Mobilität im Alter und Busfahren in der Zukunft

13/06/2016

Hochschule Fresenius und DB Regio präsentierten auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2016 in Berlin erstmals Ergebnisse zum gemeinsamen Forschungsprojekt "Mobilität im Alter". Die von April 2015 bis April 2016 durchgeführte Studie hat auf der Basis von biomechanischen, medizinischen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden umfangreiche Daten zu den Nutzungseffekten des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) von Senioren und Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung erhoben und eine komplexe Struktur an Hinderungs- und Förderfaktoren identifiziert.

Foto: Zwei Männer im Bus bei Messungen, einer davon mit Laptop; Copyright: Hochschule Fresenius

Die ÖPNV-Planung benötigt in Sachen Barrierefreiheit Reformen, um eine bessere Mobilität gewährleisten zu können; © Hochschule Fresenius

Die Untersuchungen liefern wichtige Erkenntnisse darüber, welche Voraussetzungen für eine sichere und einfache Nutzung geschaffen werden müssen, wie der ÖPNV in der Gesellschaft wahrgenommen wird und was er für das Individuum leistet. Hochschule Fresenius und DB Regio haben sich darauf verständigt, die bisherige erfolgreiche Zusammenarbeit weiter fortzusetzen. Dr. Jörg Sandvoß, Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG, Botho von Portatius, Präsident der Hochschule Fresenius, und Prof. Dr. Christian T. Haas, Direktor am Institut für komplexe Gesundheitsforschung der Hochschule, unterzeichneten auf dem Hauptstadtkongress einen entsprechenden Letter of Intent.

"Das Thema 'Mobilität im Alter' hat eine sehr hohe gesellschaftliche Relevanz", berichtet Prof. Dr. Christian T. Haas. "Die Fähigkeit, sich möglichst lange selbst versorgen zu können, eigenständig Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zu erreichen oder gesellschaftlichen Aktivitäten nachgehen zu können, ist ein Katalysator für Lebensqualität. Es geht nicht darum, bloß von A nach B zu kommen, sondern um die Ermöglichung von Anschlussaktivitäten." Je älter die Gesellschaft wird, desto dringlicher sind Fragen zur Bewältigung von Alltagsaufgaben, was in der Regel das Erreichen von Mobilitätszielen voraussetzt. Ein funktionierendes Mobilitätsystem ist zudem eine Schlüsselkomponente der Gesundheitsversorgung, mit entsprechend hoher gesundheitsökonomischer Relevanz. Ebenso hoch ist die Bedeutung für die lokale Wirtschaft und die Volkswirtschaft: Positive Wirtschaftsleistungen älterer Bürger korrelieren in hohem Maß mit dem Erreichen von Mobilitätszielen.

"Aktuell konzentriert sich 'Barrierefreiheit' noch überwiegend auf den Bereich des Ein- und Ausstiegs an den Haltestellen. Es reicht aber nicht, dass ein Bus absenkbar ist. Wir haben gesehen, dass auch innerhalb des Fahrzeugs Nutzungsbarrieren entstehen können", so Haas. Dabei geht es nicht nur um die Belastung durch das An- und Abfahren. Ältere Menschen brauchen beispielsweise erheblich länger für die Identifikation eines freien Platzes, beziehungsweise für das Abwägen, welcher Sitz für sie geeignet ist und wie sie sich hinsetzen können. "Auch das Verständnis von Symbolen, die beispielsweise einen Sitzplatz für mobilitätseingeschränkte Personen signalisieren sollen, darf nicht einfach vorausgesetzt werden", sagt Haas.

Die Zeitverzögerung bei der Einnahme eines Sitzplatzes stellt die Verkehrsgesellschaften vor eine große Herausforderung: Größtmögliche Sicherheit würde lange Standzeiten an den Haltestellen bedeuten. Die Forscher haben herausgefunden, dass ältere Personen doppelt so lange für Ein- und Ausstieg brauchen wie die Jüngeren, bei gebrechlichen Personen steigt die Dauer auf das Vierfache. Ein Vorhersagemodell zeigt, dass auf Basis von 500 Millionen Fahrgästen in einem Jahr und einer Steigerung von nur zehn Prozent an gebrechlichen Personen 20.000 Stunden extra für Ein- und Ausstieg eingeplant werden müssten. "Deshalb bedingt der demografische Wandel systemische Veränderungen in der ÖPNV-Planung", schlussfolgert Haas.

Personen, die den öffentlichen Nahverkehr nutzen, bewegen sich durch die Fußwege zur Haltestelle mehr als die Nichtnutzer. Forscherkollegen berichten, dass ÖPNV-Nutzer dreimal wahrscheinlicher als Nichtnutzer die Bewegungsempfehlungen der World Health Organization (WHO) - 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche - erfüllen. Das Risiko, an Herz-Kreislaufpathologien zu erkranken, kann sich hierdurch um 30 Prozent verringern, das Mortalitätsrisiko um 20 Prozent. "Auch unter diesem Gesichtspunkt ist eine entsprechende ÖPNV-Nutzung zu begrüßen und ein sicheres Gefühl beim Busfahren eine grundlegende Voraussetzung", teilt Haas mit.

Das House of Logistics and Mobility (HOLM) am Flughafen Frankfurt am Main stellte von Beginn an die Organisations- und Innovationsbasis der Forschungskooperation dar. "Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist der Grundgedanke des HOLM. Die DB Regio und die Hochschule Fresenius leben diesen Gedanken höchst erfolgreich, was ich sehr begrüße", so Michael Kadow, Geschäftsführer des HOLM. "Ich freue mich, dass sich die beiden Partner entschieden haben, ihre Kooperation zu verlängern und wünsche viel Erfolg für die Zukunft."

REHACARE.de; Quelle: Hochschule Fresenius gemeinnützige GmbH

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