Multiple Sklerose: Maßgeschneiderte Sportprogramme bewirken nachweisbar positive Effekte

05.12.2016

Mit dosierter Bewegung und Sport in Maßen lassen sich bei der Behandlung von Multiple Sklerose und anderen degenerativen Erkrankungen belegbare Fortschritte erzielen. Entscheidend ist dabei die Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen jedes Betroffenen.

Foto: Junge Frau mach Fittness-Übungen am Gerät mit ihrem Therapeuten; Copyright: panthermedia.net/Kzenon

Sport führt in mehrfacher Hinsicht zu Verbesserungen bei Multipler Sklerose: Nicht nur die Motorik wird verbessert, sondern auch der Prozess der Degeneration wird verlangsamt; © panthermedia.net/Kzenon

Das sind die Kernaussagen des Expertengesprächs "MS und Sport", zu dem die Landesverbände Rheinland-Pfalz und Hessen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) am 28. November in das Wiesbadener Rathaus geladen hatten. Eine wesentliche Grundlage für die Diskussion lieferte die Hochschule Fresenius, die seit Jahren auf dem Gebiet degenerativer Erkrankungen und der Wirksamkeit von Behandlungsmethoden forscht.

Damit hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen, galt doch bis vor wenigen Jahren bei der Diagnose von Multiple Sklerose noch die Devise, sich und seinen Körper möglichst zu schonen und keinen Belastungen auszusetzen. "Heute wissen wir, dass Sport in mehrfacher Hinsicht zu Verbesserungen führt", berichtet Prof. Dr. Christian T. Haas, Direktor des Institutes für komplexe Gesundheitsforschung an der Hochschule Fresenius. Empfehlenswert seien insbesondere Sportarten mit Bodenkontakt der Füße. "Es gibt gute Hinweise, dass bewegungsbedingt biochemische Reaktionen im Körper ausgelöst werden, die für einen Schutz der Nervenzellen sorgen und den Prozess der Degeneration verlangsamen." Die Trainingserfolge sind auch motorisch messbar, wie die Forschung zeigt: Viele Probanden in einem Forschungsprojekt der Hochschule wiesen in Tests deutliche Fortschritte auf, was Gehfähigkeit, Gleichgewichtssinn, Reaktionsvermögen und Ausdauer angeht.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse hat die Hochschule Fresenius ein mehrstufiges Trainingsprogramm entwickelt, das aus der Vermittlung von theoretischem Wissen über die Erkrankung und den Auswirkungen sportlicher Betätigung sowie konkreten praktischen Übungen besteht. "Es ist entscheidend, aus den Betroffenen Experten zu machen, so dass sie die Trainingsmethoden bestmöglich an die Voraussetzungen des Alltags anpassen können", sagt Haas. "Es ist kaum möglich, dass ein Patient von einem Therapeuten rund um die Uhr begleitet wird. Deshalb ist es wichtig, dass MS-Betroffene im Alltag eigenständig entscheiden, wann sie eine Bewegungs- oder Trainingspause brauchen, da bei ihnen Zeitpunkt und Ausmaß der Ermüdungserscheinungen anders als bei gesunden Menschen schwer vorhersehbar sind. Feste Zeiten und starre Pläne wären kontraproduktiv."

Barbara Sellmann, Teilnehmerin an dem Programm, bestätigt das: "Ich habe am eigenen Leib erlebt, dass gezieltes Sporttreiben meine Beweglichkeit und Schnelligkeit verbessert – und ich gehörte früher zu den 'No-Sports-Vertretern'. Aber ich bin begeisterungsfähig und wo ich einen Erfolg sehe, lasse ich mich leicht motivieren. Ich war erstaunt, dass ich nach einem Workshop in der Lage war, 15 Stufen ohne Hilfe und ohne mich festzuhalten, hinaufsteigen konnte. Das war mir vorher monatelang nicht mehr gelungen."

Sie betont auch den sozialen Aspekt: Sport fördere die Gemeinschaft. "Die Gruppe trägt – gerade, wenn es einem nicht so gut geht – nur so bleibt man dran." Zu welchen Höchstleistungen MS-Patienten fähig sein können, zeigt das Beispiel Andreas Beseler, der mit dem Rennrad schon 3.000 Kilometer durch Kanada oder von Jügesheim nach Barcelona gefahren ist und Mitbetroffene zum Mitmachen animiert. "Kurz nach meiner Diagnose ging eigentlich nichts mehr, ich konnte nicht mal mehr ein Glas Wasser hochheben. Heute lautet mein Motto `Gemeinsam Berge versetzen´."

Es hat sich viel getan in Forschung und Begleitung von MS-Patienten, in einem Punkt sind sich die Teilnehmer der Expertenrunde aber auch einig: Das Informations- und Akzeptanzdefizit ist immer noch hoch. "Was Kommunikation und flächendeckende Zustimmung angeht, haben wir noch einen langen Weg vor uns und es ist unsere Aufgabe, diesbezüglich gemeinsam Verantwortung zu übernehmen", sagt Haas. Ein weiteres Problemfeld ist die Finanzierung, nicht jeder hat das Glück, privat abgesichert zu sein. Nur sehr wenige Krankenkassen unterstützen bis dato die Betroffenen, so liegen aktuell viele Hoffnungen auf Förderern und Sponsoren. Das Projekt der Hochschule Fresenius trägt beispielsweise die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. "Wir möchten mit unserer Initiative mehr Landesverbände der DMSG und damit auch noch mehr Betroffene erreichen. Dabei fördern wir insbesondere Projekte, die einen gemeinschaftlichen Ansatz haben, die unter dem Motto 'Wir nehmen den Kampf zusammen an' stehen. Dafür ist das aktuelle Sportprojekt ein sehr gutes Beispiel", sagt Dr. Eva Koch, Leiterin Multiple-Sklerose-Projekte der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

REHACARE.de; Quelle: Hochschule Fresenius

Mehr über die Hochschule Fresenius unter: www.hs-fresenius.de