Leistungssport mit und ohne Behinderung: Einsam statt gemeinsam?

Foto: Markus Rehm mitten im Sprung; © Ralf Kuckuck, DBS-Akademie

Seine guten Leistungen machen Markus Rehm zum Streitfall; © Ralf Kuckuck, DBS-Akademie

Ist eine Prothese ein Vorteil? Forscher der Bournemouth University in England gehen dieser Frage auf den Grund und untersuchen, inwiefern Unterschenkel-Prothesen in gemeinsamen Wettkämpfen von Sportlern mit und ohne Behinderung einen Wettbewerbsvorteil darstellen oder nicht. In Deutschland sorgte in den vergangenen Monaten der "Fall Markus Rehm" für große Aufmerksamkeit – und Kritik.

03.08.2015

Der Leichtathlet sprang 2014 bei den Deutschen Meisterschaften eine Weite von 8,24 Metern und übertrumpfte damit die Sportler ohne Behinderung. Markus Rehm springt aufgrund einer Unterschenkelamputation am rechten Bein mit einer Prothese. Und das offensichtlich weiter als alle anderen. Schnell stand der Vorwurf des "technical dopings" im Raum: Rehms Prothese verschaffe ihm Vorteile gegenüber Springern ohne Behinderung. Ergebnis: Sein Sprung wurde getrennt gewertet. Laut Deutschem Leichtathletik-Verband die fairste Lösung.

Kritik an Rehm

"Ob Prothesen in der Leichtathletik einen Vorteil oder Nachteil für die Sportler bedeuten, bleibt nach wie vor zu klären", sagt Rehm im Gespräch mit REHACARE.de. "Ich befürworte die geplanten offizielle Messungen sehr und bin natürlich bereit dazu. Auch wenn schon das Gegenteil behauptet wurde."

Die Berichterstattung über den "Fall Rehm" sorgte für Unmut bei anderen Sportlern, wie etwa bei Weitsprungkollege Heinrich Popow. Dieser äußerte sich in einem Interview kritisch. "Dabei möchte ich gar nicht für alle Athleten sprechen", betont Rehm. "Und ich werde in den Medien immer viel extremer mit meiner Meinung dargestellt, als ich sie eigentlich vertrete. Kein Wunder, dass es dann zu teils recht harscher Kritik kommt."

Dass ein gemeinsamer Wettkampf grundsätzlich funktionieren kann, so Rehm, zeigten ja bereits die Deutschen Meisterschaften der nichtbehinderten Leichtathleten 2014, bei denen er am weitesten sprang. Trotz Kritik von vielen Seiten bekam er dazu auch eine Menge positiver Rückmeldungen.

"Wichtig ist, dass man sich mit dem Thema beschäftigt", meint der Leverkusener. "Um es noch einmal deutlich zu sagen: Ich möchte keine Besserstellung. Ich bin in erster Linie für sportliche Fairness."
Foto: Kirsten Bruhn sitzt neben Rollstuhl am Beckenrand

Kirsten Bruhn nimmt nicht mehr aktiv an Wettkämpfen teil; © privat

Akzeptanz des paralympischen Sports

Diese liegt auch Kirsten Bruhn sehr am Herzen. Die inzwischen nicht mehr aktive, aber sehr erfolgreiche Schwimmerin findet es schade, dass Markus Rehm seinen Titel als Deutscher Meister nicht verteidigen durfte. Trotzdem sei der Vorwurf des "technical dopings" nicht ganz ungerechtfertigt: "Nicht alle haben beispielsweise die gleichen Hilfsmittel und Voraussetzungen. Für hundertprozentige Fairness müssten alle Sportler die gleiche Prothese tragen und auch mit der Prothese springen. Denn einige springen beispielsweise nicht mit der Prothese ab, sondern mit dem Fleischbein", gibt Bruhn zu bedenken.

In ihren Augen hat diese Debatte aber auch etwas Gutes: Immerhin mache sie den paralympischen Sport sichtbarer in der allgemeinen Wahrnehmung. "Behindertensport findet medial eigentlich nur zu den Paralympics statt. Dazwischen sind wir sozusagen nicht existent."

