Mobilitätsbarrieren im öffentlichen Personennahverkehr

Sie spielt für Menschen mit Behinderung genau so eine Rolle wie für Senioren oder auch Eltern mit Kinderwagen: Mobilität. Dabei reicht sie von der eigenen körperlichen Beweglichkeit bis hin zum Überwinden von Kurz- und Langstrecken. Doch was passiert, wenn die eigene Mobilität behindert wird?

01.06.2015

Behindert und eingeschränkt fühlen sich in Deutschland derzeit vor allem Menschen, die einen E-Scooter nutzen. Der Grund: ein Gutachten, das der Verband Deutscher Verkehrsunternehmer (VDV) veröffentlicht hat. Dieses besagt, dass bei E-Scootern ein erhöhtes Unfallrisiko im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) bestünde. Deswegen werden Elektromobile in vielen Städten – wie etwa München, Köln, Frankfurt, Dortmund, Bremen, Kassel – nicht mehr in Straßenbahnen und Bussen befördert.

Bei Menschen mit einer Gehbehinderung, die solche E-Scooter nutzen, stößt dieses Gutachten nicht nur auf Unverständnis, sondern auch auf Protest. Viele von ihnen bekunden, dass sie das Verbot in den betreffenden Städten ignorieren und trotzdem weiterhin die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Gegen einen Nahverkehrsbetrieb im Ruhrgebiet wurde inzwischen sogar Klage eingereicht – wegen Diskriminierung.
Foto: Hilfsbereite MOBIA-Lotsen

In immer mehr Städten werden nicht mehr alle mobilitätseingeschränkten Personen ohne Weiteres befördert; © MOBIA

Mobilität bis ins Alter

Im Saarland hingegen gibt es seit einiger Zeit ganz andere Bestrebungen: Das Projekt MOBIA (Mobil bis ins Alter) hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs und somit die Teilhabe am öffentlichen Leben zu erleichtern. Die MOBIA-Lotsen helfen Saarbrücker Fahrgästen mit eingeschränkter Mobilität beim Ein-, Um- und Aussteigen und begleiten sie bei Bedarf sogar von der Haustür bis zum gewünschten Zielort.

Was einst als Forschungsprojekt startete, wird nun seit dem 1. März 2015 allen mobilitätseingeschränkten Fahrgästen der Saarbahn GmbH in Saarbrücken als kostenloser Service angeboten. "Die Weiterführung erfolgt vorerst auf ein Jahr begrenzt, dafür aber auf eigene Kosten des Verkehrsunternehmens", erklärt Manfred Backes, Sprecher des Projektes. "Wir planen allerdings, das Konzept in den nächsten fünf Jahren stufenweise auf den Regionalverbund und dann auf das ganze Saarland auszuweiten."

Foto: Hilfsbereiter MOBIA-Lotse, Seniorinnen mit MOBIA-App

Mit der bereitgestellten App können mobilitätseingeschränkte Personen die MOBIA-Lotsen zur Unterstützung im ÖPNV anfordern; © MOBIA

Fahrgäste im Fokus

Wichtig für weitere Entwicklungen sei nach wie vor, dass die Nutzerakzeptanz des Services im Mittelpunkt aller Bestrebungen stünde, so Backes. "Das war uns von Anfang an wichtig, deswegen haben wir die zugrunde liegende Technik auch immer in enger Abstimmung mit der Zielgruppe weiterentwickelt."

Neben der Software zur Planung der Lotsen-Einsätze basiert das MOBIA-Konzept auf einer Fahrgast-App, mit der die Lotsen zum Wunschort bestellt werden können. Bei dem Forschungsprojekt gab es etwa 60 Tester, die einmal im Monat zusammenkamen, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Das Ergebnis: 80 Prozent der Tester hatten ein Problem mit der Technik, weil sie beispielsweise noch nie ein Smartphone in der Hand hatten und die Handhabung als schwierig empfanden. "Das war für uns ein deutliches Zeichen und wir haben natürlich umgehend eine Alternative zur App geschaffen", berichtet Backes. Künftig waren die MOBIA-Lotsen dann auch über eine Telefonhotline buchbar.

Auch wenn das Projekt derzeit nur in Saarbrücken läuft, soll es wohl schon erste Überlegungen geben, ähnliche Serviceleistungen in Berlin und München anzubieten. "Das Potenzial für einen deutschlandweiten Einsatz von MOBIA wäre gegeben", ist sich Backes sicher.

Mobil sein in Europa

Für Deutschlands ÖPNV sind solche und andere Lösungen sicher ein guter Anfang. Doch um mit anderen europäischen Ländern mitzuhalten, muss noch einiges mehr passieren. Denn Städte wie Göteborg (Schweden), Grenoble (Frankreich) oder Malaga (Spanien) wurden beispielsweise 2014 von der Europäischen Kommission mit dem Access City Award ausgezeichnet – unter anderem dafür, dass sie den öffentlichen Personennahverkehr teilweise bis zu 100 Prozent barrierefrei gestalten. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur besseren Mobilität von Menschen mit Behinderung und Senioren.

Als einzige deutsche Stadt fand Dresden übrigens besondere Erwähnung: Mit einem interaktiven Stadtführer sorgt die sächsische Landeshauptstadt dafür, dass mobilitätseingeschränkte Menschen unterwegs auf möglichst wenig Barrieren stoßen. Und ähnlich wie das Projekt wheelmap.org des Berliner Vereins Sozialhelden e.V. ist dies ein weiterer Schritt Richtung inklusive Gesellschaft: Denn nur wo Menschen nicht durch Barrieren behindert werden, können sie selbstbestimmt mobil sein.
Mehr über MOBIA unter: www.mobia-saar.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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