Mobilitäts-Scouts testen Barrierefreiheit in Fernlinienbussen

Interview mit Ulrike Boppel, Meldestelle für barrierefreie Fernlinienbusse

01.07.2016

Seit dem 01. Januar 2016 müssen alle neu angeschafften Fernlinienbusse über zwei Rollstuhlplätze verfügen. Ab dem 01.01.2020 gilt dies für alle Fernlinienbusse. Das sieht § 42b i.V.m. § 62 Abs. 3 des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) vor.

Foto: Ulrike Boppel; Copyright: BSK

Ulrike Boppel; © BSK

Ulrike Boppel ist Mitarbeiterin der Meldestelle für barrierefreie Fernlinienbusse. REHACARE.de sprach mit ihr über den Einsatz von Mobilitäts-Scouts zur Überprüfung der tatsächlichen Barrierefreiheit in den Bussen.

Frau Boppel, die Meldestelle barrierefreie Fernlinienbusse suchte im letzten Jahr sogenannte Mobilitäts-Scouts. Was genau hatte es damit auf sich?

Ulrike Boppel: Um die Barrierefreiheit in Fernlinienbussen zu überprüfen, hat die Meldestelle sogenannte Mobilitäts-Scouts geschult. In einem dreitägigen Workshop eigneten sich die Scouts, die alle selbst eine Behinderung haben, das nötige Wissen in Bezug auf Barrierefreiheit in Fernlinienbussen an. Die Scouts führen Testfahrten auf unterschiedlichen Fernlinienbus-Strecken und Fernlinienbus-Anbietern durch. Dabei prüfen sie nicht nur die gesetzliche Barrierefreiheit (zwei Rollstuhlplätze), sondern betrachten die gesamte Reisekette von der Anreise bis zur Abreise. Auch die Nutzung für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung wird hier berücksichtigt, da sich Barrierefreiheit nicht nur auf den/die Rollstuhlfahrer/in beschränkt, sondern behinderungsübergreifend gesehen werden muss. Weiterhin prüfen die Scouts den Start- und Zielbahnhof auf Barrierefreiheit. Denn es nützt nichts, wenn der Bus barrierefrei ist, der Bahnhof aber nicht und man somit nicht in den Bus hinein oder hinaus kommt. Seit dem 01. Januar 2016 sind die Mobilitäts-Scouts im Einsatz und testen zahlreiche Fernlinienbus-Strecken. Im März 2016 hat der zweite Workshop stattgefunden. Hier konnten weitere Mobilitäts-Scouts generiert werden. Es sind weitere Workshops vom 20. bis 23. Oktober 2016 in Berlin und vom 16. bis 19. Februar 2017 in Pforzheim geplant. 


Was lernten die Scouts in den Workshops?

Boppel: Zunächst theoretisches Wissen zum Thema Barrierefreiheit. Des Weiteren wurde der Busbahnhof in Berlin (ZOB) besichtigt. Hier wurde von Berlinlinienbus ein barrierefreier Bus zur Verfügung gestellt, sodass die Scouts zum einen ein Beispiel für einen barrierefreien Bus anschauen und zum anderen das Ein- und Aussteigen über den Hublift üben konnten.
Weiterhin lernten die Scouts, wie eine Testfahrt durchgeführt wird, worauf geachtet werden muss und wie sie dokumentiert wird.

Welche Erfahrungen konnten die Mobilitäts-Scouts bereits in der Praxis machen?

Boppel: Die Mobilitäts-Scouts sind fleißig im Einsatz. Da die Barrierefreiheit in den Fernlinienbussen bisher nur für neu angeschaffte Busse gilt, sind weiterhin nicht barrierefreie Busse im Einsatz, wodurch die Scouts auch die Erfahrung machen mussten, dass sie nicht mitgenommen werden. Es gibt jedoch auch Fernlinienbusanbieter, die bereits barrierefreie Busse im Einsatz haben, wie zum Beispiel der Postbus und Berlinlinienbus. Hier konnten die Scouts positive Erfahrungen bei ihren Testfahrten machen. Weiterhin stellten sie fest, dass sich Barrierefreiheit, sofern sie vorhanden ist, lediglich auf Rollstuhlnutzer/innen beschränkt und nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen eingegangen wird. 


