So tickt Kassandra Ruhm!

21.09.2016

Ihre Außergewöhnlichkeit macht sie zu ihrem eigenen Vorbild – Kassandra Ruhm setzt sich für ein faires Teilhabegesetz und gleiche Rechte für alle ein und möchte Barrierefreiheit sowohl im Leben als auch im Denken schaffen. Warum ein paar Kilos mehr auf den Rippen bei Schauspielerinnen nicht schaden und Menschen generell mehr Empathie zeigen sollten, verrät sie uns auf REHACARE.de.

Foto: Kassandra Ruhm mit Tanzpartnerin beim Tanzen; Copyright: Kay Michalak

© Kay Michalak

Name: Kassandra Ruhm
Alter: 46
Wohnort: Bremen
Beruf: Diplom-Psychologin in einer Beratungsstelle für die 3.500 Beschäftigten der Uni Bremen
Behinderung: Bilder, Kurzfilme, Texte und mehr zum Thema Behinderung und Gesellschaft, Gründerin des inklusiven Tanzprojekts "bunter umso schöner tanzen", selbst Rollstuhlfahrerin
Mehr über Kassandra Ruhm unter: www.kassandra-ruhm.de
Foto: Kassandra Ruhm im Park; Copyright: privat

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Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?

Kassandra Ruhm: Vorgestern, als etwas aufgrund meiner Behinderung überhaupt nicht so geklappt hat, wie ich es eigentlich wollte – aber dadurch viel lustiger aussah.

Was wollten Sie schon immer einmal machen und warum haben Sie sich bisher nicht getraut?

Kassandra Ruhm: Wenn ich etwas gerne tun möchte, mache ich mir so lange Mut, bis ich mich traue. Mich halten eher Barrieren ab als mein fehlender Mut.

Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst? Und warum?

Kassandra Ruhm:
So absurd das klingt: Ich selbst. Als sichtbar behinderte, lesbische Frau, 1970 geboren, hätte ich mir Vorbilder in meiner Lebenssituation gewünscht. Manchmal war es schwierig, so oft "anders" zu sein und nicht ganz selbstverständlich wo hin zu passen. Dann bin ich eben mein eigenes Vorbild geworden. Das war auch gut.

Sie haben die Chance Bundesbehindertenbeauftragte zu werden. Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Kassandra Ruhm: 
Mich dafür einzusetzen, dass wir ein faireres Teilhabegesetz bekommen und niemand mehr unter Druck gesetzt wird, in einer Behinderteneinrichtung zu leben, weil es zu schwierig ist, die notwendige Assistenz, barrierefreien Wohnraum und andere Behinderungsausgleiche mitten in der Gesellschaft zu bekommen. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention steht uns das übrigens seit 2009 schon zu.

Ihr Leben wird verfilmt: Wer würde Sie verkörpern und warum gerade diese Person?

Kassandra Ruhm:
Jasmin Tabatabai oder Sibel Kekilli fände ich gute Schauspielerinnen. Andererseits ist wichtig, dass behinderte Menschen im Film nicht mehr so oft von nichtbehinderten gespielt werden, sondern zunehmend von Schauspieler_innen, die selbst behindert sind. Außerdem fände ich es eine gute Maßnahme, wenn nicht fast alle Schauspielerinnen sehr schlank wären, sondern wenn man in dem Film sehen könnte, wie schön und anziehend Frauen mit ein paar Kilos mehr auf den Rippen sein können.

Foto: Poster mit zwei Bildausschnitten. Links: Lächelnde Frau mit Frage "Berührungsängste?", rechts: Blumenwiese mit Aussage "Hauptsache alle sehen gleich aus"; Copyright: Kassandra Ruhm

Kassandra Ruhm liegt die Freiheit am Herzen, unterschiedlich zu sein und trotzdem mit fairen Chancen in dieser Gesellschaft zu leben. Das möchte sie auch mit ihrem neuen Posterprojekt "Poster der Woche: bunt ist schöner" zum Ausdruck bringen, aus dem diese Bilder stammen; © Kassandra Ruhm

Ich wäre gern einmal...

Kassandra Ruhm:
... in einer Welt, in der Menschen, die behinderte Menschen benachteiligen, ohne Probleme damit zu haben, ein Jahr lang am eigenen Körper spüren, in welche Situation sie uns gebracht haben. Dann würden sich viele Probleme auflösen, glaube ich.

Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?

Kassandra Ruhm:
Ich würde gerne wissen, wie viele positive Reaktionen es auf mein nächstes Projekt geben wird. Unter dem Motto „Poster der Woche: bunt ist schöner“ steht ab Frühling 2017 jede Woche ein neues Poster von mir druckfertig zum Download online. Diesen Sommer erst hat mich die Idee dazu überrollt und nicht mehr losgelassen. Seitdem entwickele ich Bildideen und gute Texte, suche die geeigneten Modelle und Termine für die Aufnahmen, bei denen uns das Wetter hoffentlich keinen Strich durch die Rechnung macht. Es ist sehr aufregend. :) Ein großer Teil meiner Modelle ist behindert, aber es gibt zum Beispiel auch ein Poster über eine lesbische "Regenbogenfamilie", eins dazu, dass "schwul" kein Schimpfwort ist und eins darüber, dass eine schwarze Frau in Deutschland vielleicht Lehrerin oder Chefin ist, obwohl einige Menschen sie automatisch als Putzfrau ansehen. Und zu vielen ähnlichen Themen mehr.

Außerdem würde ich gerne wissen, wann die Rechte, die die UN-Behindertenrechtskonvention uns zusichert, in Deutschland wirklich eingehalten werden. Statt, dass in der Politik viele schöne Worte gemacht werden, aber tatsächlich zu wenig verbessert wird.

Ich frage mich auch, wie sich die gesellschaftliche Anerkennung von Lesben und Schwulen in Zukunft weiterentwickelt. Ob in ein paar Jahren gleichgeschlechtliche Partnerschaften komplett gleichgestellt mit heterosexuellen sind und wir gemeinsam Kinder adoptieren können? Ob Teenager bald keine Angst mehr haben müssen, wenn sie sich und ihre Liebe in der Schule nicht mehr verstecken? Auch wenn wir längst noch nicht die gleichen Chancen haben, hat sich in den letzten 20 Jahren mehr verbessert, als ich mir hätte träumen lassen. Das ist toll. Andererseits: Wenn es demnächst eine Rückwärtsentwicklung geben sollte und es wieder so wird, wie in den 70ern und 80ern oder gar in den vier Jahrzehnten davor – vielleicht will ich das lieber doch nicht jetzt schon wissen...

Was ich noch sagen wollte ...

Kassandra Ruhm: Man muss auch mal gepflegt wütend oder traurig sein, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Sonst kann man die schönen Dinge im Leben nämlich auch nicht mehr gut sehen.