Prothesen: Welches Bild sich der Mensch von seinem Körper macht

05/03/2014
Foto: Mann mit Prothese am Bein joggt

© panthermedia.net/Eric Rodolfo Schroeder

Kaum ein Ding hat ein derartig hohes Aussagepotential für Norm- und Wunschvorstellungen einer Gesellschaft und deren Innovationspotentiale wie die Prothese. Sie hat einen großen und zugleich ambivalenten politischen und symbolischen Wert und spiegelt technische Innovationen. Das Forschungsprojekt „Anthropofakte“ untersucht die Rolle der Prothetik in der Gesellschaft.

Körperersatzteile sind einerseits eingebettet in einen Prozess der Überwindung von Behinderung, Verletzung, Verkrüppelung und dokumentieren und verfestigen andererseits Leistungs- und Normierungserwartungen von Gesellschaft und Kultur. Prothesen sollen – unter den konkreten technischen Bedingungen eines Artefakts – als Mangel empfundene körperliche Erscheinungen gesellschaftskonform machen oder wünschenswerte Fähigkeiten verstärken oder sogar zuallererst entwickeln.

Um dieser Ambivalenz wissenschaftlich gerecht zu werden, haben Wissenschaftler der TU Berlin eine transdisziplinäre und fächerübergreifende Vorgehensweise gewählt – unter konsequenter Einbeziehung musealer auratischer Objekte. In dem Forschungsvorhaben „Anthropofakte. Schnittstelle Mensch, Kompensation, Extension und Optimierung durch Artefakte“ erforschen sie zusammen mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden unter Leitung von TU-Professor Dr. Christoph Asmuth die Schnittstelle zwischen Körper und Technik. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt mit mehr als einer Million Euro über drei Jahre.

Der Verbund aus Universität und Museum wird mit und im Museum allgemeine kulturelle, medizinische, gesellschaftliche, soziale und politische Zusammenhänge dechiffrieren und die Ergebnisse in gesellschaftlich relevantes Wissen transformieren. Dazu dient die bundesweit qualitativ und quantitativ herausragende Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (DHMD) zur Körpergeschichte.

Durch eine transdisziplinäre Methodik werden Fragen der Kultur-, Körper- und Technikgeschichte sowie der Philosophie und Anthropologie mit den sozialen, politischen und kulturellen Körperbildern und der Körperwahrnehmung verbunden und der historische Wandel und die kulturellen Implikationen der Beziehung von Mensch und technischem Artefakt reflektiert. Dabei stehen die Grenzen des menschlichen Körpers, die gesellschaftliche Normierung von Körperbildern, das Problem der Natürlichkeit und die Frage einer Hybridisierung des Menschen im Fokus. Erforscht wird, wie sich in konkreten Objekten gesellschaftlicher und kultureller Wandel sowie Innovation und Interaktion von Mensch und Technik ausdrücken.

Vor dem Hintergrund der neuen technologischen Möglichkeiten und der zu erwartenden Entwicklungen der Genetik, der Transplantation und der regenerativen Medizin richtet das transdisziplinäre Forschungsvorhaben den Blick in die Zukunft und fragt, ob sich die Grenzen zwischen Körpereigenem und Körperfremdem in der Gegenwart aufheben und welche Konsequenzen dies haben kann.

Das Projekt wird mit zahlreichen namhaften Forschern, wichtigen Multiplikatoren und orthopädietechnischen Unternehmen zusammenarbeiten. Die Ergebnisse werden durch Tagungen, Publikationen und einer Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zugänglich gemacht.

Die erste Tagung im Rahmen des Forschungsprojektes findet vom 13. bis 14. März 2014 im "Deutsches Hygiene-Museum Dresden" statt. Das interdisziplinäre Symposium beschäftigt sich mit dem Thema „Die Mobilisierung des Körpers. Prothetik seit dem ersten Weltkrieg“.

REHACARE.de; Quelle: Technische Universität Berlin

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