Kultursensible Pflege: "Menschen nicht gleich, sondern gleichwertig behandeln"

Interview mit Yoshiko Watanabe-Rögner, Vorsitzende des Deutsch-Japanischen Vereins für kultursensible Pflege "DeJak-Tomonokai" in Bochum

01.08.2016

In Deutschland leben 80 Millionen Menschen zusammen. Dabei treffen viele verschiedene Kulturen aufeinander. In Schulen und Kindertagesstätten gibt es bereits spezielle Angebote für Kinder, die eine andere Sprache sprechen. Doch wie ist die Situation in Pflegeheimen? Und was macht eine kultursensible Pflege eigentlich aus?

Bild: Yoshiko Watanabe-Rögner; Copyright: Matthias Rögner

Yoshiko Watanabe-Rögner; © Matthias Rögner

Im Interview mit REHACARE.de spricht die Vorsitzende des Deutsch-Japanischen Vereins für kultursensible Pflege, Yoshiko Watanabe-Rögner, mit uns über Ziele, Baustellen und Weiterbildungen im Bereich der Pflege für Menschen mit einem japanischen Migrationshintergrund.

Frau Watanabe-Rögner, Sie setzen sich in Ihrem Verein dafür ein, dass verschiedene Kulturen im Pflegebereich zueinander finden. Woran arbeiten Sie derzeit gezielt?

Yoshiko Watanabe-Rögner: Wir versuchen Japanern mit Pflegebedarf den Alltag in Deutschland zu erleichtern. Es gibt aktuell nur sehr wenig Japanisch sprechende Fachkräfte, jedoch eine schnell wachsende Nachfrage. Viele Japaner wohnen in Düsseldorf. Dort arbeiten aber nur wenige Japanisch sprechende Pflegepersonen. Im restlichen Land sind leider noch weniger Japanische Pflegekräfte bekannt.

Mit unserem Verein können wir zwar kein Personal ausbilden, aber ehrenamtliche Helfer schulen. Wir versuchen im gesamten Bundesgebiet ein Netzwerk von Personen aufzubauen, die ergänzend zu Pflegekräften und Angehörigen den Menschen mit Demenz helfen. Um dies umzusetzen, wurden von uns mehrere Projekte gestartet. Außerdem möchten wir Treffpunkte für Japaner, unter anderem mit Demenz, aufbauen, um die Isolation der Betroffenen vorzubeugen.

Welche Baustellen gibt es aktuell im Bereich der kultursensiblen Pflege?

Watanabe-Rögner: Vor allem in der Pflege von Demenzkranken benötigen wir qualifizierte Japanisch sprechende Fachkräfte. Im zunehmenden Krankheitsverlauf verlernen die Menschen die Fähigkeit zum Sprechen ihrer zweiten Sprache Deutsch. Obwohl Japaner sehr gut in der deutschen Kultur integriert sind — ihnen das auch wichtig ist — haben sie im Alter eine große Sehnsucht nach ihrer eigenen Kultur. Das spiegelt sich schon beim Essen wieder. Wir haben bei japanischen Heimbewohnern mitbekommen, dass der Wunsch nach einem kultursensiblen Alltag sehr groß ist. Doch für die Umsetzung müssen Pflegekräfte weiter sensibilisiert und insbesondere mehr ehrenamtliche Helfer geschult werden.

Für junge Leute aus Japan ist es vor allem schwierig, in Deutschland eine Ausbildung als Pfleger zu machen oder sie anerkennen zu lassen. Es scheitert oftmals an der Sprachbarriere, da man fließend Deutsch sprechen muss. Die japanische Sprache hat eine ganz andere Grammatik und Aussprache als die der Deutschen. Außerdem gibt es sehr viele bürokratische Angelegenheiten zu klären. Momentan gibt es ein akutes Informationsproblem. Japanische Pflegekräfte, die nach Deutschland kommen wollen, wissen nicht, wie man ihre japanische Pfleger- oder Krankenpflegerausbildung anerkennen lassen soll. Wo es Bedarf gibt und in welcher Stadt sie für ältere Japaner arbeiten können. Dabei versucht "DeJaK" ihnen zu helfen.

