So tickt Alexandra Hornig!

Alexandra Hornig möchte Brücken schaffen zwischen den Welten, in denen Menschen mit und ohne Behinderung ihrer Meinung nach noch getrennt voneinander leben. Deswegen berichtet sie offen aus ihrem Leben mit einer behinderten Tochter. Sie möchte mehr Toleranz und mehr Miteinander ohne Berührungsängste, damit Inklusion gelebt werden kann. Wie das gelingen soll, erzählt sie auf REHCARE.de.

16.03.2016

Foto: Alexandra Hornig; Copyright: maria_ante_portas

Alexandra Hornig; © maria_ante_portas

Name: Alexandra Hornig
Alter: 36
Wohnort: Berlin
Beruf: Autorin (Sach- und Fachmedien)
Behinderung: Meine Tochter Maria kam in der 31. Schwangerschaftswoche zur Welt und hat eine spastische Tetraparese mit Begleiterscheinungen (Spitzfuß, auffällige Epilepsiebereitschaft, Stabismus)
Mehr über Alexandra Hornig unter: www.mariaanteportas.wordpress.com
Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?

Alexandra Hornig: Immerzu und jeden Tag. Was wäre denn ein Leben ohne Freunde und Spaß?! Aber bis zum Lachen mit Tränen in den Augen hat mich zuletzt mein Mann gebracht: Als er sich den Bart wie Chefkoch Rubio gestylt hat und mit italienischem Akzent das Abendessen gekocht hat.
 
Was wollten Sie schon immer einmal machen und warum haben Sie sich bisher nicht getraut?

Alexandra Hornig: Seit 2,5 Jahren habe ich ein Projekt im Kopf, was realisiert werden will. Leider fehlt mir der Mut und der letzte Antrieb. Vielleicht ist die Zeit einfach noch nicht reif, vielleicht bin ich es noch nicht. Aber wenn der richtige Moment gekommen ist, werde ich es spüren und umsetzen können. Manche Dinge im Leben brauchen vor allem Geduld und den richtigen Zeitpunkt.

Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst? Und warum?

Alexandra Hornig: Am meisten hat mich die Rede von Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag geprägt.

"Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist – von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich: Das nennt man AUTHENTISCH SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich, das nennt man REIFE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo. Heute weiß ich, das nennt man EHRLICHKEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das "Gesunden Egoismus", aber heute weiß ich, das ist SELBSTLIEBE.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen, so habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich erkannt: das nennt man DEMUT.

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet, so lebe ich heute jeden Tag und nenne es BEWUSSTHEIT. 

Als ich mich zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN!"

Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959

Foto: Kleines Mädchen liegt mit einem Hund zusammen auf dem Bett; Copyright: maria_ante_portas

Alexandra Hornig gibt in ihrem Blog Einblicke in das Leben mit ihrer behinderten Tochter Maria: "Nicht um Mitleid zu bekommen, sondern um zu zeigen 'So leben wir. Und unser Leben ist gut so wie es ist: Mit viel Liebe und Lachen, aber auch mit Hoffnung, Verlust und Trauer'."; © maria_ante_portas

Sie haben die Chance Bundesbehindertenbeauftragte/r zu werden. Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Alexandra Hornig:
Ich würde Vorträge halten, in denen es um Aufklärung geht. Wir haben eine Parallelwelt. Es gibt die der "normalen Menschen" und es gibt die der Menschen, die mit Krankheit und Behinderung alltäglich ihr Leben verbringen. Das größte Kommunikationsproblem dazwischen ist die Ahnungslosigkeit und die Angst vor dem Unbekannten. Erst wenn man versteht, beginnt man sich zu öffnen und kann den ersten Schritt in ein Leben in Inklusion gemeinsam gehen.

Ihr Leben wird verfilmt: Wer würde Sie verkörpern und warum gerade diese Person?

Alexandra Hornig:
Melissa McCarthy. Weil es einfach wie Arsch auf Eimer passt.

Ich wäre gern einmal …

Alexandra Hornig:
Meryl Streep. Wundervolle Schauspielerin mit einer Aura zum Niederknien.

Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?

Alexandra Hornig:
Es gibt keine.

Was ich noch sagen wollte ...

Alexandra Hornig:
Nena sagte mal in einem Interview: "Das Leben ist das, was du daraus machst. Jeden Tag stehst du auf und entscheidest neu."

Jeder Tag kann der perfekte Tag sein. Es kommt nur auf den Blickwinkel an. Vielleicht ist ja der Tag, der letzte Woche schieflief, in zwei Jahren der Tag gewesen, der eine Wendung in meinem Leben hervorgerufen hat. Ist er dann auch perfekt gewesen?

Ich glaube ein perfekter Tag sind all die Tage, an denen du dich weiterentwickelt hast, Neues kennenlernen konntest – und du sagen konntest "Ich war ein guter Mensch".