Praktisch und hilfreich: Wenn Produkte allen Menschen nutzen

Helfer für den Alltag sollen praktisch und einfach zu handhaben sein. Doch nicht jeder Anwender bringt die gleichen Voraussetzungen mit. Das macht ein Produktdesign, das wirklich allen Bedürfnissen gerecht wird, schwierig. Das Gestaltungskonzept Design für Alle will genau hier ansetzen und etwas ändern.

01.10.2015

Foto: Zwei Mädchen schälen Kartoffeln

Ob Jung oder Alt - Design für Alle macht viele Gegenstände für jeden nutzbar, ohne weitere Anpassungen; © panthermedia.net/mjth

Menschen sind unterschiedlich. Keiner gleicht dem anderen. Diese Vielfalt erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. "Es gibt nicht 'den' normalen Menschen, also können Designer auch nicht länger trennen zwischen Mainstream und Speziallösung", sagt Simon Kesting, geschäftsführender Vorstand vom Europäischen Kompetenznetzwerk Design für Alle Deutschland e.V. (EDAD). "Die Entwürfe der Designer müssen daher Antworten geben auf vielfältige Anforderungen und Wünsche. Dazu braucht es die aktive Einbindung der späteren Nutzer. Allein am Schreibtisch oder Zeichenbrett können künftig keine erfolgreichen Produkte mehr entstehen."

Design für Alle unterliegt bestimmten Kriterien

Doch was genau braucht ein solches Produkt, damit alle Menschen davon profitieren? Im Prinzip Design für Alle (DfA) sind für die Beurteilung von Alltagsprodukten fünf Kriterien festgelegt:

Produkte müssen sich als erstes durch ihre Gebrauchsfreundlichkeit auszeichnen. Sie sollten also so gestaltet werden, dass sie einfach und vor allem sicher nutzbar sind.

Auch ihre Anpassbarkeit spielt eine wichtige Rolle. Die Produkte sollten so entwickelt werden, dass viele verschiedene Nutzer sie an ihre unterschiedlichen und individuellen Bedürfnisse ohne weiteres anpassen können.

Produkte, die dem Prinzip von DfA entsprechen, zeichnen sich außerdem durch ihre Nutzerorientierung aus. Das bedeutet, dass sie die späteren Nutzer und deren Perspektiven schon frühzeitig im Entwicklungsprozess berücksichtigen und sich daran orientieren.

Hierbei muss weiterhin auch die ästhetische Qualität mitgedacht werden. Denn nur attraktiv gestaltete Produkte können auch wirklich alle Menschen erreichen, heißt es von Seiten des EDAD.

Das letzte grundlegende Kriterium ist das der Marktorientierung: Die entstandenen Produkte sollten möglichst breit positioniert werden, um auch das gesamte Marktpotenzial optimal ausschöpfen zu können.

Und wo liegt der Nutzen solcher Produkte? "Produkte und Orte, die 'für Alle' entworfen werden, sind am Ende genauso komfortabel und attraktiv für junge Familien wie für Best Ager oder Senioren, für Menschen mit und ohne Behinderung", sagt Kesting. "Für Unternehmen ist diese Art der Zielgruppenerweiterung in Zeiten des demographischen Wandels unverzichtbar, weshalb immer mehr Branchen sich mittlerweile damit befassen."

Design für Alle zielt von Anfang auf die Inklusion aller möglichen Nutzer ab. "Idealerweise ist gutes Design für Alle auch barrierefrei, während längst nicht jede barrierefreie Lösung als Design für Alle gelten kann", so Kesting weiter.
Foto: Weinetikett mit Blindenschrift, Stecker in Steckdose

Ein Weinflaschen-Etikett mit Braille-Schrift oder ein leicht entfernbarer Stecker - Design für Alle hat viele Gesichter; © EDAD Design für Alle - Deutschland, Neumann Consult bzw. M. Knigge, Büro grauwert

Vielfältige Produkte für ein selbstbestimmtes Leben

Den Begriff Design für Alle findet man übrigens auch im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). "Grundsätzlich ist Design für Alle vor allem in Kontinentaleuropa verbreitet", sagt Kesting. "Die EU-Kommission empfiehlt außerdem, Design für Alle als Bedingung für öffentliche Ausschreibungen in das Vergaberecht der Mitgliedsländer einzuführen."

Die breite Bevölkerung nimmt DfA zwar grundsätzlich wahr, aber eher in Form guter Produkteigenschaften, die meist anders benannt werden, etwa "praktisch", "komfortabel", "intuitiv". Hersteller nehmen diese Tendenz auf und erläutern bevorzugt den jeweiligen Mehrwert ihres Produktes. Dabei verwenden sie eher bereits bekannte und gefestigte Begriffe. "Ein Beispiel dafür ist der vom Zentralverband Sanitär-Heizung-Klima (ZVSHK) ins Leben gerufene Produkt-Award 'Badkomfort für Generationen', mit dem seit 2013 regelmäßig Produkte nach den Kriterien des Design für Alle ausgezeichnet werden", so Kesting.

Das DfA-Konzept baut also darauf auf, dass die daraus entstehenden Produkte von den Konsumenten als ansprechend und besonders gebrauchsfreundlich wahrgenommen werden. Mögliche individuelle Anforderungen, die sich beispielsweise aufgrund einer Behinderung oder des Alters ergeben, werden von Anfang an in die Planung und Gestaltung mit einbezogen. Immer mit dem einen Ziel vor Augen: Alle Menschen sollen die Produkte nutzen können – ohne Sonderlösungen oder Unterstützung. Denn ein selbstbestimmtes Leben sollte kein Luxus sein.
Mehr über EDAD unter: www.design-fuer-alle.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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