Liebe mit Behinderung: Warum so viele Vorurteile?

03.01.2017

Die Vorstellungen und Wünsche in Sachen Liebe und Partnerschaft sind so verschieden wie es unterschiedliche Menschen gibt. Menschen mit Behinderung werden aber immer noch viel zu oft in erster Linie über ihre Behinderung definiert. Das Bedürfnis nach Liebe und Beziehung wird ihnen häufig abgesprochen – oder gar das Recht darauf. Das ergab eine kleine Umfrage, die REHACARE.de durchgeführt hat.
Foto: Junger Mann und junge Frau stehen nebeneinander und lehnen die Köpfe aneinander, beide sitzen im Rollstuhl; Copyright: panthermedia.net/Vladimirs Poplavskis

Ob mit oder ohne Behinderung, ob homo- oder heterosexuell - Liebe spielt für viele Menschen eine wichtige Rolle; © panthermedia.net/Vladimirs Poplavskis

Will dieses Grundbedürfnis dann ausgelebt werden, kommt es schnell zu Schwierigkeiten, beispielsweise bei der Partnersuche: Viele Menschen ohne Behinderung haben Vorurteile im Kopf, die sie nur schwer überwinden können. Sie gehen häufig davon aus, dass Menschen mit Behinderung zu hilfebedürftig sein könnten in einer Beziehung und dass auch das Erleben von Sexualität mit ihnen nur schwer bis gar nicht möglich sei. So scheiden Menschen mit Behinderung schnell als potentielle Partner aus. Diese Erfahrung machte beispielsweise auch Anton K.*: "Ich war vor meiner jetzigen Beziehung jahrelang, vor allem online, auf der Suche nach einer Partnerin. Aber jedes Mal, wenn ich meine Behinderung erwähnt habe, brach der Kontakt ab."

Auch Carina S.* machte ähnliche Erfahrungen. Wie viele andere Menschen verliebte sie sich immer mal wieder und bekam natürlich auch mal einen Korb. "Wichtig war für mich da immer genau zu trennen zwischen Ablehnung aufgrund des Rollstuhls und einfach Ablehnung aus allen möglichen anderen Gründen", sagt die Österreicherin, die seit vielen Jahren nun schon bewusst ohne den Wunsch nach einer Beziehung lebt. "Aber ich habe gelernt, dass alle potentiellen Partner natürlich und mit Recht Angst vor meinem Rollstuhl beziehungsweise der Behinderung hatten. Woher sollten sie auch wissen, wie das alles funktioniert? Für mich war es immer klar, dass ich den ersten Schritt mache und die Angst nehme – mit Worten und Taten."

Doch auch für Menschen, die selbst eine Behinderung haben, kommt nicht immer automatisch auch ein Partner oder eine Partnerin mit Behinderung in Frage: "Ich habe viele Männer getroffen, die von Geburt an eine Behinderung haben", sagt Claudia G.*, die selbst eine Gehbehinderung hat und einen Rollstuhl nutzt. "Auf mich haben diese Männer einen sehr unselbstständigen und oft im Selbstmitleid versunkenen Eindruck gemacht. Das hat mich überhaupt nicht angesprochen! Aber eine Behinderung ist nicht automatisch ein K.O.-Kriterium für mich!" Die Autistin Maria E.* beschreibt ebenfalls, dass sie sich eine Beziehung zu einem Menschen mit der gleichen Behinderung wie sie selbst derzeit nicht vorstellen kann: "Ich brauche eher jemanden, der die Teile ersetzt, die mir fehlen. Also jemanden, der sehr gut mit anderen Menschen zurecht kommt oder nicht so leicht überfordert ist. Eine andere Behinderung, beispielsweise körperlich, spielt für mich aber keine Rolle."

Foto: Frau macht ein Selfie von sich und ihrem Freund, der im Rollstuhl sitzt; Copyright: panthermedia.net/ViewApart

Ob der Partner oder die Partnerin selbst auch eine Behinderung hat, spielt für Menschen mit Behinderung mal mehr und mal weniger eine Rolle; © panthermedia.net/ViewApart

"Das hört sich vielleicht verrückt an: Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, einen Partner mit einer (sichtbaren) Behinderung zu haben", räumt Denise H. ein. "Das ist etwas, auf das ich mich einfach nicht einlassen könnte. Ich hätte solche Angst vor der Verurteilung der Gesellschaft nach dem Motto 'Wie gut, dass die Menschen mit Behinderung unter sich bleiben' und so Kritik wie 'Wie kann man so unverantwortlich sein, wenn beide eine Behinderung haben, dann Kinder zu bekommen. Wer soll sich denn um die kümmern...' – das würde mich emotional zu sehr zu belasten."

Klingt nach harten Worten? Ist aber oft Realität! Denn Partnerinnen und Partnern ohne Behinderung wird von außen oft unterstellt, dass sie viele Kompromisse eingehen müssten oder es wird nicht verstanden, wieso man sich auf jemanden mit einer Behinderung überhaupt einlässt.

Auch Claudia G.* kann das bestätigen: "Diese Fragen wie 'Glaubst du er liebt dich wirklich? Meinst du nicht, er ist nur aus Mitleid mit dir zusammen?' gibt es wirklich. Partner müssen sich solche und ähnliche Bemerkungen immer wieder anhören."

Jan T., der selbst Spastiker ist, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Meine nicht behinderte Partnerin musste erst lernen, wie es ist, mit mir durch die Stadt zu gehen und mit den Blicken der Leute umzugehen. Sätze wie 'Komm wir besorgen es dir mal. Der Spasti bringt’s doch nicht.' prägen."

Doch natürlich halten solche Reaktionen von außen niemanden davon ab sich zu verlieben, wenn er oder sie grundsätzlich offen für Vielfalt in allen Bereichen des Lebens ist. Ob ein Mensch eine Behinderung hat oder nicht, sagt natürlich nicht automatisch etwas über die Person und den Charakter aus.

"Ich würde mir wünschen, dass ich bald endlich jemanden finde, der mich so nimmt wie ich bin: Offen, ehrlich, mal laut, mal leise und nebenbei eben auch behindert", sagt Vanessa R.*. "Da ich ja mit meiner Behinderung aufgewachsen bin, gehört sie für mich genauso zu mir wie meine Augenfarbe. Und genau wie die Augenfarbe sollte meiner Meinung nach auch die Behinderung bei der Partnerwahl nicht im Vordergrund stehen. Das scheint mir bisher aber leider recht utopisch."

Doch die Ergebnisse einer Umfrage unter Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, die diesem Artikel zugrunde liegen, haben deutlich gezeigt, dass Hoffnung besteht. Natürlich gab es leider auch diejenigen, die bisher – laut Eigenaussage – aufgrund ihrer Behinderung noch nie eine Beziehung hatten. Aber es gab auch viele, die seit vielen Jahren in einer glücklichen Partnerschaft leben und auch davor schon positive Erfahrungen machten. Es waren bisexuelle Menschen dabei oder auch welche, die aromantisch leben und damit zufrieden sind. Viele der Befragten schwanken irgendwo zwischen Enttäuschungen und der Hoffnung auf eine baldige Liebe. Andere haben diese bereits gefunden. Ein kleiner Querschnitt, der aber einen Blick aufs große Ganze zulässt: Liebe kommt und geht – mit oder ohne Behinderung.


* = Namen von der Redaktion geändert

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

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