Perspektiven wechseln – Mobilität verändern

Welchen Unterscheid machen fünf Zentimeter an einem Bordstein, wenn man im Rollstuhl sitzt? Wie stark variiert die räumliche Orientierung, wenn man nichts oder kaum etwas sehen kann? Auf diese Fragen können Menschen ohne Behinderung erste, ungefähre Antworten finden, wenn sie einmal bewusst ihre eigene Mobilität verändern.

01.06.2015

"Für mich bedeutet Inklusion auch, mal die Perspektive zu wechseln", sagt Ulrike Pohl. Deswegen bot sie bereits zehn Mal vor allem Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, genau dies zu tun. Pohl ist Projektleiterin von "Inklusion konkret" beim Verband für sozial-kulturelle Arbeit e. V. in Berlin. Das Projekt "Perspektivwechsel" organisiert der Verband in Kooperation mit den Machern von Creative Accessibility Tours.
Foto: Ulrike Pohl mit einer Simulationsbrille

Auch Ulrike Pohl selbst wechselt die Perspektive und probiert zum Beispiel eine Simulationsbrille aus; © Inklusion konkret

Andere Perspektive auf Barrieren

"Im Rollstuhl ins Kino, mit Blindenstock zum Einkaufen oder in der Straßenbahn – genau solche alltäglichen Situationen sind es, die wir in kleinen Gruppen austesten", erzählt Pohl. Nach einer kurzen Einführung ins Thema machen sich die bis zu 15 Teilnehmer auf in die Stadt – mit Rollstuhl, Rollator oder auch Simulationsbrille. Je nachdem wie viel Zeit für den Perspektivwechsel zur Verfügung steht, gehen sie gemeinsam einkaufen oder essen. Auch an Bahnhaltestellen testen die Teilnehmer, wie gut sie hier mit einem Rollstuhl oder als blinder Mensch zurechtkommen.

Eine Erkenntnis von vielen ist, dass Menschen mit Behinderung oft in ihrer Mobilität behindert werden und mehr Umwege in Kauf nehmen müssen, weil viele Orte nicht barrierefrei sind. "Außerdem ist uns vermehrt aufgefallen, dass sich der Verlust oder die Einschränkung des Sehvermögens sehr stark auf das Tempo der Teilnehmer auswirken", sagt Pohl. "Für die Teilnehmer im Rollstuhl verändert sich in dieser Hinsicht meist nicht so viel."

Foto: Johannes Mairhofer im Rollstuhl

Bei einer Veranstaltung in Dortmund bewegte sich Johannes Mairhofer einen Tag lang im Rollstuhl fort und machte einige interessante Erfahrungen; © beta-web

Wie Barrieren behindern

Auch Johannes Mairhofer sagt, dass sich seine Mobilität nicht verändert hat, als er im März dieses Jahres spontan beschloss, für einen Tag einen Rollstuhl zu nutzen. "Ich war im Zuge des OpenTransfer Camps Inklusion in Dortmund und hier bei Chairskater David Lebuser und seiner Freundin Lisa Schmidt zu Gast. Ein anderer Freund von David war auch noch da", erzählt der Fotograf aus München. "Am Abend davor waren der Freund und ich zu Fuß, David und Lisa mit dem Rollstuhl unterwegs. Wir zu Fuß waren viel zu langsam, die beiden anderen viel schneller unterwegs. Daraus entstand die Idee, dass wir am nächsten Tag alle einen Rollstuhl nutzen könnten."

Nach einem kurzen Coaching ging es am nächsten Morgen los. Mairhofer hatte nun zwei erfahrene Rollstuhlfahrer an seiner Seite. Sie konnten nicht nur Tipps geben, sondern wussten vorab schon, an welchen U-Bahn-Stationen man zumindest problemlos umsteigen kann. "Als fremder Rollstuhlfahrer in einer neuen Stadt ist das sicher erst einmal schwieriger. Doch obwohl die beiden sich auskannten, stießen wir trotzdem oft auf Hindernisse, die eigentlich nicht sein müssten. Zum Beispiel Stufen, wo man auch eine Rampe oder direkt ebenerdig hätte bauen können", beschreibt Mairhofer seine Erfahrungen. "Grundsätzlich habe ich gemerkt, dass ich tatsächlich schneller vorankam, aber auch, dass es an der einen oder anderen Ecke noch hapert. Es waren aber allesamt bauliche Behinderungen, die beseitigt werden müssen."
Foto: Simulationsbrille und Messen eines Bordsteins

Die Teilnehmer können mit einer Simulationsbrille die Umgebung anders wahrnehmen. Und Ulrike Pohl sensibilisiert unterwegs auch für vermeintlich kleine Barrieren; © Inklusion konkret

Experten in eigener Sache

Dass sich viele Menschen über solche baulichen Gegebenheiten kaum Gedanken machen, kann auch Rollstuhlfahrerin Pohl bestätigen: "Wenn ich mit einer Schule den Termin und Ähnliches bespreche, frage ich direkt immer nach, ob die Schule beispielsweise rollstuhlgerecht ist." Häufig, so ihre Erfahrung, muss das verneint werden. "Also setzt schon bei der Organisation im Vorfeld der erste Lerneffekt ein", fasst Pohl zusammen. Meist lässt sich in anderen Gebäuden der Schule oder auch im Stadtteilzentrum aber ein alternativer Raum finden.

So wie Mairhofer sich Ratschläge von befreundeten Rollstuhlfahrern holte, so ist auch Pohl der Meinung, dass gerade das besonders wichtig ist bei diesen Selbsterfahrungsprojekten: "Damit solche Aktionen wirklich etwas bringen, müssen auf jeden Fall auch Menschen mit Behinderung selbst dabei sein." Deswegen begleitet nicht nur Pohl als Rollstuhlfahrerin die Perspektivwechsel, sondern auch die blinde Dozentin und Trainerin Kerstin Gaedicke die meist jugendlichen Teilnehmer – während der Erkundungstour durch die Stadt und auch bei der gemeinsamen Quiz- und Auswertungsrunde am Ende des Tages.

Die Erfahrung zu machen, wie unterschiedliche Barrieren die eigene Mobilität verändern und damit das Bewusstsein und das Verständnis füreinander zu stärken, sind zwei der Hauptziele der Berliner Perspektivwechsel. Doch Pohl gibt auch deutlich zu bedenken: "Nur weil man sich für zwei Stunden oder auch ein paar mehr in einen Rollstuhl gesetzt hat, weiß man natürlich nicht automatisch wie es Menschen mit Behinderung im Alltag ergeht – das ist klar."
Mehr über Inklusion konkret unter: www.inklusionkonkret.info
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de