Liebe auf den ersten Klick: Welche Angebote gibt es für Menschen mit Behinderung?

03.01.2017

Oft wird gesagt, den potenziellen Partner lerne man im Arbeits- oder Freundeskreis kennen. Doch seit vielen Jahren boomen Singlebörsen und Apps wie Lovoo und Tinder. Aber es gibt auch spezielle Angebote für Menschen mit Behinderung. Lässt sich dort wirklich der Traummann oder die Traumfrau finden?

Foto: Hand hält Smartphone, Online-Dating ist zu lesen; Copyright: panthermedia.net/georgejmclittle

Es gibt eine Vielzahl von Flirt-Plattformen. Welche zu einem passt, sollte jeder für sich selbst ausprobieren; © panthermedia.net/georgejmclittle

Etwa 35.000 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verzeichnet das Portal flirt-projekt.de, welches bereits vor zehn Jahren von Geschäftsführer Hartmut Neidiger ins Leben gerufen wurde. Auf der Online-Plattform können sich Menschen mit Behinderungen kennenlernen und über viele Themen austauschen. "Bei meiner Seite haben User den Vorteil, dass ihre Fotos geschützt sind. Nur Premiummitglieder können diese sehen." Eine Premiummitgliedschaft kostet pro Jahr 29 Euro. Mit diesem Betrag versucht Neidiger potenziellem Missbrauch entgegen zu wirken. "So genannte 'Amelos', die eine sexuelle Neigung  für Menschen mit amputierten Körperteilen haben, dürfen aber meine Plattform besuchen." Die Entscheidung, ob diese User sich registrieren dürfen, hat er den Mitgliedern selbst überlassen. Vor einigen Jahren startete er eine Umfrage, wer dafür oder dagegen war. "Es fiel etwa 50/50 aus. Ich habe dann eine Funktion eingefügt, wo man anklicken kann, ob man von diesen Menschen angeschrieben werden darf oder nicht."

Seiner Meinung nach reichen herkömmliche Partnerbörsen nicht aus: "Aus meiner Erfahrung werden viele Menschen mit Behinderungen direkt in eine Schublade gesteckt. Es gibt viele nichtbehinderte Menschen, die den Kontakt abbrechen, sobald sie von der Behinderung erfahren." Auch Janine C. (Name von der Redaktion geändert), die eine Muskelerkrankung hat, kennt dieses Problem: "Bisher habe ich einige Männer auf Online-Dating-Portalen kennengelernt. Da scheint es irgendwie leichter, nicht direkt als die Behinderte abgestempelt zu werden. Andererseits ist es dort auch irgendwie schwer nach den ersten Nachrichten ‚zufällig‘ zu erwähnen, dass man eine Behinderung hat. Im wahren Leben kommt es aber meist gar nicht erst zu einem Gespräch, das in Richtung Flirt geht, weil man eben direkt als behindertes, asexuelles Wesen abgestempelt wird."

Noch schnell E-Mail-Adressen ausgetauscht

Erfolgreich dagegen war Manfred Psenner aus Neu-Ulm. Über flirt-projekt.de hat er seine Frau Siglinde (54) kennengelernt. Vor vier Jahren registrierte sich der heute 57-Jährige, um neue Leute kennenzulernen. "Zwei Tage bevor meine Premiummitgliedschaft ausgelaufen ist, haben wir noch schnell unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht." Es folgten Video-Gespräche per Skype und ein Treffen. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir uns sympathisch waren." Der ehemalige Südtiroler ist für seine Liebe extra nach Deutschland gezogen. Die Hochzeit folgte am 6. März 2014. Auch heute sind beide noch im Portal registriert. "Jetzt sucht man nicht mehr eine Frau, sondern Paare, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und mit denen man sich austauschen kann." Manfred Psenner hat seit seiner Geburt Skoliose, seine Frau hat keine Behinderung. "Siglindes Zwillingschwester arbeitet mit behinderten Menschen zusammen, sie hat ihr von dem Portal erzählt. Sie wollte sich einfach nur mal umsehen." Doch aus dem einfach „nur mal umsehen“ wurde Liebe. Dort haben die beiden ihr gemeinsames Glück gefunden. "Wir führen eine absolut harmonische Ehe und unternehmen sehr viel zusammen. Streit hatten wir bisher noch nie."

