So tickt Barbara Fickert!

Ein gemütlicher Filmabend im Kino? Immer gerne. Aber bitte barrierefrei! Denn Barbara Fickert ist stark sehbehindert. Und ob im Kino oder auf der Straße – mit ihren Mitmenschen und deren Hilfsbereitschaft hat sie bis jetzt immer gute Erfahrungen gemacht. Was für sie allerdings ein Alptraum wäre, erzählt sie auf REHACARE.de.

27.01.2016

Foto: Barbara Fickert; Copyright: privat

Barbara Fickert; © privat

Name: Barbara Fickert
Alter: 56
Wohnort: Berlin
Beruf: Kauffrau und Bloggerin
Behinderung: Ich bin selbst stark sehbehindert.
Mehr über Barbara Fickert unter: www.blindgaengerin.com
Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?

Barbara Fickert: Es ist schon fast lächerlich, dass ich über diese Frage so lange nachdenken musste. Obwohl ich viel lache und auch gerne über mich selbst, liegt der letzte Lachanfall, der mir die Tränen in die Augen trieb, schon eine Weile zurück: Beim letzten Treffen mit ehemaligen Mitschülerinnen aus meiner Schulzeit an einem Heidelberger Gymnasium wurden einige Briefe aus den alten Zeiten vorgelesen. Ich staune heute noch, dass die Vorleserin als Einzige von uns die Fassung behielt und bis zur letzten Silbe durchgehalten hat. Wir nennen diese Treffen dem Badischen geschuldet übrigens "Luschtige-Leut'-Treffen".
 
Was wollten Sie schon immer einmal machen und warum haben Sie sich bisher nicht getraut?

Barbara Fickert: Solange ich denken kann, war ich schon mit all dem, was ich mich zu tun getraue, mehr als ausgelastet. Deshalb kamen mir wohl Aktionen, die ich mir nicht zutraue, erst gar nicht in den Sinn. Es gibt allerdings zwei Dinge, die ich früher leidenschaftlich betrieben habe, und vor denen ich heute kneife: Liebend gerne würde ich wieder einmal in den Alpen die Schneepisten herunterwedeln. Das ging vor über 30 Jahren noch richtig gut. Genauso lange ist es her, dass ich auf dem Rücken eines Pferdes über eine Wiese oder einen Strand entlang galoppiert bin.

Von beidem lasse ich mittlerweile vorsichtshalber die Finger. Zum einem wegen meiner noch schlechter gewordenen Augen und mit einigen Jahren mehr auf dem Buckel bin ich auch nicht mehr ganz so risikofreudig.

Aus heutiger Minimalsicht meinerseits wundere ich mich sowieso, was ich früher mit nur ein bißchen mehr Sehstärke alles unternommen habe, ohne mir dabei den Hals zu brechen!

Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst? Und warum?

Barbara Fickert: Das ist zweifelsfrei mein Partner, mit dem ich seit über 30 Jahren und damit so lange wie mit keinem anderen Menschen zusammenlebe. Von ihm und mit dem berühmten Sprung ins kalte Wasser habe ich beispielsweise gelernt, mich im Geschäftsleben zu bewegen und zu behaupten. Über die Jahre hat er mich mit seiner Liebe zur kultivierten deutschen Sprache und der Freude, spielerisch mit ihr umzugehen, infiziert. Außerdem versorgte er mich immer und reichlich mit guter Literatur, natürlich als Hörbücher. Auch meine Eltern haben das schon getan. Ich denke, dass ich ohne all dies den nächsten Schritt, selbst Texte zu schreiben, wahrscheinlich nicht gewagt hätte.


Sie haben die Chance Bundesbehindertenbeauftragte/r zu werden. Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Barbara Fickert: So, wie ich mir dieses Amt vorstelle, ist das für mich keine Chance, sondern ehrlich gesagt ein Alptraum. Einerseits werden die Nöte und Erwartungen unzähliger Behindertenverbände und Organisationen an mich herangetragen. Meine Möglichkeiten, diese Forderungen per Gesetz oder einer Rechtsverordnung umzusetzen, sind jedoch sehr begrenzt. Im Gegensatz zu den Bundesministern habe ich weder die Befugnis, eine Gesetzesvorlage ins Kabinett einzubringen, noch verfüge ich über einen eigenen Haushalt. Mir bleibt nur die Möglichkeit, bei dem jeweiligen Ministerium nachzuhaken, damit die Belange behinderter Menschen bei dessen Gesetzesvorhaben berücksichtigt werden. Nicht einmal das funktioniert in vielen besonders wichtigen Bereichen wie etwa Bildung und Schulwesen, weil dafür nicht der Bund zuständig ist, sondern die einzelnen Bundesländer. Diesen aufreibenden Platz zwischen zwei Stühlen möchte ich eher nicht besetzen.
Foto: Barbara Fickert sitzt auf dem Boden und hat Kopfhörer auf; Copyright: privat

Der Genuss von guter Literatur - in Form von Hörbüchern - ist Barbara Fickert sehr wichtig; © privat

Ihr Leben wird verfilmt: Wer würde Sie verkörpern und warum gerade diese Person?

Barbara Fickert: Wenn eine, dann Fritzi Haberlandt! Sie ist mir unheimlich sympathisch und das nicht nur, weil sie sehr glaubhaft die von Geburt an blinde Lili in dem Film „Erbsen auf halb sechs“ spielte.

Ich wäre gern einmal …

Barbara Fickert: in einem der Ausschüsse der Filmförderanstalt mit von der Partie, in dem die Entscheidungen über die Verteilung der Fördergelder auf die Filmprojekte getroffen werden.

Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?

Barbara Fickert: Warum werden die Olympischen Spiele und die Paralympics zwar am selben Ort, aber nicht zeitgleich abgehalten?

Was ich noch sagen wollte ...

Barbara Fickert: Ich bin immer wieder positiv von der allgemeinen Hilfsbereitschaft überrascht. Ob jung oder alt und gleichgültig, von welcher Nationalität, mir wird immer sehr freundlich geholfen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich von der äußeren Erscheinung nicht beirren lassen kann und unbefangen fröhlich auf meine Mitmenschen zugehe.

Viele sind aber auch verunsichert, ob und wie sie mich ansprechen sollen, und haben Angst, dabei etwas falsch zu machen. Oft bekomme ich zu hören, dass ihr Angebot zu helfen auch schon einmal etwas brüsk zurückgewiesen wurde.

Das stimmt mich immer ein bisschen traurig. Ich bekomme lieber einmal zu viel als einmal zu wenig fremde Hilfe und beantworte immer wieder gerne und geduldig die sehr ähnlichen Fragen meiner Helfer.

Keine Ahnung, wie ich im umgekehrten Fall auf einen Menschen mit dem weißen Langstock zugehen würde. Bestimmt wäre auch ich meiner Sache nicht gleich so sicher und hätte dieselben Fragen, bevor ich ihn am Zebrastreifen unterhake.

Da hilft einfach nur immer wieder miteinander reden!

Die anlässlich der traurigen Ereignisse in der Silvesternacht geäußerte Empfehlung, immer mindestens eine Armlänge Abstand einzuhalten, funktioniert bei mir jedenfalls nicht. Dann komme ich ja nie über die Straße!