Nachgefragt bei Sabine Sieben, Kinaesthetics-Trainerin

Kinaesthetics: "Menschen lernen, auf die eigene Bewegung zu achten"

Pflegerische Tätigkeiten sind körperlich anstrengend. Deswegen ist es sowohl für Pflegefachkräfte als auch pflegende Angehörige wichtig, ihre Bewegungsabläufe optimal auszuführen. Sabine Sieben ist Kinaesthetics-Trainerin und sprach mit REHACARE.de über das Kinaesthetics-Konzept und dessen Vorteile für die häusliche Pflege.

29.09.2015

Foto: Referentin im Forum "Leben mit Pflege @home"; Copyright: Messe Düsseldorf/ctillmann

Referentin im Forum "Leben mit Pflege @home"; © Messe Düsseldorf/ctillmann

Frau Sieben, worauf basiert das Grundkonzept von Kinaesthetics?

Sabine Sieben: Kinaesthetics ist ein Bildungssystem, welches auf einer Lehre der menschlichen Bewegung gründet. Diese basiert auf dem Verständnis, dass die Art und Weise, wie Menschen die Bewegung für ihre alltäglichen Aktivitäten gestalten, ihre Gesundheitsprozesse positiv oder negativ beeinflusst.

Kinaesthetics ist eine Kreation von Dr. Frank Hatch und Dr. Lenny Maietta. Aus diesem Grund nennt man es auch Maietta-Hatch (MH) Kinaesthetics. Sie haben die letzten 30 Jahre die Lehr-Struktur und den Inhalt von Kinaesthetics weiterentwickelt und stellen Programme in verschiedenen Bereichen mit Unterstützung von Fachexperten zur Verfügung.

Welche Vorteile bringen kinaesthetische Methoden in der häuslichen Pflege?

Sieben: Menschen lernen, auf die eigene Bewegung zu achten, also sich selbst und ihr Tun wahrzunehmen und anzupassen. Dies ist die Grundlage, um die Aktivitäten körperlich eingeschränkter Menschen einfacher, effektiver und somit gesundheitsfördernder zu gestalten. Mit diesem Grundverständnis können Pflegekräfte und pflegende Angehörige die physiologischen Bewegungsabläufe nutzen und effektiv unterstützen.
Grafik: Verschiedene Figuren mit und ohne Behinderung stehen neben einem Haus; Copyright: Messe Düsseldorf

Auch in diesem Jahr widmet sich das Forum "Leben mit Pflege @home" vielen Aspekten der häuslichen Pflege; © Messe Düsseldorf

Sie werden am Samstag auf der REHACARE einen Workshop zum Thema "Bewegungsförderung, Mobilitätshilfen, eigener Transfer und Fremdtransfer aus kinaesthetischer Sicht" leiten. An wen richtet sich der Workshop und was erwartet die Besucher?

Sieben: Der Workshop richtet sich an Personen, die beruflich oder privat, Menschen mit körperlichen Einschränkungen unterstützen. Darüber hinaus richtet er sich an Menschen, die selbst durch Verletzungen, Krankheit, Behinderung und andere Faktoren in ihrer Bewegungsfähigkeit beeinträchtigt sind. Dabei wird berücksichtigt, dass die Auswirkungen körperlicher Einschränkungen sehr individuell sind. Im MH-Kinaethetics-Bildungsprogramm lernen die Teilnehmer, die Konzepte menschlicher Bewegung und anatomischer Formen zu verstehen und anzuwenden. Ziel ist es, die Qualität ihrer Alltagsaktivitäten positiv zu beeinflussen.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Sieben: Für körperlich, aber auch psychisch und kognitiv beeinträchtigte Menschen sollte es in jeder Lebensphase Möglichkeiten geben, am allgemeinen Alltagsgeschehen und am Berufsleben uneingeschränkt teilhaben zu können. Leider reichen die Rahmenbedingungen und oft auch die örtlichen Gegebenheiten nicht aus, dass Menschen, die zum Beispiel auf Hilfsmittel angewiesen sind, problemlos vorhandene Infrastrukturen nutzen können.

Zudem gibt es in unserer leistungsorientierten Gesellschaft häufig zu wenig Raum für Menschen mit Einschränkungen. Da gibt es an vielen Stellen Handlungsbedarf. Auch deutlich eingeschränkten Menschen sollte ein Leben ermöglicht werden, welches auf Gleichberechtigung und Selbstbestimmung basiert. Grundlage dafür ist die Schaffung barrierefreier Strukturen.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de