REHACARE-Kongress: "Das Quartier ist ein Prozess"

Interview mit Franz Müntefering, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Bundesminister a.D.

29.09.2016

Wie wollen wir in Zukunft in unserem Stadtviertel wohnen? Die inklusive Quartiersentwicklung wird immer wichtiger, denn Senioren wollen möglichst lange unabhängig bleiben, und das heißt auch: dort wohnen, wo sie wohnen möchten. Das setzt voraus, dass Quartiere einerseits die Bedürfnisse bedienen, die uns allen gemeinsam sind. Andererseits müssen sie der Besonderheit des Einzelnen Rechnung tragen.

Bild: Älterer Mann im Anzug, mit Brille und graumelierten Haaren am Rednerpult - Franz Müntefering; Copyright: beta-web/Höpfner

Franz Müntefering am Donnerstag bei der REHACARE in Düsseldorf; © beta-web/Höpfner

Der REHACARE-Kongress 2016 beschäftigt sich am Donnerstag, 29. September, mit diesem Thema. REHACARE.de hat mit Franz Müntefering, der dort einen Vortrag hält, über das altengerechte Quartier gesprochen.

Herr Müntefering, wie sieht in Ihrer Idealvorstellung ein altengerechtes Quartier aus?

Franz Müntefering: Jede Kommune, jedes Quartier hat seine eigene Prägung, seine Geschichte und seine Perspektiven. Ein Ideal zu beschreiben, geht deshalb schnell an der Realität des Lebens vorbei. Es ist besser, sich der Idee vom Quartier pragmatisch zu nähern: Analyse – Ziel – Fixierung nächster Schritte für den Weg, Klärung von Aufgabenstellung und Verantwortung.

Vor welchen Herausforderungen stehen Städte und Gemeinden dabei, genügend altengerechten Wohnraum zu bieten?

Müntefering: Städtische und andere engagierte Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften sind einzubeziehen, oft sind sie es bereits. Der gezielte Umbau und der Abbau von Barrieren in bestehenden Wohnungen und der bedarfsgerechte Neubau sind möglich und nötig; der Umbau ist schneller und zahlenmäßig wirkungsvoller zu realisieren. Dabei geht es nicht um Perfektionismus, sondern um konkrete Verbesserungen: die nötige Türbreite, Dusche statt Badewanne, elektronische Hilfen zum Beispiel für Rollläden, Entfernung von Stolpersteinen. Das ist als kleines Programm von den Kosten beherrschbar, zumal Förderung staatlicherseits oft möglich ist. Das Wohnumfeld muss gleichzeitig ebenfalls barrierefrei und nutzergerecht werden. Mobilität muss drinnen und draußen gewährleistet sein. Das ist ein zentrales Stück Lebensqualität.

Ist diese Planungsweise wirklich inklusiv gedacht oder bedeutet sie am Ende, Junge von Alten zu trennen, um jedem sein eigenes Quartier zu geben?

Müntefering: Das wäre ein völlig falscher Weg. Quartiere können nur gut sein, wenn sie dem Leben in seiner vollen Dimension genügen. Alle Lebensphasen müssen hier zu Hause sein, mit allen Gemeinsamkeiten und mit den Besonderheiten, die das Leben mit sich bringt. "Altersgerechte" Quartiere müssen "gesellschaftsgerechte" Quartiere sein.

Gibt es in Deutschland und international Beispielprojekte, in denen derartige Konzepte gut umgesetzt wurden?

Müntefering: Die Idee ist ja nicht neu und die Stadt und das Quartier sind nie endgültig fertig, denn die äußeren Bedingungen verändern sich und die individuellen Lebensentwürfe und die Gesellschaftsentwürfe ebenfalls. Auch das Quartier ist ein Prozess und es kommt darauf an, diesen Prozess auf der Höhe der Zeit zu gestalten und zu wissen, dass jedes erreichte Ziel nur ein Zwischenziel sein kann. Eine spannende Aufgabe.

Herr Müntefering hält seinen Vortrag "Stadt ist mehr als die Ansammlung von Häusern - altegerecht zum Beispiel" auf dem REHACARE-Kongress am 29. September 2016, um 10.45 Uhr in Raum 3, Congress Center Düsseldorf Süd.

Mehr zum REHACARE-Kongress erfahren Sie hier: www.rehacare.de
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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