liegen", erklärt Khamo Vazirabad. "Zwar konnten wir es bis jetzt nicht quantifizieren, aber das erste Handlungsmuster scheint stärker ausgeprägt zu sein."
Foto: Asiatin lächelt ihren Mann im Rollstuhl an

Für viele Menschen ist es selbstverständlich sich im Alter um ihre Angehörigen zu kümmern - egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund; © panthermedia.net/ Witthaya Phonsawat

Vielfalt der Kulturen

Das Projektteam hat bereits mit Menschen gesprochen, die aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen kommen. Diese hatten unter anderem türkische, persische, marokkanische, spanische oder auch russische Wurzeln. Khamo Vazirabad betont allerdings, dass man dies nicht verallgemeinern könne und auch nicht solle: "Der kulturelle Einfluss auf die Pflegesituation ist vielfältig. Beispielsweise spielen auch die jeweilige Migrationsbiografie und das Gesundheitsverständnis eine wichtige Rolle und beeinflussen die Haltung zur Pflege ganz individuell."

Während der ersten Projektphase kritisierten auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, dass Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern und Kulturkreisen ein anderes Verständnis von Gesundheit und Krankheit, auch in Bezug auf die Diagnose, habe. In Deutschland würde der Schwerpunkt meist auf mögliche Organdefekte gelegt. Der gesamtkörperliche Zustand stünde weniger im Mittelpunkt.

Pflege zugänglicher machen

In den weiteren Projektphasen wird es nun darum gehen, zum einen die Beratungsqualität zu optimieren, indem gemeinsam mit den Mitarbeitern der kooperierenden Pflegestützpunkte die Ergebnisse aus den aufgenommen Beratungsgesprächen diskutiert und "konkrete" Werkzeuge erprobt werden. Zum anderen wird es darum gehen, die Vernetzung unter bestehenden Organisationen innerhalb der Region und auch innerhalb der Gemeinschaft zu verbessern.

Hierfür wird das Team Portale entwickeln und diese in den Regionen einsetzen und erproben. Zum Beispiel werden speziell bestehende Gruppen, wie etwa Frauengruppen, ausfindig gemacht. Diese können dann die Zielgruppe weiter aufklären. Auch der Einsatz von interkulturellen Ehrenamtteams ist vorstellbar. "Wenn wir sie in die Gemeinschaft integrieren können, könnten sie dabei helfen, eventuell bestehende Hemmschwellen herabzusetzen", erklärt Khamo Vazirabad. "Über eine persönlichere und emotionalere Ansprache, wäre der gesamte Zugang einfacher und effektiver."

Auch das Auslegen von Flyern in verschiedenen Sprachen an Knotenpunkten der Gemeinschaft, wie etwa Apotheken, aber auch Friseure oder Lebensmittelläden, ist angedacht. Neben der Aufklärung der Zielgruppe ist ebenfalls wichtig, auch Apotheken, Ärzte und soziale Dienste für das Thema entsprechend zu sensibilisieren. Denn gerade die fehlenden Informationen über bestehende Angebote wurden von der Zielgruppe bemängelt. Oft, aber nicht ausschließlich sind hier beispielsweise Sprachbarrieren der Grund. "Wir wünschen uns, dass es dauerhaft möglich ist, Wege zu finden, die das Vertrauen in Institutionen bei Menschen mit Migrationshintergrund schaffen und stetig aufbauen", sagt Khamo Vazirabad. "Denn am Ende können viele Angebote nicht nur konkrete Hilfen für Menschen mit Pflegebedarf bieten, sondern auch für ihre pflegenden Angehörigen."
Mehr über das Projekt OPEN unter: www.projekt-open.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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