Auch wird die Bildung einer deutsch-japanischen Wohngruppe angestrebt und überlegt, eine Wohngemeinschaft für ältere Japaner zu gründen.

Bild: Japanische Pflegerin neben Seniorin; Copyright: panthermedia.net/imtmphoto

Der Verein "DeJak" möchte ehrenamtliche Helfer schulen, die gezielt auf die Bedürfnisse japanische Pflegepersonen eingehen; © panthermedia.net/imtmphoto

Welche Weiterbildungsangebote gibt es, die sich mit dem Thema explizit auseinandersetzen?

Watanabe-Rögner: Pflegeauszubildende in Deutschland lernen kein Japanisch und auch nicht explizit, was unsere Lebensart von anderen unterscheidet. Diese Lücke versuchen wir mit unserem Verein, mit dem Einsatz von ehrenamtlichen Helfern, zu schließen.

Bei unserer Schulung für die Ehrenamtlichen ist die kultursensible Pflege ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans. Wir lernen, was wichtig in der deutschen Pflege ist und wo wir in Zusammenarbeit mit den deutschen Pflegeinstitutionen unsere ehrenamtliche Arbeit einsetzen können.

Sie sind außerdem im Forum für eine kultursensible Altenhilfe tätig. Im Memorandum aus dem Jahre 2009 wird erwähnt, dass eine Gleichbehandlung Unterschiede ausblendet. Eine gleichwertige Behandlung hingegen eine bedürfnis- und biografie-orientierte Pflegebeziehung erfordert. Können Sie diesen Punkt genauer erläutern?

Watanabe-Rögner: Es ist wichtig, dass Menschen nicht gleich, sondern gleichwertig behandelt werden. Gerade in Pflegeeinrichtungen muss auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen werden. Denn eine Gleichbehandlung würde die Unterschiede ausblenden. Dazu gehört auch das Verstehen der Sprache des Bewohners. Diese Kompetenzen müssen in der Aus- und Fortbildung vermittelt werden. Mit dem Memorandum versuchen wir diese Ziele durchzusetzen.

Welche Erfolge konnten Sie mit Ihrer Arbeit in diesem Bereich bisher erzielen?

Watanabe-Rögner: Im Jahre 2012 haben wir sogenannte Caravan Mates (zu Deutsch: Karawanenfreunde) qualifiziert — in Japan ist dieses System sehr erfolgreich. Das sind Personen, die zum Thema Demenz schulen. Innerhalb von acht Jahren konnten die Caravan Mates in Japan etwa sieben Millionen Menschen mit ihrer Arbeit erreichen. Das hat die dortige Gesellschaft enorm zum Positiven verändert und den Menschen die Berührungsängste zu Demenzkranken genommen. Insgesamt 50 ehrenamtliche Mates haben wir in Düsseldorf durch die Ausbilder aus dem Zentralbüro in Japan ausbilden lassen, damit sie auch hier in Deutschland schulen und über die Krankheit aufklären können. In den Niederlanden, in Dänemark und in der Schweiz sind einige von ihnen nun ebenfalls unterwegs. Ab diesem Sommer soll das japanische Projekt im deutschen Gesundheitssystem aufgenommen werden.

Für eine sehr kleine Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund – wie wir Japaner es sind – ist es sehr schwer in einem fremden Land alt zu werden. Wir als Verein würden uns wünschen, dass es für uns einen direkten Ansprechpartner aus der Gesundheitspolitik gäbe, damit wir noch mehr im Bereich der kultursensiblen Pflege durchsetzen können.

Mehr über den Deutsch-Japanischen Verein für kultursensible Pflege "DeJak-Tomonokai" unter: dejak.jimdo.com
Foto: Lorraine Dindas; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Lorraine Dindas
REHACARE.de

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