Reisen mit Behinderung: Urlaub ohne Grenzen

Wer reisen will, muss mobil sein. Eine Tatsache, die auch für Menschen mit Behinderung gilt. Das Angebot an behindertengerechten Reisen ist jedoch gering. Oft scheitert es zudem an einer unzureichenden Beratung und schlecht geschultem Personal. Das Reisebüro Weitsprung in Marburg hat es sich aus diesem Grund zur Aufgabe gemacht, Reiseträume für jeden wahr werden zu lassen.

 
Foto: Rollstuhlfahrer am Strand mit Blick aufs Meer; Copyright: Reisebüro Weitsprung

Natürlich träumen auch Menschen mit Behinderung davon, zu reisen. Mit dem entsprechenden Wunsch ist alles möglich; © Reisebüro Weitsprung

Martin Smik und Birgit Glöckner führen eines der wenigen Reisebüros in Deutschland, die sich auf Gruppen- und Individualreisen für Menschen mit Behinderung spezialisiert haben. Mit Weitsprung, einem gemeinnützigen Unternehmen, haben sie ein Angebot für behinderte und nichtbehinderte Menschen sowie Senioren geschaffen. Ihre Herangehensweise ist so simpel wie besonders: Nichts ist unmöglich. Ob Griechenland, Mallorca oder Ägypten – Beratung und Kompetenz haben bisher noch jeden Urlaub zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht.

Mit individueller Beratung zum Erfolg

Ihre Kunden in unterschiedliche Behinderungsgrade und -arten einzuteilen, macht für Smik und Glöckner dabei nur wenig Sinn: "Wenn man beginnt zu klassifizieren und das über Standardschemata wie blind, Rollstuhl, gehörlos hinweg, dann landet man schnell bei der Frage: Was ist eigentlich eine Behinderung und wo hört diese auf? Mit diesen Begrifflichkeiten wollen wir uns nicht beschäftigen." Stattdessen wollen sie den Menschen einfach die Hilfe bieten, die sie auch benötigen. Dafür sind viel Erfahrung und Wissen nötig.

Im Laufe der Jahre haben die beiden daher einen großen Katalog an Angeboten zusammengestellt. Einige der Informationen, die die Barrierefreiheit von Flughäfen, Hotels oder Ausflugszielen betreffen, beziehen sie aus Fremdinformationen, der sogenannten touristischen Servicekette. "Wir haben allerdings im Verlauf der Zeit gelernt, dass wir diese Informationen leider mit großer Vorsicht genießen müssen. Vieles recherchieren wir selbst. Das ist zwar sehr aufwendig, aber wir haben auch einen sehr hohen Anspruch und somit bleibt uns keine andere Möglichkeit als zu testen und auszuprobieren", erläutert Smik.

Reisen ist Träumen und Leben

Das Weitsprung-Angebot umfasst neben einer ausführlichen und intensiven Beratung auch einen Begleitschlüssel von eins zu zwei: In einer Reisegruppe reisen maximal zehn Gäste. Das bedeutet, dass mindestens fünf Begleitpersonen immer vor Ort sind. Glöckner ergänzt: "Wenn Gäste mitkommen, die einen höheren Assistenzbedarf haben, beispielsweise eine nächtliche Betreuung benötigen, dann nehmen wir natürlich mehr Begleitpersonal mit. Das heißt, wir haben teilweise Teams, die aus sieben bis acht Mitarbeitern bestehen."
Foto: Reisegruppe in Afrika; Copyright: Weitsprung Reisebüro

Kein Kontinent ist zu weit für das Reisebüro Weitsprung. Hier befindet sich die Reisegruppe in Afrika in Begleitung von Martin Smik (vorne rechts, kniend); © Weitsprung Reisebüro

Diese Assistenzleistung wird allerdings nicht durch die Sozialgesetzgebung unterstützt. Grundsätzlich muss der Reisegast selbst bezahlen. Reisen ist und bleibt somit für viele ein Luxusgut. Es gibt allerdings Ausnahmen, in denen Leistungen berechnet werden können, gerade wenn es sich um berufsbedingte Unfälle handelt, erklärt Smik weiter: "Leistungen werden dann teilweise über die Berufsgenossenschaft im Rahmen des Nachteilausgleiches abgedeckt. Außerdem haben wir, da wir ein gemeinnütziger Betrieb sind, eine Anerkennung nach dem Pflegeleistungsergänzungsgesetz erhalten. Dabei handelt es sich um Leistungen im Rahmen der Verhinderungspflege, die sich der Reisegast im Nachhinein in Absprache mit der Pflegekasse anrechnen lassen kann. Da helfen wir gern und geben die entsprechenden Bescheinigungen."

