Jugendlicher Blutdruck schützt auch vor Schlaganfall

23/11/2015
Foto: Blutdruckmesser

Bei den meisten Menschen steigen mit zunehmendem Alter die Blutdruckwerte langsam an; © panthermedia.net/Gianni Furlan

Die meisten Menschen, die einen Schlaganfall erleiden, hatten zuvor über viele Jahre einen erhöhten Blutdruck. Eine konsequente Blutdruckkontrolle ist deshalb die beste Präventivmaßnahme, um Behinderungen zu reduzieren oder einen vorzeitigen Tod durch einen Schlaganfall zu verhindern, empfehlen die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Ein gesunder jüngerer Mensch hat einen Blutdruck von 120 zu 80 mm Hg. Bei den meisten Menschen steigen mit zunehmendem Alter die Blutdruckwerte langsam an. Das lässt sich mit Medikamenten ausgleichen. "Früher galt die Regel, dass der obere Wert 100 plus dem Lebensalter entsprechen darf", sagt DSG-Pressesprecher, Prof. Joachim Röther, Chefarzt an der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona: "Für einen 60-Jährigen wurde deshalb ein oberer Wert von 160 mm Hg als normal, ja sogar gesund angesehen."

Auch in den Leitlinien werden relativ hohe Werte toleriert. Das "Joint National Committee" (JNC 8), das in den USA Leitlinien zur Blutdruckkontrolle herausgibt, vertrat noch im vergangenen Jahr die Ansicht, dass bei Menschen über 60 ein Blutdruck bis 150/90 mm Hg toleriert werden sollte. "Die Begründung lautete, dass die Blutdrucksenkung im Alter schwierig und der Nutzen einer aggressiven Blutdrucksenkung nicht belegt sei", erinnert sich Röther. Diese Haltung wird nach Ansicht des Experten jetzt durch die Ergebnisse der SPRINT-Studie relativiert.

An der Studie hatten mehr als 9000 Hochdruckpatienten im Alter über 50 Jahre teilgenommen (keine Diabetiker). Bei der Hälfte strebten die Ärzte eine Blutdrucksenkung auf den Wert von 120 mm Hg an, bei der anderen Hälfte waren 140 mm Hg der Zielwert. Die jetzt auf der Jahrestagung der American Heart Association in Orlando/Florida vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass die intensivere Blutdruckkontrolle bereits nach wenigen Jahren die Zahl der Herz-Kreislauf-Ereignisse um 25 Prozent und die Zahl der Herz-Kreislauf-Todesfälle um 43 Prozent vermindert hat.

Zwar kam es in der Patientengruppe mit niedrigem Blutdruck zu einer höheren Rate an Hypotension, Synkopen und Nierenfunktionsstörungen, aber die positiven Effekte waren so eindrucksvoll, dass die Studie vorzeitig beendet wurde. Röther: "Dies wird in den USA und sicherlich auch in Deutschland zu einer Veränderung der Empfehlungen führen."

"Die konsequente Normalisierung der Blutdruckwerte wird langfristig auch die Zahl der Schlaganfälle senken", vermutet Prof. Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Essen. "In der SPRINT-Studie nahm die Zahl der Schlaganfälle zwar nur um 11 Prozent ab und der Unterschied war statistisch nicht signifikant", berichtet der Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Dieser geringe Einfluss könnte jedoch mit der kurzen Beobachtungszeit von etwas über drei Jahren zusammenhängen, so Diener: "Die meisten Schlaganfälle sind die Folge einer allmählichen Gefäßverkalkung in den Hals- und Hirnarterien, die sich über viele Jahre entwickelt. Viele Langzeitstudien zeigen, dass ein normaler Blutdruck der beste Schutz vor einem Schlaganfall ist."

Zwar wurden Schlaganfallpatienten nicht in die SPRINT-Studie eingeschlossen, dennoch vermutet Röther, dass sich niedrigere Zielwerte langsam durchsetzen werden. "Es wird sicher nicht gleich eine generelle Empfehlung für einen Zielwert unter 120 mm Hg systolisch geben, aber die JNC 8 Empfehlung, Patienten älter als 60 Jahre erst ab einem Blutdruck von 150 mm Hg zu behandeln, dürfte wieder vom Tisch sein. Wir werden die Patienten allerdings auch überzeugen müssen, mehr Wirkstoffe als bisher einzunehmen", sagt der. Am langfristigen Nutzen ist aus Sicht der beiden Experten nicht zu zweifeln. In den Industrieländern, in denen die Blutdruckkontrolle sehr ernst genommen wird und entsprechend weit verbreitet ist, sei die Zahl der Schlaganfälle gesunken.

REHACARE.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)

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