Foto: Blinde Frau mit Kunstmodell

Ein Tonmodell hilft dabei, Inklusion und Kultur miteinander zu verbinden; © Gunnar Bartsch

Blinde im Museum – Wie geht das? Mit dieser Frage haben sich Studierende der Universität Würzburg ein Semester lang beschäftigt. Das Ergebnis ist eine Kiste voll mit Materialien, die Blinden und Sehbehinderten eine Reihe von Objekten im Museum am Dom nahebringen sollen.

„Aha, also so sind die Streichholzschachteln angeordnet. Das kann ich mir jetzt vorstellen. Aber wo sind die Kartoffeln?“ Ingeborg Roth ist blind. Und sie steht in Würzburg im Museum am Dom vor dem großen dreiteiligen Altar „Perit mundus – Fiat iustitia“ von Robert Höfling. Das Werk ist eine gewaltige Collage aus unterschiedlichen Materialien, die alle tiefschwarz verbrannt aussehen. Darunter sind jede Menge Streichholzschachteln und etliche Kartoffeln. Anfassen ist aus konservatorischen Gründen nicht gestattet.

Wie sollen sich also Blinde und Sehbehinderte einen Eindruck von Höflings Arbeit verschaffen? Bisher war das unmöglich. Jetzt verfügt das Museum über geeignete Materialien. Studierende der Universität Würzburg haben sie während des jetzt zu Ende gehenden Wintersemesters in dem Seminar „Blinde im Museum – Wie geht das?“ erstellt. Und so kann der Museologie-Student Nicolas Lucker ein annähernd maßstabsgetreues Tonmodell präsentieren, mit dem Ingeborg Roth beim Tasten sich eine Vorstellung von den räumlichen Dimensionen machen kann. Eine Collage aus Streichholzschachteln vermittelt ihr einen Eindruck von der Oberflächenstruktur. Bleibt nur noch die Position der Kartoffeln. Die kann ihr die Studentin Anja Skowronski ebenfalls auf dem Tonmodell genau zeigen. Ingeborg Roth ist beeindruckt.

Früher, als er noch sehen konnte, sei er häufig in Museen gegangen, erzählt Volker Tesar, Bezirksgruppenleiter des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes Unterfranken-Würzburg. Seit er blind ist, habe ihm dies sehr gefehlt. Umso mehr begrüßt er die Initiative von Seminarleiterin Simone Doll-Gerstendörfer: „Sie alle haben viel Fantasie eingesetzt und Mühe aufgewendet, um Kunst für uns begreifbar zu machen mit den Sinnen, die uns verblieben sind“, bedankt er sich bei den Studierenden und ihrer Dozentin.

Inklusion sei ein Thema, mit dem sie sich neben der Kunst schon seit längerer Zeit beschäftigt, erklärt Simone Doll-Gerstendörfer, freiberufliche Kulturwissenschaftlerin und –vermittlerin. In ihrem Seminar wollte sie deshalb beide Themen miteinander verbinden. Im Museum am Dom habe sie einen aufgeschlossenen Partner gefunden, der mit ihr und ihren Studierenden „wunderbar“ zusammengearbeitet habe.

Aus den unterschiedlichsten Studiengängen haben sich die Teilnehmer des Seminars zusammengefunden. Angehende Grundschullehrerinnen sind darunter, aber auch Studierende der Museologie, der Kunst- und der Sonderpädagogik. Verteilt auf mehrere Projektgruppen haben sie Material zusammengestellt, das Blinden einen Besuch im Museum am Dom möglich machen soll – immer in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Blinden- und Sehbehindertenbundes.

So können sich Blinde jetzt in einem Flyer, der auch in Brailleschrift verfasst ist, über das Angebot informieren. Auf der Homepage finden sie zudem einen eigens für sie eingesprochenen Text mit den wichtigsten Informationen. Im Museum selbst warten drei Stationen auf sie.

„Eine bunte Vermittlungskiste, in der für jeden etwas dabei ist“: So beschreibt Simone Doll-Gerstendörfer das Ergebnis ihres Seminars. Neben den didaktischen Materialien enthält diese auch eine Mappe mit Informationen über die spezifischen Rahmenbedingungen, die für die Zielgruppe gegeben sein müssen, und Tipps für den Ablauf und die Methodik der Kunstvermittlung. Von dieser Arbeit profitieren könnten nicht nur Blinde und Sehbehinderte. „Wenn wir uns mit den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit unterschiedlichen Handicaps auseinandersetzen, kommt das letztendlich allen Museumsbesuchern zugute“, sagt sie.

Guido Fackler, Professor für Museologie an der Universität Würzburg, begrüßt das Ergebnis. Er versucht schon seit längerem ein Forschungsprojekt im Bereich Museologie und Inklusion auf die Beine zu stellen – leider bisher ohne Erfolg. Auch dies zeige, wie sehr Museen Menschen mit Handicaps ausgrenzen. Für ihn hat das Museum am Dom jetzt einen wichtigen Schritt in Richtung Publikumsorientierung getan.

REHACARE.de; Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Mehr zur Julius-Maximilians-Universität Würzburg unter: www.uni-wuerzburg.de