Rehabilitation mit Spielekonsole hilft bei Parkinson und im Alter

04/03/2015
Foto: Frau beim Spielen eines Exergames

Exergame-Training "Light Race" mit der XBOX Kinect, Quelle: Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH); © Ingo Rappers

Videospiele mit Bewegungssteuerung sind ein neuer Therapieansatz zur Sturzprävention bei Menschen mit Parkinson. Mit drei Trainingseinheiten pro Woche sollen diese Fitness-Spiele, sogenannte Exergames, Bewegungsabläufe verbessern und die Freude am Rehabilitations- Training erhöhen. Experten sehen in den Spielen eine flexible und motivierende Ergänzung zur klassischen Physiotherapie.

Über Möglichkeiten und Grenzen der Videospiele informiert Dr. med. Matthis Synofzik auf einer Pressekonferenz, die im Rahmen der 59. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) am 19. März 2015 um 13.30 Uhr in Tübingen stattfindet.

Menschen mit Morbus Parkinson können mithilfe von Exergames verlorene Bewegungsabläufe wieder neu erlernen. Sechs Pilotstudien haben gezeigt, dass Teilnehmer mit Parkinson im Frühstadium ihre Bewegung durch virtuelles Tennis, Bowling, Skislalom oder diverse Balancespiele ähnlich verbessern, wie Kontrollpatienten, die herkömmliche Physiotherapie erhielten. "Dabei machen die Spiele den meisten Teilnehmern mehr Spaß", sagt Dr. Synofzik, Oberarzt und Forschungsgruppenleiter der Abteilung für Neurodegeneration am Universitätsklinikum Tübingen. "Denn sie ermöglichen ein abwechslungsreiches Training, das jederzeit zu Hause, mit Freunden oder dem Ehepartner durchführbar ist." Der Weg zum Reha-Zentrum bleibt den Betroffenen dabei erspart. Das sei ein großer Vorteil für Menschen mit schweren Bewegungsstörungen. "Exergames sollen die Physiotherapie aber nicht ersetzen", betont der Neurologe im Vorfeld der DGKN-Pressekonferenz. Sie seien aber eine empfehlenswerte Ergänzung, die nicht an Verordnungen geknüpft sind, so Synofzik.

Bereits 2012 haben Neurologen gezeigt, dass videospiel-basiertes Rehabilitationstraining zur Sturzprävention bei älteren Menschen beiträgt. Denn das gealterte Gehirn kann Tempo und Ausmaß von Schritten und anderen Bewegungsabläufen schlechter einschätzen als bei jüngeren Menschen. Stolperfallen im Boden entgehen der Aufmerksamkeit, da die Konzentration sich stärker auf das Gehen richten muss. Insbesondere bewegungsgesteuerte Tanzspiele sollen laut einer Studie die Bewegungsnetzwerke im Gehirn wieder fit machen.

Hirnforscher der Universität Tübingen haben zudem kürzlich gezeigt, dass Exergames auch Menschen mit Ataxie helfen – einer Erkrankung, bei der die Nervenzellen im Kleinhirn absterben. Nun wird das Training sogar bei solchen Patienten eingesetzt, bei denen der Krankheitsverlauf bereits so weit fortgeschritten ist, dass sie auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind. Eine größere Kohortenstudie mit derart schwer betroffenen Patienten, unter Leitung von Dr. Synofzik, steht nun kurz vor dem Abschluss.

"Die bisherigen Ergebnisse geben Anlass zu hoffen, dass Exergames einen neuen Reha-Ansatz für eine ganze Reihe neurologischer Erkrankungen bieten – nicht nur im Alter und bei Parkinson, auch bei Multipler Sklerose oder Schlaganfall-Patienten ist ein erfolgreicher Einsatz denkbar", sagt Professor Dr. med. Holger Lerche, Facharzt für Neurologie und Kongresspräsident der 59. Jahrestagung der DGKN. "Dennoch müssen wir die bisherigen Ergebnisse in groß angelegten Studien mit verschiedenen Patientengruppen bestätigen." Außerdem gelte es zu prüfen, welche Spiele für die Patienten in Frage kommen, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. "Viele kommerzielle Spiele, bei denen alte Menschen oder Patienten mit Parkinson schnelle Entscheidungen treffen und komplexe Bewegungen ausführen müssen, um Hindernisse zu umgehen, könnten zu risikoreich und vor allem demotivierend sein", erklärt Synofzik. Wie das Reha-Training für Patienten mit neurologischen Erkrankungen und für Senioren in Zukunft aussehen könnte, erklären die DGKN-Experten am 19. März auf der Kongress-Pressekonferenz in Tübingen.

REHACARE.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Mehr über die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften unter: www.awmf.org