So tickt Iris Westermann!

Egal ob jung oder alt, behindert oder nicht – Menschen sollten friedlich und glücklich miteinander leben. Dabei spielen weder Herkunft noch Hautfarbe eine Rolle, findet Iris Westermann. Für sie steht vor allem der Mensch an sich im Vordergrund. Auf REHACARE.de erzählt sie aber nicht nur, wie Toleranz gelingen kann, sondern macht ihrem Mann auch noch eine kleine Liebeserklärung.

30.03.2016

Foto: Iris Westermann; Copyright: privat

Iris Westermann; © privat

Name: Iris Westermann
Alter: 41
Wohnort: In der Nähe von Heidelberg
Beruf: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Hamburg, Doktorandin und Journalistin
Behinderung: Ich habe Glasknochen, bin kleinwüchsig und Rollstuhlfahrerin. Aber all das ist für mich eher ein Markenzeichen, ebenso wie meine blonden Haare und blauen Augen.
Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?

Iris Westermann:
Ich habe ja nichts zu lachen, bei meinem schweren Schicksal. (*Ironie* siehe letzte Frage)
 
Was wollten Sie schon immer einmal machen und warum haben Sie sich bisher nicht getraut?

Iris Westermann: Reisen, die Welt sehen und Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen erleben. Seit sieben Jahren "trauen" mein Mann und ich uns auch weit über die Grenzen Europas hinaus. So waren wir schon in Asien, Kanada, USA, Mexiko, Karibik sowie Argentinien und Brasilien. Da wir diese Reisen wirklich allein, also ohne Assistenz machen – manchmal nehmen wir noch Freunde im Rollstuhl mit – habe ich den Begriff "trauen" jetzt einfach mal übernommen: Obwohl wir selbst das eher als Abenteuer ansehen und nicht als das große Wagnis. Es gibt natürlich immer noch neue Reiseziele, die locken: Südafrika, Australien und Japan. Bisher haben wir uns das aber keinesfalls "nicht getraut", sondern es war einfach nur noch nicht soweit

Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst? Und warum?

Iris Westermann: Mein Mann. Er hat mir Selbstbewusstsein, Stärke und Freude über das Erreichen von kleinen und großen Zielen aber auch über scheinbare Selbstverständlichkeiten gezeigt. Meine Neugier auf das Leben und andere Menschen haben sich durch ihn sehr positiv verstärkt. Vielleicht ist das ein Geheimnis von fast 16 Jahren glücklicher Ehe...

Sie haben die Chance Bundesbehindertenbeauftragte/r zu werden. Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Iris Westermann:
Ich bin politisch weniger aktiv und deshalb wäre ich wohl keine gute Wahl für diese Position. Natürlich würde ich mich für Barrierefreiheit in jeder Art und für Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen einsetzen. Momentan finde ich die Verabschiedung des Teilhabegesetztes sehr vorrangig, denn jeder Mensch sollte frei über sein Vermögen bestimmen dürfen. Ein Auto oder die eigene Wohnung oder gar eine Fernreise ist kein unerlaubter Luxus und darf somit niemandem verwehrt werden. Für diese Dinge bedarf es nun mal oft leider mehr als 2.600€.

Foto: Iris Westermann und ihr Mann Volker; Copyright: privat

Iris Westermann liebt es mit ihrem Mann zu verreisen: "Bei jeder Fernreise lernt man immer wieder neu, anderen Menschen zu begegnen: wenn man sie beispielsweise um Hilfe bittet oder einfach nur ein Stück ihres Alltages miterleben darf"; © privat

Ihr Leben wird verfilmt: Wer würde Sie verkörpern und warum gerade diese Person?

Iris Westermann:
Franka Potente, sie ist eine tolle Charakterschauspielerin und verkörpert einfach Lebensfreude.

Ich wäre gern einmal …

Iris Westermann: entspannt pünktlich. Ich bin leider ein Mensch der allerletzten Minute. Trotz aller Bemühungen hat mein Mann das noch nicht ändern können. ;-)

Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?

Iris Westermann:
Warum können wir Menschen uns nicht offen und tolerant begegnen? Wer ohne Vorurteile auf andere zugeht, kann erleben, dass eine bunte und vielfältige Gesellschaft durchaus seine Reize haben kann. Das haben wir zusammen auch immer wieder auf unseren Reisen erfahren. Die Offenheit und das Interesse am anderen Menschen bringen uns einander näher. Ein unkompliziertes Miteinander, dazu gehört für mich auch Inklusion, kann nur gelingen, wenn wir alle so miteinander umgehen.

Was ich noch sagen wollte ...

Iris Westermann:
Behinderung ist keine schwere Strafe, schlimmes Schicksal oder gar das personifizierte Leid. Und ein Rollstuhl ist auch nicht das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Nein, für mich ist er Mobilität und Freiheit, OHNE ihn bin ich eingeschränkt – und zwar richtig. Meine Behinderung ist für mich lediglich eine Herausforderung, die das Leben an uns alle stellt und jeder Mensch hat eben seine Herausforderungen. Man muss es nur verstehen, diese anzunehmen und seinen eigenen Blick nicht auf das, was nicht möglich ist zu lenken, sondern auf die Möglichkeiten und Chancen, die ganz real sind, zu schauen. Und plötzlich hat jeder Mensch ungeahnte Möglichkeiten, aus denen er sich dann ein eigenes Ziel herauspicken kann. Das Glas ist niemals halbleer...