POSEIDON: Informationstechnologie für Menschen mit Trisomie 21

05.12.2014
Foto: Menschen mit Trisomie 21 testen Apps

Menschen mit Trisomie 21 sollen durch Apps bei der Arbeit und in der Freizeit unabhängigerer leben können; © POSEIDON

Im Rahmen eines IKT-Forschungsprojekts der EU werden visuelle und berührungsempfindliche Apps entwickelt, um Menschen mit Trisomie 21 im Alltag unabhängiger zu machen.

Viele Menschen mit Trisomie 21 können nicht ohne Weiteres an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, die für andere Menschen selbstverständlich sind. Bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten – zum Beispiel bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, dem Bezahlen von Artikeln im Supermarkt oder dem pünktlichen Erscheinen zu Terminen – benötigen sie möglicherweise Hilfe, wenn sie mit Schwierigkeiten konfrontiert werden.

Bei POSEIDON (PersOnalized Smart Environments to increase Inclusion of people with DOwN’s syndrome) handelt es sich um ein Projekt mit einer dreijährigen Laufzeit bis November 2016. Es wird Informationstechnologie eingesetzt, um Menschen mit Trisomie 21 durch mehr Autonomie zuhause, bei der Arbeit und in der Freizeit ein unabhängigeres Leben zu erlauben und ihre Möglichkeiten für soziale Kontakte zu verbessern. Die im Projekt zu entwickelnden Technologien umfassen Apps für Tablets und Smartphones, Programme für virtuelle Realität und interaktive Tische.

Knut Melhuus, ein junger Norweger mit Trisomie 21, wird einer der Nutzer sein, die einige der durch POSEIDON bereitgestellten Apps testen werden. Er bezeichnet sich selbst als eine Art "Computerfreak": Neben seinen herkömmlichen Telefonen besitzt er ein Tablet, ein Smartphone und einen PC, er schreibt E-Mails und sendet SMS-Nachrichten an seine Freunde. "Technologie ist wahnsinnig nützlich", sagt er enthusiastisch. "Ich benutze den Kalender sehr oft für Termine und Geburtstage. So kann ich sehen, was ich noch erledigen muss, ob ich meine Mutter an Dinge erinnern sollte oder ich schicke Freunden an ihrem Geburtstag eine SMS. Ich nutze auch soziale Netzwerke wie Facebook und Snapchat."

Eine der Apps, die von den POSEIDON-Partnern im Vereinigten Königreich, Deutschland und Norwegen entwickelt wird, ist ein Kalender, der die Ereignisse des Tages auf einfache Weise abbildet und Stundenpläne von Schulen, Informationen zum Wetter und Videoanleitungen einbindet. An einem bestimmten Tag wird der Nutzer beispielsweise informiert, welche Schulbücher einzupacken sind, welche Kleidung und Schuhe am besten zum Wetter passen und ob er oder sie einen Regenschirm benötigt.

"Wir wollen Menschen mit Trisomie 21 im Vergleich zu der Hilfe, die sie bisher über Smartphones und Tablets erhalten können, noch zusätzlich unterstützen", erklärt POSEIDON-Koordinator Terje Grimstad von Karde AS, einem innovativen Produktentwickler in Norwegen. "Viele Menschen mit Trisomie 21 können diese Geräte nicht vollständig nutzen, da sie nicht an ihre Fähigkeiten angepasst sind."

Die Partner verfolgen einen nutzerorientierten Ansatz und untersuchen die Bedürfnisse von etwa 20 Menschen mit Trisomie 21 und ihren Familien sowie von Betreuern und Lehrern. Die Prototypen, die sie entwickeln und in Kürze mit der Zielgruppe testen möchten, umfassen virtuelle und fotobasierte Navigations-Apps sowie Tabellen mit Erkennungstechnologie für Berührungen und berührungslose Gesten, die auf Wunsch mit großen Bildschirmen interagieren und die in Schulklassen besonders nützlich sein könnten. Die Wissenschaftler beschäftigen sich auch mit Einkaufs-Apps, die den Umgang mit Geld erleichtern.

Fragebögen wurden an Trisomie 21-Vereinigungen in zehn europäischen Ländern gesendet und zwei Nutzer-Workshops wurden Anfang dieses Jahres in Oslo und Mainz abgehalten, in denen einige Ideen erprobt wurden. Hunderte ausgefüllte Fragebögen wurden eingesendet, die – zusammen mit den Erfahrungen aus den Workshops – aufzeigen, dass Menschen mit Trisomie 21 im Allgemeinen mit IKT-Geräten vertraut sind. Von ihnen nutzen 85 Prozent bereits Tablets und 57 Prozent Smartphones. Die Projektpartner werden ab Mitte 2015 eine Pilotphase mit Familien durchführen und hoffen, ihre ersten Apps Anfang 2016 auf den Markt bringen zu können. Für Herbst 2016 ist ein dritter Workshop im Vereinigten Königreich geplant.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse in dieser frühen Projektphase ist, dass die Apps in hohem Maße personalisierbar sein müssen. "Das Prinzip 'One size fits all' stimmt hier leider nicht", sagt Terje. "Menschen mit Trisomie 21 und ihre Betreuer müssen beispielsweise ihre eigenen Stundenpläne, Videoanleitungen, Verkehrsinformationen und Fotos einbinden können. Wenn Schnee liegt, sieht Norwegen plötzlich ganz anders aus! Währungen sind ein weiteres Problem – es gibt Euro, Pfund und Kronen."

Die Partner möchten die von ihnen erstellte Plattform auch für andere Systementwickler auf der ganzen Welt leicht verfügbar machen, sodass diese neue Apps für die Zielgruppe entwickeln können. Verhandlungen mit Technologieunternehmen zu dem Thema, wie die Ergebnisse in einem größeren Maßstab Anwendung finden können, sind für das letzte Jahr des Projekts geplant.

REHACARE.de; Quelle: European Commission, CORDIS

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