So tickt Boris Guentel!

08.02.2017

Nicht so viel denken, sondern einfach machen – das ist schon lange die Devise von Boris Guentel. Er wünscht sich ein besseres Miteinander in der Gesellschaft und dass Menschen mit Behinderung nicht vorverurteilt werden. Denn jeder sollte die Chance bekommen, mit seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Welche Rolle sein "Sensei" in seinem Leben spielt und welche Herausforderung ihn demnächst erwartet, verrät er auf REHACARE.de.

Foto: Boris Guentel; Copyright: Johannes Daitche/Boris Guentel

© Johannes Daitche/Boris Guentel

Name: Boris Guentel
Alter: 54
Wohnort: Cloppenburg
Beruf: Reha-Techniker, Extremsportler
Behinderung: Rollstuhlfahrer, diverse körperliche Einschränkungen durch unverschuldeten Unfall
Mehr über Boris Guentel unter: www.guentel-handbike.de

Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?

Boris Guentel: Vor ein paar Tagen noch, als unser Siam-Kater energisch den Augenkontakt suchte, eine Unterhaltung anfing und dabei zwischendurch immer wieder annähernd menschliche Laute von sich gab. Einfach göttlich, wenn man sich angeregt unterhält, den anderen nicht immer versteht und am Ende trotzdem alle glücklich und zufrieden sind.

Was wollten Sie schon immer einmal machen und warum haben Sie sich bisher nicht getraut?

Boris Guentel: Mein großer Wunsch vor dem Unfall war es, mein Traumland Norwegen einmal komplett zu Fuß zu umrunden. 1993 kam der Unfall dazwischen und so blieb es leider nur ein Traum. Als Alternative habe ich mir kürzlich die Umrundung von Dänemark auf meinen Plan geschrieben. Mit meinem Handbike möchte ich ohne Zeitdruck Land und Leute näher kennenlernen. Zuvor müssen mein Handbike und ich aber noch ein, zwei andere große Herausforderungen meistern. Die nächste schon Pfingsten 2017, wenn es über 1.000 Kilometer nonstop gehen soll.

Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst? Und warum?

Boris Guentel: Ohne Zweifel: das war in jungen Jahren mein Kampfsportlehrer. Hauptsächlich durch ihn habe ich gelernt, was wirklich wichtig ist. Nämlich niemals aufzugeben, auch wenn ein Ziel unerreichbar zu sein oder eine Situation unlösbar scheint. Sich auf den Weg zu machen, an sich und seine Fähigkeiten zu glauben und sich nicht von anderen vorschreiben zu lassen, was man kann oder nicht. Diese verinnerlichten Grundsätze haben mich schon oft über mich hinauswachsen lassen und am Ende an mein Ziel geführt.

Leider lebt mein "Sensei" (japanisch für Lehrer) nicht mehr, sodass ich ihn vor schweren Entscheidungen nicht mehr persönlich um Rat fragen kann. Es gibt allerdings Momente, in denen ich die Augen schließe und trotzdem mit ihm spreche – wenn ich die Augen wieder öffne, dann weiß ich, was ich zu tun habe.

Sie haben die Chance Bundesbehindertenbeauftragte zu werden. Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Boris Guentel: Wie bisher würde ich mich weiterhin für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzen. Allerdings hätte ich dann wohl eher die Möglichkeit, mit so manchem hochrangigen Politiker in Einzelgesprächen Tacheles zu reden und ihn nach den Gründen der nur zögerlichen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu fragen. Im Grunde genommen ist es beschämend, was sich unser Land herausnimmt. Viele scheinen zu vergessen, dass ausnahmslos jeder von einem Moment zum anderen zu einem Menschen mit Behinderung werden kann. Da reicht es schon aus, zum Beispiel eine Treppenstufe zu verpassen, einen Schlaganfall zu erleiden oder einen unverschuldeten Verkehrsunfall zu haben. Jeder kann der Nächste sein, der auf einen barrierefreien Alltag angewiesen ist.

Als ehemaliger kommunaler Beirat für Menschen mit Behinderung, habe ich gute Erfahrung damit gemacht, Menschen ohne Behinderung in einen Rollstuhl zu setzen und sie für ein paar Stunden die Perspektive wechseln zu lassen. Diese praktische Erfahrung hat bei vielen Leuten zum Abbau von Barrieren im Kopf geführt und sie in zukünftigen Entscheidungen beeinflusst. Solche Exkursionen müssten besonders für Politik und Verwaltung mit allen Konsequenzen zum Pflichtprogramm gehören. Ich bin mir sicher, dass wir Betroffenen dann nicht mehr so endlos um Verständnis und die Umsetzung der Konvention betteln müssten.

Foto: Boris Guentel auf Liegefahrrad; Copyright: Johannes Daitche/Boris Guentel

Mit seinem Liegefahrrad möchte Boris Guentel gerne einmal Dänemark umrunden; © Johannes Daitche/Boris Guentel

Ihr Leben wird verfilmt: Wer würde Sie verkörpern und warum gerade diese Person?

Boris Guentel: Es kann nur einen geben, der mich authentisch verkörpern kann und das bin ich selber. Denn niemand anderes kennt die Facetten und Emotionen besser, die ich in den Höhen und Tiefen meines Lebens durchlebt habe.

Ich wäre gern einmal...

Boris Guentel:
Ganz ehrlich? Niemand anderes als ich selbst! Mein Leben hat durch den Unfall sicher einen völlig anderen Verlauf genommen, als ich es mir in jungen Jahren vorgenommen oder vorgestellt habe, aber deswegen bin ich heute nicht so unzufrieden, dass ich jemand anderes sein möchte. Auch nicht nur für einen Tag.

Ich habe mich mit meinem "zweiten Leben" arrangiert, viel daraus gelernt und meinen inneren Frieden gefunden. Ich glaube an mich und gehe meinen Weg immer so, wie ich es für richtig halte. Ich alleine bestimme meine körperlichen Grenzen und mit den richtigen Herausforderungen macht dies meinen Alltag immer wieder spannend. Ich möchte also mit niemandem tauschen wollen!

Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?

Boris Guentel: 
Warum werden in einem Land wie Deutschland die Belange von Menschen mit Behinderung vielerorts noch immer schlichtweg ignoriert beziehungsweise nicht ernst genommen??? Und warum meinen viele Verantwortliche, es würde reichen, in der Theorie immer und immer wieder endlos diskutieren zu müssen, anstatt sich einfach auf den Weg in die Praxis zu machen?

Ich würde mir zudem wünschen, dass die Menschen, die in ihrem Leben bislang von Behinderung verschont geblieben sind und/oder keine Berührungspunkte mit uns haben, uns vorbehaltlos als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft respektieren. Uns nicht immer nur auf unsere Behinderung reduzieren und meinen, für uns denken und Entscheidungen treffen zu müssen. Wir sind allesamt Experten in eigener Sache und wissen selbst, was uns den Alltag erleichtert. Darüber hinaus muss endlich ein ehrlicher Dialog entstehen, der zur Folge haben sollte, dass wir gemeinsam umsetzbare Kompromisse finden und diese zeitnah realisieren.

Was ich noch sagen wollte …

Boris Guentel: Es ist so ziemlich alles möglich, auch für Menschen mit Behinderung. Man muss nur seine Grenzen immer wieder ein Stück weiter nach vorne verschieben!