Vereinigung von Olympischen und Paralympischen Spielen?

Die nächsten Paralympischen Sommerspiele werden 2016 in Rio de Janeiro stattfinden – etwa zwei Wochen nach den Olympischen Spielen. Doch warum finden diese sportlichen Großereignisse noch immer getrennt voneinander statt? Warum laufen sie nicht zeitlich parallel?

"Den Grundgedanken empfinde ich als eine gute Idee. Aber das wäre wohl logistisch kaum machbar", sagt Bruhn. "Außerdem würden einzelne Wettkämpfe, Sportarten und Athleten untergehen und weniger Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen."

Bruhns Meinung nach, sollte erst einmal auf nationaler Ebene begonnen werden, beispielsweise die Deutschen Meisterschaften einzelner Sportarten parallel auszurichten: "Das wäre ein Quantensprung, den ich unterstützen würde." Des Weiteren sieht sie darin nicht nur einen Ansporn für die Athleten, sondern vor allem auch einen Mehrwert für die Zuschauer, weil sie so an die Möglichkeiten des Behindertensports herangeführt werden würden.

Auch Markus Rehm ist der Meinung, dass die Olympischen und Paralympischen Spiele weiterhin getrennt stattfinden sollten. "Die Paralympics transportieren ganz besondere Werte, die bei einer Zusammenlegung untergehen würden."

Trotzdem sollten die Spiele einander näher gebracht werden, findet Rehm. "Warum zum Beispiel muss die olympische Fackel ausgemacht werden, um sie dann etwa zwei Wochen später wieder zu entzünden?", fragt der Sportler. "Viel besser wäre doch zum Beispiel ein Staffellauf mit Übergabe der Fackel oder ähnliches. Außerdem könnten mal ein zwei paralympische Starts zwischen olympischen Wettkämpfen stattfinden." Denn so hätten paralympische Athleten die Chance, ihre Leistungen und ihren Sport zu präsentieren – und zwar einem breiten Publikum, das sonst in der Regel keine Berührungspunkte mit diesem Sport hat.

Foto: Kirsten Bruhn beim Schwimmen, Markus Rehm im Sprung

Kirsten Bruhn und Markus Rehm sind sich in vielen Punkten rund um Inklusion und Leistungssport einig - auch was die Rolle der Medien angeht; © privat / Ralf Kuckuck, DBS-Akademie

Grundverständnis von Behinderung ändern

Wie kann Leistungssport in Zukunft also noch inklusiver gestaltet werden? Kirsten Bruhn sieht vor allem Bedarf in der Trainerausbildung. Hier müsse direkt angesetzt und viel besser auf Fragestellungen der Inklusion vorbereitet werden. Außerdem müsse in Sachen Frühförderung und Frühsichtung viel gründlicher vorgegangen werden und auch der Staat müsse Unterstützung bieten.

Bruhn gibt auch zu bedenken, dass gerade die Medien eine große und wichtige Rolle spielen und das öffentliche Bild vom Behindertensport entscheidend prägen. "Die Medien sind es auch, die die Begeisterung für den Sport schon bei den Kindern wecken und somit für Nachwuchs sorgen können", ist Bruhn sich sicher.

Dass sich in Deutschland vor allem das Grundverständnis von Behinderung ändern muss, um unter anderem auch Berührungsängste abzubauen, darin sind sich Bruhn und Rehm einig.

Außerdem stellt Rehm fest, dass das Leistungsniveau im paralympischen Sport stetig steigt und immer mehr Weltrekorde aufgestellt werden. "Die Bedingungen verbessern sich nach und nach und somit auch die Leistungen", sagt Rehm. "Sportler mit Behinderung erhalten zunehmend mehr Anerkennung, da sind wir schon relativ weit. Aber da geht auf jeden Fall noch mehr. Und am Ende profitiert unsere ganze Gesellschaft von einem veränderten Bild von Behinderung."
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de