So tickt Jennifer Sonntag!

"Lebensgeschichten mit Laufmaschen" mag sie besonders. Und Sid Vicious ist heute kein Poster mehr an ihrer Wand, war aber vielleicht mal eine Sprosse auf ihrer Erkenntnisleiter. Als Autorin und Zeichnerin hat Jennifer Sonntag solche und noch viel mehr Bilder im Kopf, die ihr auch mal helfen, wenn sie nervös ist. Ein paar davon teilt sie mit uns auf REHACARE.de!

19.08.2015

Foto: Frau mit schwarzen Haaren und schwarzem Kleid; © Agy Reschka

Jennifer Sonntag; © Agy Reschka

Name: Jennifer Sonntag
Alter: 36
Wohnort: Halle an der Saale
Beruf: Diplom Sozialpädagogin, Autorin, Moderatorin
Behinderung: Erblindet an Retinitis Pigmentosa (RP), fachspezifische Buchveröffentlichungen "Verführung zu einem Blind Date" und "Hinter Aphrodites Augen", Moderation des Promitalks "SonntagsFragen" der Sendung "Selbstbestimmt! - Leben mit Behinderung" des MDR-Fernsehens
Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?

Jennifer Sonntag: Gestern über mich selbst, weil ich in der Eile die Bodylotion mit der Haarwäsche verwechselt habe. Hektik und Blindheit sind nicht die optimalen Partner…

Was wollten Sie schon immer einmal machen und warum haben Sie sich bisher nicht getraut?

Jennifer Sonntag: Ehrlich gesagt, sind das eher so kleine romantische Träume, alles was nichts mit Öffentlichkeitsarbeit und Rampenlicht zu tun hat. Früher habe ich immer gedacht, in meinem Leben fühlt sich irgendwas besonders spannend an, wenn man modelt, Bücher schreibt, im Fernsehen auftaucht oder vor vielen Menschen spricht. Aber das sind für mich persönlich nicht die Vehikel zum Glück.

Für mich als Blinde ist es schon manchmal eher ein völlig verrücktes Wagnis, mir ganz normale Dinge zu wünschen und mich zu trauen, denn sie werden immer zu etwas Abgefahrenem, da man ja stets kreative Lösungen finden muss, gibt es doch genug Barrieren. Und einfachste Dinge fühlen sich schon manchmal wie ein ziemlich extravagantes Hobby an. Sportliche Herausforderungen eben. Ich möchte zum Beispiel gerne einen eigenen, so richtig verwunschenen Hexenkräutergarten haben, mit windschiefem Häuschen und allem was ich brauche, um meine "dunklen Leidenschaften" zu leben. Als Blinde einen Garten zu unterhalten, ist jedoch nicht einfach. Da ist es in meinem Fall vergleichsweise leichter, Bücher zu schreiben oder Prominente zu interviewen. Noch so eine überwältigende Sache ist für mich das Radfahren, weil ich es eben nicht selbstständig kann. Deshalb sind die Ausflüge mit meinem sehenden Partner und unserem Paralleltandem für mich ein ganz neues Stück Lebensqualität und Vertrauen Lernen – das kann ich nämlich als Kontrollfreak nicht sehr gut.

Außerdem setzen wir aktuell und hoffentlich auch zukünftig gemeinsam mit anderen Künstlern die erotischen Texte aus unserem Buch "Liebe mit Laufmaschen" in sinnliche Kohlezeichnungen um und das ist auch nicht das unkomplizierteste Hobby für eine Blinde. An Zeichenutensilien habe ich mich seit meiner Erblindung nicht mehr herangetraut, da ich dadurch zu schmerzlich an den Sehverlust erinnert wurde. Nun versuche ich das Thema "lustvoll" anzugehen und mit verschiedenen Techniken zu experimentieren.

Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst? Und warum?

Jennifer Sonntag: Da ich mich ja ständig entwickle, sind das immer andere Menschen. Musik hat für mich immer eine große Rolle gespielt und die damit verbundenen Helden. Von der Punk- zur Gothic-Szene bin ich da über so Einiges gestolpert. Gut, dass ich mittlerweile aus Sid Vicious rausgewachsen bin. Personen, die ich zu einer bestimmten Zeit angehimmelt habe, weil sie für diese Lebensphase genau die richtige Antwort auf meine Fragen waren, konnten sicher ein entscheidendes Trittbrett auf meiner Erkenntnisleiter sein, hängen aber heute nicht mehr als Poster an meiner Wand.

Oft sind es Menschen, die Bücher geschrieben haben, oder über die Bücher geschrieben worden, welche mich inspirieren oder beeinflussen. Meist Frauen, die unkonventionell sind oder waren, vielleicht auch immer ein bisschen abgründig, symbolisch gesprochen, mit Laufmaschen in den Lebensgeschichten, weil mich das Perfekte nie reizte. Beeinflussung ist dabei aber auch immer ein aktiver Prozess, da ich selber ja die Menschen auswähle, die ich für meine "inneren Lichtschalter" relevant finde. Im künstlerischen Bereich sind es zum Beispiel Brigitte Reimann, Anais Nin und Frida Kahlo, die in mir Spuren hinterlassen haben. Im wahren Leben halte ich Ausschau nach Menschen, die irgendwie schräg, irgendwie anders sind und Bedeutendes zu sagen haben. Familiär betrachtet waren es meine Eltern und meine Oma, die mein Verständnis von Geborgenheit, Vertrauen und Zuverlässigkeit stark prägten.

