Selbstbestimmt reisen mit Behinderung?!

Wie erleben Menschen mit einer Behinderung ihre Urlaubsplanung? Wie gut kommen sie auf Reisen zurecht? Und was genau wünschen sie sich eigentlich? Fragen über Fragen. REHACARE.de hat sich einmal umgehört.

01.04.2015

 
Foto: Rollstuhlfahrerin in einer Weinkellerei; Copyright: Timo Hermann

Urlaubsorte werden viel attraktiver für Besucher, wenn sie barrierefrei zugänglich sind; © Timo Hermann

Ob innerhalb Europas oder direkt auf ferne Kontinente – mögliche Reiseziele gibt es viele. Auf den zahlreichen Wegen dorthin machen vor allem Menschen mit Behinderung ganz vielfältige Erfahrungen, sowohl positiv als auch negativ. Und es fängt oft schon bei der Planung des Urlaubs an.

Selbstbestimmt suchen und buchen? Fehlanzeige!

In großen Reisesuchmaschinen rücken spezielle Suchmöglichkeiten nach rollstuhlgerechten Zimmern immer weiter in den Hintergrund oder werden gar ganz abgeschafft. Daran stört sich Adina Hermann sehr: "Ich möchte genau wie jeder andere Reisende die große Auswahl haben und nicht einzig und allein auf Nischenanbieter von Reisen für Menschen mit Behinderung angewiesen sein. Es ist gut und wichtig, dass diese existieren, aber ich persönlich möchte statt Sonderlösungen lieber eine Integration von Suchfiltern in die großen Reiseportale."

Außerdem gibt die frisch verheiratete Rollstuhlfahrerin zu bedenken, dass auch die verbindliche Online-Buchung von rollstuhlgerechten Zimmern immer noch sehr aufwendig ist: "Ich kann zwar Doppelzimmer, Suiten und Ähnliches auswählen, aber in fast allen Fällen muss ich für die Buchung rollstuhlgerechter Zimmer das Personal kontaktieren. Sowas nervt, besonders wenn Mails nicht beantwortet werden und die Verständigung am Telefon sprachlich schwierig ist."

Wenn es um das passende Verkehrsmittel geht, ist es oft ebenfalls schwierig. Auch Michel Arriens kann bestätigen, dass man beispielsweise Sitzplatzreservierungen für Rollstuhlplätze immer noch nicht online buchen kann. Der kleinwüchsige junge Mann reist gerne und viel und bewegt sich im Alltag vor allem auf drei Rädern fort. "Auch mein Roller ist mir schon einige Male nicht zum Flugzeuggate gebracht worden."

Ramponierte Rollstühle

Timo und Adina Hermann haben auf ihren zahlreichen Reisen ebenfalls die Erfahrung machen müssen, dass schon die Anreise oft schwierig ist. "Zu den Highlights gehörte ohne Zweifel die verweigerte Einstiegshilfe in den Eurocity nach Prag, die dann auch Auftakt einer längeren Reihe von klärenden Gesprächen mit der Bahn war", sagt Timo Hermann. "Ebenso wenig erfreulich war der Umstand, dass wir auf Sardinien landeten und Adinas Rollstuhl uns mit komplett platten Reifen übergeben wurde. Wir vermuten, dass sich der Zoll für die Füllung der Reifen interessiert hat, nachdem ich sie vor Kurzem mit Reifenschaum gefüllt hatte."
Foto: Adina Hermann im Rollstuhl am Strand; Copyright: Timo Hermann

Von etwaigen Pannen oder Hindernissen lässt sich Adina Hermann nicht den Urlaubsspaß verderben; © Timo Hermann

Den Flug in die Flitterwochen auf Korsika hat Adina Hermanns jetziger Rollstuhl gar nicht überlebt: "Er hat wohl selbst fliegen gelernt und kam völlig verzogen und ramponiert aus dem Gepäckraum. Auf dem Rückflug versuchte die Fluggesellschaft dann an Bord, uns auseinanderzusetzen, was schon aus medizinischen Gründen völlig unmöglich war, und die Bordcrew hatte ein katastrophales Management, weshalb lange Diskussionen folgten."

Solche Vorkommnisse empfinden die beiden als ärgerlich, aber sie betonen auch, dass jede Situation bis jetzt geklärt werden konnte und ihnen nicht nachhaltig den Urlaub verdorben habe. Des Weiteren bilden all diese Erfahrungen die Grundlage für Hermanns Projekt Mobilista.eu. Dort versucht er, all das aufzuarbeiten und in Form von Ratgebern allen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zur Verfügung zu stellen.