Marcia Kemper ist derzeit Single und hat sich vor fünf Jahren beim Portal "Handicap Love" angemeldet und dort ihren inzwischen Ex-Freund kennengelernt. "Leider muss ich sagen, dass man dort auch sehr viele Nachrichten von perversen oder viel zu alten Leuten bekommt." Generell sind Online-Singlebörsen immer mit Vorsicht zu genießen. Schwarze Schafe gibt es auf jeder Plattform.

Nicht alle Angebote sind transparent

Foto: Pärchen sitzt auf Wiese und lächelt; Copyright: panthermedia.net/belahoche

Nicht jeder findet sein persönliches Glück in der virtuellen Welt, doch es gibt viele positive Geschichten, die Hoffnung aufkommen lassen; © panthermedia.net/belahoche

Etwa 200 bis 300 Menschen surfen laut Seite regelmäßig auf Handicap Love. Jedoch dauert es zum Teil mehrere Tage, bis der eigene Account freigeschaltet wird. Seit über zehn Jahren betreibt der Bielefelder Unternehmer Benedict Schmid die Seite "Handicap Love".

Grundsätzlich ist "Handicap Love" kostenlos. In Paragraf 3 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es aber: "Männliche Mitglieder haben optional die Möglichkeit eine erweiterte Mitgliedschaft in Anspruch zu nehmen, um weitere Funktionen zu nutzen. Eine erweiterte Mitgliedschaft ist optional und nicht zwingend notwendig. Die freiwillige erweiterte Mitgliedschaft wird mit 33 Euro für ein Jahr berechnet (keine Abo, keine automatische Verlängerung), der Abschluss einer solchen Mitgliedschaft ist jedoch nicht zwingend notwendig." Welche erweiterten Funktionen dies sind und warum nur Männer diese Option buchen können, wird auf der Webseite nicht ersichtlich. Der Telefon-Support, der immer mittwochs erreichbar sein sollte, ist nach unserem Test nie besetzt gewesen.

Doch der Trend geht auch immer stärker zu den sozialen Netzwerken. Auf Facebook gibt es mehrere geschlossene und offene Gruppen für Menschen mit Behinderung, darunter auch einige Partnerbörsen. Etwa 1.900 Mitglieder hat aktuell beispielsweise die Gruppe "Handicap@Love". Dort ist auch Markus Scherl angemeldet. Er hat ADHS und schon viele Partnerbörsen ausprobiert. "Die meisten, denen ich sagte, dass ich ADHS habe, brachen daraufhin den Kontakt ab. Sie sagten, sie kämen damit nicht zurecht. Das finde ich sehr schade, man sollte erstmal den Menschen dahinter kennenlernen." Die Facebook-Gruppe gefällt dem 24-Jähringen aber sehr gut, dort konnte er schon viele nette Kontakte knüpfen. Vielleicht findet er schon bald die Eine unter den 1.900.

Es geht auch anders

Wie man auch ganz zufällig im Internet seinen Partner kennenlernen kann, bewies Tobias B. (Name von der Redaktion geändert). Seit zehn Jahren ist er bereits mit seiner Freundin zusammen. Getroffen haben sie sich in der virtuellen Welt des Rollenspiels "World of Warcraft". "Das war das erste Mal, vorher habe ich meine Partnerinnen immer in der realen Welt kennengelernt."

Natürlich gibt es noch viele weitere Online-Plattformen speziell für Menschen mit Behinderung. Welche davon am besten zu einem passt, muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden. Aber egal ob im Freundeskreis, in Online-Chats oder beim Einkaufen –es ist doch egal, wie und wo man seinen Partner oder seine Partnerin kennenlernt. Hauptsache, der eine oder die eine steht irgendwann mit einem Lächeln vor uns.

Foto: Lorraine Dindas; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Lorraine Dindas
REHACARE.de

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