Ein Mensch, den ich kommunikativ, kreativ und emotional sehr schätze, ist mein Partner. Auch wenn leidenschaftliche Beziehungen bekanntlich auch nicht selten Leiden schaffen. Aber ich finde nichts unbeeindruckender als langweilige Menschen, deshalb ist das wohl der Preis, den man zahlen muss.

Sie haben die Chance Bundesbehindertenbeauftragte/r zu werden. Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Jennifer Sonntag: Eine Weinverkostung in der Unsicht-Bar, mit behinderten Menschen aller Couleur, um ungehemmt und ganz unpolitisch mit ihnen über das zu reden, was sie wirklich wollen.

Nein, ganz im Ernst, da würden sehr anspruchsvolle Aufgaben auf mich warten und ich bräuchte erstmal einen Überblick und eine ordentliche Einarbeitung. Und dann wäre ich schon mitten drin in der Recherche und Detailarbeit, weil ich Oberflächenpolitik unbedingt vermeiden wollen würde. Das kann viel Geld kosten und sehr sinnlos sein. Vermutlich würden mir die Ohren sausen, weil mir meine Sprachausgabe zunächst eine riesige Agenda vorlesen müsste und ich mir viel zu viel vornehmen würde. Vielleicht sollte die erste Amtshandlung also auch das Aufbrühen eines Beruhigungstees sein? Ich habe großen Respekt vor diesem Job! Verena, du machst das super!
Foto: Jennifer Sonntag und ihr Partner auf Paralleltandem; Copyright: privat

Die Ausflüge auf dem Paralleltandem zusammen mit ihrem sehenden Partner sind für Jennifer Sonntag ein ganz neues Stück Lebensqualität, bedeuten aber auch Vertrauen Lernen; © Dörte Krampitz/ Reharadcentrum

Ihr Leben wird verfilmt: Wer würde Sie verkörpern und warum gerade diese Person?

Jennifer Sonntag: Ich mag Echtheit und keine filmischen Überhöhungen. Auch wenn ich ein echt kamerascheues Wesen bin, würde ich meinen Hintern da glaub ich selbst herhalten, es sei denn, Mark Benecke stellt sich zur Verfügung…

Ich wäre gern einmal …

Jennifer Sonntag: Wenn es darum geht, eine bestimmte Person sein zu wollen, dann bin ich oft schon total zufrieden damit, ich selbst zu sein. Und das soll jetzt auf keinen Fall eingebildet, sondern eher selbstkritisch klingen. So viele Menschen träumen sich in den Körper oder den Kopf eines anderen, und haben noch nicht einmal ihren eigenen verstanden. Das ist so ein wenig wie mit dem Wunsch, fremde Planeten bevölkern zu wollen, und wir haben noch nicht einmal unseren eigenen im Griff. Ich bin dafür, dass wir uns schätzen, hegen und pflegen und auch unsere vermeintlichen Unzulänglichkeiten liebevoll annehmen, sonst gehen wir wirklich am Leben vorbei.

Wir haben ja das große Glück, und das habe ich als Blinde gelernt, dass wir vor unserem inneren Spiegel alles sein können. Das muss ja nicht gleich bedeuten, dass wir einen Realitätsverlust erleiden und ernsthaft daran glauben, wir seien ein Anderer. Imaginationstechniken sollen ja in der Psychologie ganz bewusst solche inneren Bilder hervorrufen, damit wir uns in bestimmten Situationen sicherer fühlen. Es bleibt mein kleines Geheimnis, wer ich im Inneren bin, wenn ich vor Vorträgen sehr aufgeregt bin, sonst nimmt mich keiner mehr ernst. Oft würde es mir helfen, in die Rolle von jemandem zu schlüpfen, der über sich selbst und die Welt lachen kann, das müsste einer ohne Grübelschleifen sein, vielleicht Spongebob Schwammkopf. Aber dieses innere Bild ist dann doch etwas zu unsexy für meinen Geschmack.

Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?

Jennifer Sonntag: Was kann ich gegen Dummheit und Ungerechtigkeit tun? Warum wissen wir so viel und doch so wenig? Warum schauen wir nicht öfter in den inneren Spiegel? Warum übernehmen wir so wenig Verantwortung für unsere Bildung? Warum sind wir so ignorant? Warum ist es so schwer, das Schöne zu genießen und das Schlechte beim Kragen zu packen? Warum all die Steine auf dem Weg und wohin führt der überhaupt? Warum tut das alles manchmal so wahnsinnig gut und manchmal so wahnsinnig weh?

Was ich noch sagen wollte ...

Jennifer Sonntag: Unbedingt mal auf www.blindverstehen.de und www.Liebe-mit-Laufmaschen.de vorbeischauen! Wir "sehen" uns!