Mit Persönlicher Assistenz selbstbestimmt leben

Wer möglichst unabhängig leben möchte, kommt manchmal nicht drumherum, Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Was für einige vielleicht widersprüchlich klingen mag, ist für viele Menschen mit Behinderung einleuchtend: Denn Persönliche Assistenten ermöglichen ihnen die nötige Selbstbestimmung im Alltag. Und wer einmal in den Genuss kam, möchte in der Regel nicht mehr ohne sein.

02.11.2015

Foto: Rollstuhlfahrerin und Persönliche Assistentin im Park

Persönliche Assistenten sind eine wichtige Unterstützung im Alltag für Menschen mit Behinderung; © panthermedia.net/Natalia Romashova

Persönliche Assistenten greifen Menschen mit meist körperlichen Behinderungen immer dort unter die Arme, wo gerade ihre Unterstützung gebraucht wird. Das kann bei alltäglichen Tätigkeiten wie Einkaufen oder der Körperpflege der Fall sein, aber auch im beruflichen Umfeld.

"Viele Menschen mit Behinderung und Assistenzbedarf wissen nichts von der Möglichkeit, ihre Assistenz selbst zu organisieren", stellt Barbara Vieweg von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben ISL e.V. fest. "Und selbst wenn sie die Informationen haben, fehlen ihnen meist Beratungsstellen, die ihnen bei der Antragsstellung, Bedarfsermittlung und Abrechnung helfen."

Diese fehlenden Beratungs- und Unterstützungsstrukturen seien laut Vieweg auch einer der Gründe, warum es teilweise so große regionale Unterschiede bei der Inanspruchnahme der Persönlichen Assistenz gibt.

Kein Nine-to-five-Job: Persönliche Assistenz

Sima Surkamp ist seit 2014 Budgetberaterin beim Assistenzdienst Düsseldorf. Die gelernte Kauffrau für Gesundheitswesen hilft beispielsweise bei der Wohnungssuche, Anträgen zum Persönlichen Budget und allen Fragen rund um die Persönliche Assistenz. Dabei berät Surkamp nach dem Peer-to-Peer-Prinzip: "Ich habe bereits einige Erfahrungen in diesem Bereich gemacht und gebe diese bei Bedarf gerne an andere weiter."

Die 35-Jährige zahlte viele Jahre ihre Assistenten aus eigener Tasche, weil ihr das dafür notwendige Persönliche Budget anfangs nicht bewilligt wurde. In ihrem alten Wohnort war sie zu diesem Zeitpunkt eine der Ersten, die diesen Antrag stellte. "Das erste Budget ist immer das schwerste", kann auch Vieweg bestätigen. "Ein Sozialamt, das noch nie ein Persönliches Budget beziehungsweise eine Persönliche Assistenz bewilligt hat, ist oft überfordert und fürchtet zu hohe Ausgaben. Hier wird noch zu häufig von bestehenden Angeboten aus gedacht und nicht der Mensch in dem Mittelpunkt gestellt."
Foto: Sima Surkamp und Sandra von Ameln

Wenn aus Persönlicher Assistenz eine Freundschaft wird: Auf der REHACARE 2015 erzählten Sima Surkamp und Sandra von Ameln von ihrer besondern Beziehung zueinander; © beta-web/Lormis

Als Surkamp für ihren Job nach Düsseldorf zog, wurden ihr die Assistenzleistungen aber schnell und unkompliziert bewilligt. Anfang Juli 2014 lernte sie über ein soziales Netzwerk Sandra von Ameln kennen. Seit August 2014 ist diese nun Surkamps Persönliche Assistentin. Von Ameln leistet auch Arbeitsassistenz und übernimmt insgesamt etwa zwei Drittel von Surkamps Assistenzbedarf. Das andere Drittel wird von einem weiteren männlichen Assistenten geleistet. Doch mit der Zeit wurde aus ihrer Bekanntschaft nicht nur eine Assistenz, sondern auch eine Freundschaft.

"Der Assistenzjob ist kein typischer Nine-to-five-Job", sagt die 40-jährige Assistentin. "Und bei mindestens 180 Stunden pro Monat entsteht quasi automatisch eine gewisse Nähe." Trotz aller Freundschaft steht von Ameln aber noch immer in einem Angestelltenverhältnis zu Surkamp. "Bei Fragen wie 'Assistenzhund ja oder nein' gebe ich zwar auch meinen Senf dazu, aber die letztendliche Entscheidung trifft sie selbst", betont von Ameln. Beide räumen ein, dass es manchmal auch Streitigkeiten gäbe, aber diese "kleinen Gewitter reinigen die Luft".

Teilhabe durch Assistenz

Solch ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt sich aber nicht zwischen allen Assistenzgebern und -nehmern. Viele möchten dies auch explizit nicht und trennen hier sehr deutlich. Wie genau man die Beziehung zu seinen Persönlichen Assistenten gestaltet, sollte jeder Mensch am Ende wohl selbst entscheiden.

Die beiden Frauen aus Düsseldorf haben jedenfalls den für sie richtigen Weg gefunden. Assistentin von Ameln betont, dass sie durch ihre Chefin und Freundin viel gelernt habe "über Barrierefreiheit, über Menschen an sich. Aber in erster Linie habe ich fürs Leben gelernt."

Und auch Surkamp ist heute mit ihrer Lebenssituation rundum zufrieden. "Die Arbeit beim Assistenzdienst Düsseldorf hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich heute groß bin." Da sie in ihrer Position als Budgetberaterin nicht nur gefördert, sondern auch gefordert wurde, konnte sie an ihren Aufgaben wachsen – auch in ihrer Persönlichkeit. Zusätzlich betont sie immer wieder, wie sehr auch die Persönliche Assistenz ihr Leben bereichere: "Durch meine Arbeit und die Assistenz bin ich nicht nur Mutter, sondern auch Angestellte, Chefin, Freundin – und damit ein gefragtes Mitglied der Gesellschaft."
Bei Fragen ist Sima Surkamp erreichbar unter: www.assistenzkraft.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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