Netzwerken für mehr Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) suchte vor Kurzem Inklusionsbotschafter und Christian Habl ist einer von ihnen. Er will zeigen, dass und wie Inklusion umsetzbar ist. Mit seinem bundesweiten Netzwerk zur beruflichen Integration für Menschen mit Behinderung e.V. trägt er außerdem aktiv zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) bei und stärkt in ihrem Sinne die Selbstvertretung und das Empowerment von Menschen mit Behinderung.

04/05/2015

Als Habl den Verein im Januar 2013 mit gut 20 Mitgliedern gründete, hatte er selbst schon einen recht bewegten (beruflichen) Lebenslauf hinter sich. Christian Habl hat sich ganz der beruflichen Inklusion verschrieben, weil er selbst erlebt hat, wie schwierig es ist, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
Foto: Christian Habl

Christian Habl; © privat

Nicht ohne uns über uns!

Habl lebt mit einer linksseitigen Hemiparese, von der vor allem der linke Arm betroffen ist. Nach dem Besuch einer Regelschule stieß er bei der Ausbildungssuche auf erste Schwierigkeiten. Nach einem Praktikum im Kindergarten folgte dann eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Danach war er dann allerdings zwei Jahre arbeitslos. Um dieser Situation vorerst zu entgehen, absolvierte er eine weitere Ausbildung zum Versicherungskaufmann und arbeitete anschließend bis 2012 auf selbstständiger Basis. Doch es folgte erneute Arbeitslosigkeit.

In seinem Verein gibt es heute etwa 30 Mitglieder – vom Rentner, Unternehmer, Pastor über den Schulrektor bis zum Informatiker oder Sozialwissenschaftler ist eine große Bandbreite vertreten, mit und ohne Behinderung. Die Rechtsform Verein machte es ihm nun einfacher, Kontakte zu knüpfen und auf Veranstaltungen eingeladen zu werden, um beispielsweise Vorträge zu halten.

Denn genau das ist eines der Vereinsziele: "Wir wollen bei Fachtagungen vertreten sein und Menschen mit Behinderung so eine Stimme geben", sagt Habl. Oft hat er die Erfahrung gemacht, dass bei solchen Tagungen selten Menschen anwesend sind, die direkt betroffen sind. So werden Entscheidungen in der Regel ohne sie getroffen. "Daher ist unser Leitsatz ganz im Sinne der UNBRK: Nicht ohne uns über uns." Und da er selbst ja beispielsweise auch nicht weiß, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen oder blind zu sein, zieht er bei spezielleren Fragen in der Beratung entsprechenden Rat hinzu.

Foto: Christian Habl im Gespräch

Um sein Netzwerk weiter auszubauen, nutzt Christian Habl am liebsten den direkten persönlichen Kontakt; © privat

Versteckte Fachkräfte

Das von Habl gegründete Netzwerk vermittelt Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt, versucht Kooperationen aufzubauen und begleitet auch Unternehmen auf ihrem Weg zu einer inklusiveren Firmenphilosophie.

"Menschen mit Behinderung werden leider oft unterschätzt", fasst Habl seine Erfahrungen zusammen. "Auch werden sie in Bezug auf den viel beklagten Fachkräftemangel kaum bis gar nicht beachtet." Dabei gibt es durchaus gut ausgebildete Menschen mit Behinderung. Sie werden aber kaum eingestellt. "Die Fachkräfte sind da, man muss sie nur erkennen", sagt Habl weiter.

Seiner Erfahrung nach verschweigen viele bei der Jobsuche ihre Behinderung, wenn sie nicht offensichtlich ist, weil sie sich dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhoffen. "Allein der bloße Umgang mit behinderten Menschen ist für viele noch so ungewohnt, dass er eine Hürde darstellt, die oft nicht überwunden werden kann", gibt Habl zu bedenken.

Wenn aber Mitarbeiter mit Behinderung erst einmal eingestellt wurden, berichten Arbeitgeber in der Regel immer, dass sie gute Erfahrungen mit ihnen machen. Außerdem sind diese Arbeitgeber dann in Zukunft auch bereiter, noch mehr Mitarbeiter mit einer Behinderung einzustellen.

Daher sollten Unternehmen künftig besser aufgeklärt sein. "Wenn sie von den Fördermöglichkeiten wüssten, dann würden sie sicher auch mehr Leute einstellen", vermutet Habl. "Das nicht vorhandene Wissen bei den Arbeitgebern ist die Hauptbarriere zum ersten Arbeitsmarkt."
Foto: Christian Habl bei einem Vortrag

Als Inklusionsbotschafter hält Christian Habl auch regelmäßig Vorträge; © privat

Dazu gehören – auch im Arbeitsleben

"Neben dem schulischen Bereich ist der Arbeitsmarkt definitiv einer der wichtigsten Punkte rund um das Themenfeld Inklusion", sagt Habl. In seinen Augen wäre alles so viel selbstverständlicher, wenn auch der erste Arbeitsmarkt wirklich offen wäre für Menschen mit Behinderung. "Arbeit ist die Grundlage zu allem, Arbeit bedeutet Geld. Und Geld bedeutet gesellschaftliche Teilhabe. Außerdem ist einer Arbeit nachzugehen für viele Menschen sinnstiftend und füllt sie aus."


Damit die berufliche und damit auch gesellschaftliche Teilhabe möglichst bald Realität wird, möchte Habl in seiner Funktion als Inklusionsbotschafter eine bundesweite Beratungsstelle für berufliche Inklusion aufbauen. Er möchte als Kontaktperson für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ansprechbar sein und den Inklusionsprozess in Deutschland aktiv begleiten.


Kontakt:

Wer Anregungen, Fragen, Ideen oder sonstigen Kontaktbedarf hat, kann Christian Habl folgendermaßen erreichen:

Christian Habl
1. Vorsitzender
Netzwerk zur beruflichen Integration für Menschen mit Behinderung e.V.
Bahnhofstraße 43
27305 Bruchhausen-Vilsen

Tel: 04252/9090275
Handy:0151/12431071
Mehr über Christian Habl und das Netzwerk unter: www.netzwerk-berufliche-integration.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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