Aus diesem Grund ist Weitsprung auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Glöckner ergänzt, dass ohne freiwillige Mitarbeiter das Angebot gar nicht möglich wäre: "Auch da haben wir sehr hohe Ansprüche. Wir schulen unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter und bilden diese aus. Es gibt viele, die entweder gerade aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, in Altersteilzeit arbeiten oder einfach ihre Freizeit sinnvoll nutzen möchten. Einige von ihnen, die aus entsprechenden pflegerischen oder sozialen Berufen kommen, opfern dafür sogar ihren Jahresurlaub."
Foto: Martin Smik und Birgit Glöckner
Foto: Martin Smik
Foto: Jeep mit Rampe in Afrika
Foto: Frau in Rollstuhl umringt von Afrikanern
Foto: Reisegast auf Boot mit Schwimmweste

"Reiseindustrie ist auf dem richtigen Weg"

Man darf nicht vergessen, dass es sich auch bei der Reiseindustrie um einen wirtschaftlich orientierten Markt handelt. Die Bestrebungen, diesen weiter auszubauen, sind vorhanden und laufen auf Hochtouren. Smik sieht den Mangel an Angeboten daher einerseits viel mehr in der interdisziplinären Zusammenarbeit. "In diesen Bereichen sind schon ganz viele Ideen vorgedacht. Das sind oft Insellösungen. Das heißt, es handelt sich um kleine Initiativen. Eine Frau in Bayern bietet Wasserskikurse für Querschnittsgelähmte. Es werden Pfade im Bayerischen Wald gebaut, die rollstuhlgerecht sind. Diese Insellösungen sind genial, müssten aber viel mehr in die touristische Vermarktung eingebettet werden."

Ein anderer Punkt ist die touristische Ausbildung. Insbesondere die Mitarbeiter an den Schaltern der Reisebüros sind in Beratungssituationen mit Menschen mit Behinderung oft heillos überfordert. Glöckner gibt zu bedenken, dass sie ihren Kunden teilweise intime Fragen stellen müssten. "Haben Sie einen Urinbeutel? Wie oft muss dieser gewechselt werden? Haben Sie eine künstliche Prothese, die gegebenfalls zu Problemen an den Sicherheitskontrollen der Fluhäfen führen könnte? Führen Sie Medikamente mit sich, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen?" All das seien Fragen, die normalerweise in einem Reisebüro nicht gestellt werden.

Eine individuelle und intensive Beratung ist gerade für Menschen mit Behinderung immens wichtig. Schon ein kleines Detail kann zu großen Problemen während des Urlaubs führen. Aus diesem Grund sind Smik und Glöckner eine Kooperation mit der Tour-Guide-Akademie eingegangen, die europaweit Reiseleiter ausbildet. Ein neuartiges Modulsystem bietet dort nun den Baustein "barrierefreier Tourismus" an. "Wir selber haben damit begonnen, unsere Reiseleiter über die Tour-Guide-Akademie zu schulen und zu zertifizieren. Wir haben uns außerdem bereit erklärt, auch als Referenten tätig zu sein, weil es uns sehr am Herzen liegt, die touristische Ausbildung weiter voranzutreiben."

Jedes Reiseziel ist möglich

Es gibt kein Land, von dem Smik und Glöckner ihren Reisegästen abraten. Vielmehr ist es eine Sache der Perspektive und der Vorbereitung. Mit dem entsprechenden Wunsch, den man in den Raum stellt, sei ganz viel möglich. Als Reisender müsse man sich fragen, was man sehen und erleben möchte. Smik und Glöckner ermuntern ihre Gäste daher Land und Leute kennenzulernen. "Wirklich Wege zu gehen, die vielleicht so noch niemand gegangen ist. Die sich der normalen Vorstellungskraft entziehen, ob man so etwas kann oder nicht. Wenn man kreativ ist, wenn man die Leute schult, wenn man Ängste nimmt und wenn der Gast einem Vertrauen entgegen bringt, dann ist alles möglich", resümiert Glöckner.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de