Foto: Mobiliätsscouts stehen vor einem barrierefreien Fernlinienbus; Copyright: BSK

Nach dem Workshop besichtigten die Mobilätsscouts noch einen barrierefreien Fernlinienbus in Berlin; © BSK

Welche Aufgaben und Einsätze kommen zukünftig noch auf die Mobilitäts-Scouts zu?

Boppel: Auf die Scouts kommen viele Testfahrten zu. Je mehr Strecken und Busse getestet werden, desto mehr Aufmerksamkeit erhält das Thema. Weiterhin sollen nicht nur die Busse auf Barrierefreiheit getestet werden, sondern vor allem auch die Infrastruktur. Hier testen die Scouts zum Beispiel auch die Anreise zum Busbahnhof: Sind die öffentlichen Verkehrsmittel barrierefrei? Wie ist die Parkplatzsituation am Busbahnhof? Gibt es dort barrierefreie WCs? – und ähnliche Fragen. Diese Punkte sind wichtige Aspekte bei der Barrierefreiheit in Fernlinienbussen, denn ein barrierefreier Bus nützt nichts, wenn der Bahnhof oder die Bushaltestelle nicht barrierefrei sind und der Bus nicht  ohne Hindernisse erreicht werden kann.

Wie barrierefrei sind Fernbusse inzwischen tatsächlich?

Boppel: Da die vollständige Barrierefreiheit in Fernlinienbussen erst ab dem 01. Januar 2020 besteht, sind leider immer noch viele nicht barrierefreie Busse im Einsatz. Hier ist es vor allem für Rollstuhlfahrer/innen, die nicht umsetzen können, unmöglich, mitgenommen zu werden.

Barrierefreie Busse, die bereits im Einsatz sind, weisen zwei Rollstuhlplätze auf. Leider beschränkt sich jedoch die gesetzliche Barrierefreiheit nach dem PBefG auf Rollstuhlfahrer/innen. Auf Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen wird nicht eingegangen, das heißt es gibt im Fernlinienbus keine ausreichenden Kontraste oder Brailleschrift. Hier besteht ein großer Aufholbedarf. Die Meldestelle für barrierefreie Fernlinienbusse hat hierzu eine Broschüre herausgegeben, die Empfehlungen an die barrierefreie Gestaltung von Fernlinienbussen gibt und dabei nicht nur die Barrierefreiheit für den/die Rollstuhlfahrer/in betrachtet.

Der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. wollte es genau wissen und schrieb die Bundesländer mit der Bitte an, den Stand der Fernlinienbusse mitzuteilen, die mit Rollstuhlplätzen ausgerüstet sind. Die Antwort war leider alles andere als zufriedenstellend. Die Bundesländer führen keine Statistik über die zugelassenen barrierefreien Fernlinienbusse seit dem 01. Januar 2016. Hier fehlt deutlich die Überwachung und Kontrolle durch den Gesetzgeber. Dies zeigt auch eine Anfrage an die Bundesregierung durch Stefan Zierke, Mitglied des Deutschen Bundestages, SPD. Auf die Frage, wer in welcher Form zuständig ist für die Erhebung und Dokumentation neuzugelassener barrierefreier Fernlinienbusse, antwortete die Bundesregierung, dass dies gesetzlich nicht vorgesehen sei und von den Behörden auch nicht vorgenommen würde.

Inwiefern könnten standardmäßig barrierefreie Fernbusse die Mobilität von Menschen mit Behinderung positiv beeinflussen?

Boppel: Jeder Mensch hat das Recht auf Mobilität. Dazu gehört, dass man selbst entscheiden kann, wann und wohin man reisen möchte. Der Fernlinienbus ist ein attraktives Reisemittel, da er im Vergleich zu anderen Reisemitteln günstig ist. Zudem wird der Fernlinienbus gerne genutzt, weil man umsteigefrei von A nach B kommt. Dies ist besonders für Menschen mit Behinderung wichtig, da eine umsteigefreie Reise leichter zu bewältigen ist. Die barrierefreien Fernlinienbusse beeinflussen somit positiv die Mobilität von Menschen mit Behinderung.

Mehr über die Meldestelle für barrierefreie Fernlinienbusse unter: www.bsk-ev.org/arbeitsfelder/barrierefreie-fernlinienbusse-infos-meldestelle
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

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