Hilfsbereitschaft vor Ort erhöht Mobilität

Michel Arriens unternahm schon als Kind unzählige Urlaube. Diese haben viel zu seiner heutigen Reiselust beigetragen. "Der Unterschied zu den Urlauben heute ist, dass ich im Notfall jederzeit einen Anker werfen konnte und mir meine normalwüchsigen Eltern sowohl mit Rat als auch Tat zur Seite stehen konnten. Als ich mit etwa 20 Jahren anfing auf eigenen Rädern zu reisen, hatte ich erst große Angst mich mehr als 50 Kilometer von meinen Eltern zu entfernen. Zu groß war der Respekt vor der Hilflosigkeit bei einem platten Reifen oder falschen Entscheidungen."
Foto: Michel Arriens mit seinen Eltern und seiner Freundin

"Ich durfte durch das stark ausgeprägte Fernweh meiner Eltern bereits in meiner Kindheit viel von der Welt sehen", sagt Michel Arriens. Auch heute noch versucht er, diesen Lebensstil beizubehalten; © privat

Doch diese Startschwierigkeiten hatte er schnell überwunden und es folgten die ersten großen Urlaube mit seiner ebenfalls kleinwüchsigen Freundin. Die beauftragten Reisebüros seien alle sehr bemüht gewesen, barrierefreie Unterkünfte zu finden und die Flüge so gut es ging, mit unzähligen Anrufen und E-Mails vorzubereiten. "Wir erlebten unheimlich viel Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, egal wohin wir reisten", erinnert sich Arriens. "So war beispielsweise eine gut gemeinte Rampe in der Badebucht Cala Gat auf Mallorca viel zu steil für mich. Sofort sprangen vier kräftige Badegäste unabhängig voneinander auf und schoben mich gemeinsam den schmalen Weg zur Straße hoch."
Foto: Adina und Timo Hermann bei einer Weinverkostung

Timo und Adina Hermann sind nun seit acht Jahren ein Paar und in dieser Zeit auch viel verreist. Auf Korsika verbrachten sie ihre Flitterwochen; © Timo Hermann

Adina Hermann kann ebenfalls von großer Hilfsbereitschaft berichten; beispielsweise als sie mit einem Schiff in England anlegten und während der kurzen Ausflugszeit die Achse ihres Rollstuhls brach. "Ich saß in einem völlig kaputten, in sich zusammengefallenen Rollstuhl, die Seitenteile drückten mir in die Rippen. Den Rückweg zum Schiff haben wir nur geschafft, weil ein freundlicher englischer Busfahrer, der uns von Weitem beobachtet hatte, plötzlich zu Hilfe eilte. Er hatte zwar leider kein Werkzeug dabei, nahm aber einfach beherzt, was er hatte, und legte los. Er wickelte eine Mülltüte so straff um die Überreste meiner Rollstuhl-Achse, dass sie einigermaßen zusammenhielt. Zumindest ein paar hundert Meter weit."

Auch einen platten Reifen auf Mallorca flickte ihr ein netter älterer Herr bei der Autovermietung kostenlos, als sie nach dem Weg zu einem Sanitätshaus fragte.

Gemeinsam für barrierefreies Reisen

All die Vorfälle haben Adina Hermann auf Reisen gelassener werden lassen: "Selbst wenn der Rollstuhl zusammenbricht, taugt es am Ende immer noch als witzige Reise-Anekdote". Sie und ihr Mann haben aber trotzdem klare Wünsche an die Reiseindustrie. "Eine Studie im Auftrag der EU hat ergeben, dass Menschen mit Behinderungen und ältere Reisende in der EU jährlich im Schnitt über 780 Millionen Euro für Reisen ausgeben", erzählt Timo Hermann. "Ich erhoffe mir daher von der Reiseindustrie, dass sie dieses riesige Marktsegment endlich erkennt und darauf entsprechend reagiert."

Michel Arriens sieht zwar bereits erste vorsichtige Schritte und grundsätzliche Bereitschaft etwas zu tun, weist aber auch gleichzeitig darauf hin, dass viele der noch bestehenden Barrieren heute eigentlich nicht mehr bestehen müssten. "Ich wünsche mir, dass die Reiseindustrie mit Menschen mit Behinderung, Eltern mit Kinderwagen, älteren Menschen und anderen möglichen Zielgruppen in einen Dialog tritt. Denn: Gemeinsam können wir Barrieren räumen und Unsicherheiten beseitigen, bevor sie entstehen."
Foto: Michel Arriens, alleine und mit seiner Freundin (Collage); Copyright: privat

"Meine Reiseziele sind so vielfältig und bunt wie die morgendliche Auswahl meiner Socken. Mal liebe ich es, im schillernden Glanz der Metropolen dieser Welt zu baden, im nächsten Moment wünsche ich mir in einer finnischen Sauna in Norwegen zu schwitzen." - Michel Arriens; © privat

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de