Kompetente Studienberatung auf der REHACARE 2015

15.10.2015
Foto: Christiane Schneider

Christiane Schneider: "Für unsere Arbeit stehen die Förderung der Selbstbestimmung und die Unterstützung der Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen immer im Vordergrund"; © kombabb

Die Planung eines Studiums bedeutet für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung besonders großen Organisationsaufwand. Das Kompetenzzentrum Behinderung, akademische Bildung, Beruf (kombabb) unterstützt Betroffene beim Übergang von der Schule ins Studium. Diplompädagogin Christiane Schneider vom kombabb-Team sprach mit REHACARE.de über die Arbeit des kombabb und den Schwerpunkt des Messeauftritts.

Frau Schneider, was sind die wichtigsten Fragen, die sich Studieninteressierte mit Behinderung vor der Aufnahme eines Studiums stellen sollten?


Studieninteressierte mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung müssen sich dieselben Fragen stellen wie Studieninteressierte ohne Behinderung, zum Beispiel was sie später beruflich machen möchten, was und wo sie studieren möchten, wie sie wohnen wollen und wie sie ihr Studium finanzieren können.

Aber Studieninteressierte mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung müssen diese Fragen unter Berücksichtigung ihrer individuellen Lebenssituation stellen. Auch sie sollten sich zunächst die grundlegenden Fragen stellen - erst danach kommt dann die Frage nach der Machbarkeit: Kann ich das mit meiner Behinderung beziehungsweise chronischen Erkrankung realisieren und wie? Welche Bedingungen brauche ich? Benötige ich Nachteilsausgleiche beim Zugang zum und während des Studiums, benötige ich Studienassistenz? Wie und wo beantrage ich das? Wo bekomme ich Beratung?

Dabei ist wichtig, dass Nachteilsausgleiche keine Vorteile sind! Die Studierenden mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung finden in der Regel nicht die Studienbedingungen vor, die sie brauchen. Daher sind sie im Nachteil gegenüber den Studierenden ohne Einschränkung. Um eine Chancengleichheit herzustellen, haben sie Anspruch auf Nachteilsausgleiche, wie zum Beispiel Anrechnung von Krankenhausaufenthalten als Wartezeit bei der Bewerbung oder einer Zeitverlängerung bei Prüfungsleistungen.

Bei der Frage nach der Hochschule und dem Hochschulort muss auch die Frage gestellt werden, ob die Wunsch-Hochschule und die Wunsch-Stadt zu den eigenen Bedürfnissen passen, also zum Beispiel rollstuhlgerecht sind. Weitere Fragen sind zum Beispiel wie man eine barrierefreie Wohnung findet oder eine Assistenz bekommt. Auch die Frage nach der Finanzierung des sogenannten "behinderungsbedingten Mehrbedarfs" sollte gestellt werden. Es gibt also viel zu bedenken und zu klären.

 
 
Screenshot: kombabb-Internetportal

Das kombabb-Internetportal besteht aus einem Informationsbereich mit Texten zu allen wichtigen Themen, einer Linkliste mit vielen nützlichen externen Links, einem Forum zum Erfahrungsaustausch und einer Datenbank mit Informationen zu Ansprechpartnern und barrierefreien Angeboten aller Hochschulen in NRW; © kombabb

Wie werden sie durch das kombabb-Kompetenzzentrum NRW dabei unterstützt, ein Studium zu beginnen?

Studieninteressierte mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung bekommen von uns kompetente Beratung und Unterstützung in Form von persönlicher Beratung, in Informationsveranstaltungen, im kombabb-Internetportal oder auf Studien- und Ausbildungsmessen oder hier auf der REHACARE.

Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Beratung nach dem Prinzip des Peer Counseling. Das heißt, dass wir Beraterinnen neben unserer beruflichen Qualifikation (Diplom-Pädagoginnen) persönliche Erfahrungen aufgrund unserer eigenen Behinderungen (Gehbehinderung und Sehbehinderung) machen. Die Beratung beinhaltet neben den relevanten Informationen eine psychosoziale Komponente. Wir unterstützen und stärken die Ratsuchenden zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit ihrer Behinderung und/oder chronischen Erkrankung, deren Auswirkungen auf das Studium und den notwendigen Bedingungen wie der Gewährung von Nachteilsausgleichen. Gerade Menschen mit nicht-sichtbaren Einschränkungen müssen für sich entscheiden, ob sie diese preisgeben. Denn wer nicht sagt, welche Nachteile er oder sie hat, kann auch keine Nachteilsausgleiche bekommen und verzichtet damit auf seinen Anspruch.

Für unsere Arbeit stehen die Förderung der Selbstbestimmung und die Unterstützung der Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen von Menschen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung und die Stärkung der Handlungsfähigkeit in Bezug auf Ausbildung, Studium und Beruf immer im Vordergrund. Damit verfolgen wir die Realisierung einer inklusiven Bildung gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention. In diesem Sinne sind wir eine Initiative des Aktionsplans "Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv" und werden vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales (MAIS) des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) gefördert.

 
 
Bild: Ausstellerseminar REHACARE

In den zwei Ausstellerseminaren des kombabb auf der REHACARE 2015 dreht sich alles um das Thema "Studieren mit Behinderung"; © Messe Düsseldorf/ctillmann

Richtet sich Ihr Angebot nur an Studieninteressierte mit Behinderung oder unterstützen Sie zum Beispiel auch Familienangehörige?

Die größte Gruppe sind Schüler mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung, oft wenden sich aber auch zunächst nur die Eltern an uns. In den meisten Fällen versuchen wir, Kontakt zu den Schülern zu bekommen, da es ja um ihre Zukunft geht. Ihre Vorstellungen müssen ja nicht automatisch mit denen der Eltern decken, wie ich als Mutter aus eigener Erfahrung weiß. Oft kommen Schüler und Eltern gemeinsam in die Beratung.

Wichtig ist uns hervorzuheben, dass nicht nur Menschen im Rollstuhl oder mit anderen vermeintlich typischen Behinderungen zu unserer Zielgruppe zählen, sondern auch Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes, entzündlichen Darmerkrankungen, Asperger-Syndrom oder einer psychischen Behinderung.

Was wird der Schwerpunkt Ihres Ausstellerseminars auf der REHACARE 2015 sein?

Unser Vortrag thematisiert wichtige Fragen zum Thema Studienwahl, Nachteilsausgleiche, Unterstützungsmöglichkeiten und Finanzierung und gibt einen Überblick über die Angebote unserer Beratungsstelle. Wenn noch Zeit bleibt, können persönliche Fragen gestellt werden, die wir natürlich auch an unserem Messestand in Halle 3 E 91 besprechen können.

 
 
Foto: Daniel Stöter

© B. Frommann




Das Interview führte Daniel Stöter.
REHACARE.de