Sprache der Seele: Qi Gong-Yoga hilft Menschen mit Aphasie

Interview mit Margit Hieronymi, Physiotherapeutin und Yogalehrerin

29.09.2016

Entspannung, Vitalität und Gelassenheit aus dem Qi-Fluss – dies kann man durch Qi Gong-Yoga erlernen. Ein gemeinsames Erleben von Qi Gong-Yoga hilft Menschen mit Aphasie und deren Angehörigen dabei, mehr Freude und Zufriedenheit sowie Selbstbewusstsein zu erlangen. Wie genau das funktioniert, konnten interessierte Messebesucher im REHACARE-Forum erfahren.

 

Bild: Margit Hieronymi bei der REHACARE; Copyright: beta-web/Höpfner

Margit Hieronymi bei dem Marktplatz Gehirn bei der REHACARE; © beta-web/Höpfner

Margit Hieronymi ist Physiotherapeutin und Yogalehrerin aus Köln. REHACARE.de sprach mit ihr über Qi Gong-Yoga und die positive Erfahrung für Aphasiker.

Frau Hieronymi, warum sind Qi Gong und Yoga für Aphasiker gut geeignet?

Margit Hieronymi: Da Qi Gong und Yoga aus vielen Übungen bestehen, die im Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen ausgeführt werden können, ist es für alle Menschen, gesunde, kranke und behinderte, empfehlenswert.

Gerade die von mir aus langer Erfahrung mit der chinesischen und indischen Gesundheitslehre angewandte Kombination aus Qi Gong und Yoga verbindet die beiderseitigen Richtungen der unterschiedlichen Übungen zu einer geeigneten Unterstützungsform für Menschen mit Aphasie und deren Angehörigen.

Qi Gong-Yoga ist leicht zu erlernen, einfach auszuführen und dennoch sehr wirksam. Qi Gong-Yoga aktiviert die latent vorhandenen Kräfte im Menschen und stärkt Körper, Geist und Seele. Nach meinen langjährigen Erfahrungen wird durch Qi Gong-Yoga das dynamische Gleichgewicht zwischen Ying und Yang wiederhergestellt; das bedeutet nicht nur einen Ausgleich zwischen körperlichen und nervlichen Funktionen, die bei Menschen mit Aphasie betroffen sind, sondern die Atem- und Bewegungsübungen wirken sich auch auf das Innere des Menschen aus. Dies ist ein wichtiger Aspekt bei Menschen mit Aphasie, indem ihnen durch die verschiedenen Übungen mehr Entspannung und bessere Konzentrationsfähigkeit gelingt.

Was genau bewirken die speziellen Körperstellungen und Atemübungen?

Hieronymi: Qi Gong-Yoga fördert die Lebensenergie, die durch die zwölf Meridiane oder sieben Chakren zum Fließen gebracht werden. Dadurch, dass bei Menschen mit Aphasie nicht nur der Körper, sondern auch ihre Sprache eingeschränkt ist, ist es wichtig, zum Beispiel durch Qi Gong-Yoga neue Möglichkeiten des Selbstausdrucks zu fördern. Die teilweise anmutigen, aber auch kraftvollen Bewegungen können ein neues Selbstbewusstsein hervorbringen.

Oft ist eine Halbseitensymptomatik mit der Aphasie einhergehend. Das heißt, diese Menschen können zum Beispiel nur ein Bein und einen Arm bewegen. Durch Qi Gong-Yoga werden, auch wenn nur mit einer Körperhälfte geübt werden kann, die Energiebahnen der nicht bewegten Seite aktiviert. Dies ist der positive Effekt, um die erkrankte Seite mit neuer Energie zu versorgen. Meridiane sind – außer das Zentralgefäß und das Gouverneursgefäß in der Körpermitte – alle paarig angelegt und arbeiten miteinander. Dies gilt auch für die Energie-Chakren nach der Yogalehre, da sie über die Längsachse des Körpers verlaufen und die Energie auch bei einseitiger Bewegung zum Fließen gebracht werden kann.

Wichtig dabei ist immer, dass wir gemeinsam lernen, locker mit den jeweiligen Einschränkungen umzugehen, Hilfen ohne Bevormundung anzubieten und den Humor nicht zu vergessen.

Bild: atemübungen bei der REHACARE; Copyright: beta-web/Höpfner

Margit Hieronymi erklärt bei ihrem Vortrag bei der REHACARE die Atemübungen beim Qi Gong-Yoga copy; beta-web/Höpfner

Die Übungen werden gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen gemacht. Warum ist es so wichtig diese zusammen durchzuführen?

Hieronymi: Es geht beim Qi Gong-Yoga für Menschen mit Aphasie und deren Angehörigen vor allem auch darum, dass alle durch ein gemeinsames Erleben von innerer Zufriedenheit, Freude und Verbundenheit profitieren. Durch Qi Gong-Yoga lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich wohl und zuhause sowie stark und lebendig in ihrem Körper zu fühlen. Gerade weil der Selbstausdruck durch die Sprache bei Menschen mit Aphasie mehr oder weniger abhanden gekommen ist, kann durch die gemeinschaftliche Ausdrucksform im Qi Gong-Yoga eine zusätzliche Kommunikation entstehen. So kann etwas, das durch die Krankheit verloren gegangen ist, auf andere Art wieder aufleben und gestärkt werden.

Ein weiterer Aspekt beim gemeinsamen Üben ist, dass die Angehörigen Menschen mit Aphasie auch zu Hause motivieren und vergessene Übungen mit ihnen wiederholen können. Es hat viel mit Wertschätzung und Empathie zu tun und es schafft Sicherheit und eine vertrauensvolle Atmosphäre. Und ich beobachte immer wieder, dass beide Seiten davon profitieren. Die Übungen motivieren und stimulieren nicht nur Menschen mit Aphasie, sondern auch ihre Begleiter. Auch diese bekommen Abstand von der funktionalen Pflege und dem Alltagsstress und tun gleichzeitig auch noch etwas für sich selbst. Sie lernen dabei auch, dass es nicht das Wichtigste ist, die Übungen absolut korrekt durchzuführen. Es geht vor allem darum, Freude dabei zu haben und den Mut mitzumachen.


Wie weit verbreitet ist das Wissen über die Wirkung von Qi Gong und Yoga unter den betroffenen Personen?

Hieronymi: Qi Gong und Yoga sind ebenso wie die Verbindung aus beidem leider zurzeit nur in einigen wenigen Selbsthilfegruppen präsent, zum Beispiel in Bonn und Speyer. Auf den Würzburger Aphasietagen habe ich im letzten Jahr erstmalig Seminare über Qi Gong-Yoga abgehalten. In meiner Praxis im Kölner Süden führe ich entsprechende Seminare durch.

Inwiefern gehört dieses Thema auf die REHACARE?

Hieronymi: Ich vertrete – wie inzwischen auch einige meiner Kolleginnen und Kollegen – einen ganzheitlichen Ansatz bei der Arbeit mit behinderten Menschen. Nach meiner Erfahrung möchten immer mehr Menschen sich wieder bewusster in ihrer Gesamtheit von Körper, Seele und Geist wahrnehmen und erfahren können. Qi Gong-Yoga ist dabei ein Angebot und eine Chance auch für Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen, um ihnen eine bessere Teilhabe am Leben allein und in der Gruppe zu ermöglichen. Darüber hinaus denke ich, dass die ganzheitliche Betrachtung des Menschen auch auf der REHACARE und im Gesundheitswesen insgesamt eine zunehmende Rolle spielen wird.


Leonie Höpfner
REHACARE.de