Neue Impulse: Mode für Menschen mit Behinderung

Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt – das gilt auch für die Modebranche. Eigentlich. Denn ein Blick auf Mode für Menschen mit Behinderung zeigt schnell, dass viele Bedürfnisse körperlich eingeschränkter Kunden nicht aufgegriffen und abgedeckt werden. Doch immer mehr Designer wollen genau das ändern.

05/01/2015

 
Foto: Schneiderin bei der Arbeit; Copyright: panthermedia.net/David Pereiras Villagr

Vielen Menschen mit Behinderung können ihre Kleidung nicht von der Stange kaufen und benötigen Maßanfertigungen; © panthermedia.net/David Pereiras Villagr

Menschen mit Behinderung scheinen für die Modebranche keine relevante Zielgruppe zu sein. Angepasste Kleidung für Menschen mit Behinderung ist noch immer ein Nischenprodukt. Mode von der Stange gibt es nicht für diese Zielgruppe. Die Anforderungen sind so speziell und individuell wie die verschiedenen Körper und Behinderungen. Normen und Standards lassen sich hier quasi nicht anwenden. An reguläre Kollektionen wie es sie inzwischen beispielsweise für Übergrößen vermehrt gibt, ist vorerst also nicht zu denken.

Aber muss das so bleiben? Immer mehr Designer sagen: Nein! Zwei von ihnen sind die Jungdesigner Lisa Polk und Christian Schinnerl. Zusammen haben sie das Projekt "hemdless" auf die Beine gestellt. Übersetzt heißt das "ohne Hemd". Der Name spielt darauf an, dass Menschen mit Trisomie 21 aufgrund ihres speziellen Körperbaus in der Regel nur schwer passende Oberbekleidung finden. Denn: Der Kragen ist zu eng, die Ärmel zu kurz, das Hemd zu lang.

Im Rahmen von "hemdless" entwickelten Polk und Schinnerl fünf ganz individuelle Hemden, die auf die persönlichen Bedürfnisse und Wünsche von fünf jungen Menschen mit Trisomie 21 abgestimmt wurden. Aus diesen Einzelstücken leiteten die Designer dann verschiedene Gemeinsamkeiten ab und verarbeiteten sie im sogenannten "6. Hemd": Tunnelzüge ermöglichen es, die Arm- und Rumpflänge zu verstellen. Auch die Kragenweite kann angepasst werden. Dieses Hemd soll somit allen passen.

Praktisch und chic zugleich

Foto: Junge Frau mit Trisomie 21 beim hemdless-Foto-Shooting

Veronika Rehm ist eines der fünf Modelle, für die die "hemdless"-Designer ein maßgeschneidertes Hemd entworfen haben; © Clemens Krüger

Der Ansatz von inklusiver Mode verbreitet sich bisher nur mäßig. Dabei können beispielsweise ein paar Perlen mehr als nur chic aussehen. Was für manche nette Details darstellt, bedeutet für andere nämlich ein Stück mehr Selbstbestimmung. Denn die Designerin Christine Wolf bestickt ihre Kollektion so, dass die Perlen Informationen in Braille-Schrift ergeben. Blinde Menschen entnehmen dieser Verzierung Angaben zu Konfektionsgröße, Farbe, Material oder auch Waschhinweise. Kleidung ist somit also sowohl praktisch als auch ästhetisch.

Die meist recht große Kluft von Ästhetik und Funktionalität ist das, was immer mehr Designer – ob mit oder ohne Behinderung – dazu bewegt, Mode neu zu denken. Wie beispielsweise Eva Brenner vom Verein einfachLEBEN e.V. in Nürnberg. Die gelernte Schneiderin und Kostümbildnerin lebt seit Jahren mit Multipler Sklerose und war mit dem Angebot auf dem Mode-Markt unzufrieden. Seitdem bietet sie Menschen mit Behinderung auf Wunsch Maßanfertigungen an.

Netzwerk für Inklusion

Kleidung, die für Menschen mit einer körperlichen Einschränkung angepasst wurde, kann aber auch für andere Personen hilfreich sein: LKW-Fahrer könnten beispielsweise genauso gut von bequemen, gepolsterten Hosen für Rollstuhlfahrer profitieren. Und gut greifbare Reißverschlüsse sowie große Knöpfe und Knopflöcher erleichtern nicht nur Menschen mit motorischen Einschränkungen die Handhabung.
Foto: Dr. Kathleen Wachowski; Copyright: Thomas Heinick

Dr. Kathleen Wachowski engagiert sich für universelle Mode mit dem Netzwerk Smart-Fit-In; © Thomas Heinick

Doch das wirtschaftliche Interesse an dieser Art von Mode scheint nach wie vor nicht sehr ausgeprägt. Dem möchte Dr. Kathleen Wachowski begegnen, indem sie mit Smart-Fit-In ein Netzwerk schafft, das international und branchenübergreifend Forscher, Hersteller und Nutzer miteinander verbindet. Neben Möbeln, Sportgeräten und Accessoires stehen hier vor allem Kleidung und Schuhe im Mittelpunkt. Die angepassten und personalisierten Produkte sollen das selbstbestimmte Leben von Menschen mit körperlichen Einschränkungen erleichtern und somit auch den Ansatz einer inklusiven Gesellschaft vorantreiben.

Was sagt die Zielgruppe?

Bei Menschen mit Behinderung kommt Mode, die speziell auf sie angepasst wurde, unterschiedlich gut an. Die Meinungen reichen hier von "unbrauchbar" bis "sehr praktisch". Aber Mode ist nun mal auch Geschmackssache.

Moderator Volker Westermann ist Rollstuhlfahrer und findet "junge Designer, die Mut haben, etwas Neues, Ausgefallenes zu entwickeln" besonders spannend. Er räumt ein, dass dabei natürlich auch das Thema Behinderung eine Rolle spielt.

"Ich wünsche mir ausdrucksstarke Kleidung, die vermeintliche Defizite nicht kaschiert, sondern selbstbewusst betont, sowie kreative Modeschöpfer, die sich trauen, etwas Einzigartiges zu schaffen", sagt Westermann. "Sicher gehören aber auch Menschen mit und ohne Behinderung dazu, die diesen Mut ebenfalls besitzen. Ich habe glücklicherweise viele Freunde mit und ohne Behinderung, die genau das umsetzen und leben. Modische Kleidung sollte zwar nicht überbewertet werden, das ist mir klar, aber eben auch nicht aufgrund vermeintlich fehlender Schönheitsideale ausgeblendet werden."
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de