Studie: Demenz stellt Krankenhäuser vor Herausforderungen

27.06.2016

Mehr als 8 Millionen ältere Menschen werden in Deutschland jährlich stationär behandelt. Sie kommen mit Knochenbrüchen, Lungenentzündungen oder Harnwegsinfektionen ins Krankenhaus, benötigen aber häufig viel mehr als die übliche Behandlung: Insgesamt 40 Prozent aller über 65-jährigen Patienten in Allgemeinkrankenhäusern weisen kognitive Störungen auf, fast jeder Fünfte lebt mit Demenz. Zu diesem Ergebnis kommt die von der Robert Bosch Stiftung geförderte Studie "Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Prävalenz und Versorgungssituation" der Hochschule Mannheim und der Technischen Universität München. Die Studie, die kürzlich in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung vorgestellt wurde, liefert erstmals repräsentative Daten zu Anzahl, Verteilung und Versorgungsbedarf von stationären Patienten mit kognitiven Störungen.

Foto: Krankenschwester misst Blutdruck bei älterer Dame, die im Bett liegt; Copyright: panthermedia.net/Lighthunter

Jeder fünfte Patient in Krankenhäusern hat Demenz. Experten sehen große Belastung für Klinikpersonal und raten zu besseren Betreuungsangeboten; © panthermedia.net/Lighthunter

"Die große Zahl an Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen stellt Krankenhäuser vor eine erhebliche Herausforderung, auf die derzeit weder das pflegerische noch das medizinische Personal vorbereitet ist", sagt Prof. Dr. Martina Schäufele von der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Mannheim. "Studien haben zwar bereits belegt, dass ältere Menschen mit Demenz ein weit höheres Risiko haben, in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden, als Gleichaltrige ohne Demenz. Zu ihrer Anzahl gab es aber bisher keine belastbaren Daten", so Schäufele. Für die Studie haben die Forscher über zwei Jahre rund 1.500 Patienten untersucht und die Versorgungssituation in über 30 Krankenhäusern beurteilt.

Die Studie belegt, dass Patienten mit Demenz besondere Anforderungen an das pflegerische und medizinische Personal stellen. Neben kognitiven Beeinträchtigungen zeigten nahezu 80 Prozent zusätzliche Verhaltenssymptome wie nächtliche Unruhe, Umtriebigkeit und Aggressivität, die den Umgang mit den Patienten erschweren. Insgesamt nimmt die Versorgung deutlich mehr Zeit in Anspruch und ist mit zahlreichen Problemen in Pflege und Therapie verbunden.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Diagnose bei gut zwei Drittel der Demenzkranken zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme nicht bekannt ist. Die Experten empfehlen deshalb entsprechende Untersuchungen. "Der bei der Studie eingesetzte kurze Screeningtest erkennt auch leichte dementielle Störungen zuverlässiger, als die üblicherweise von den Kliniken herangezogenen Verfahren", erklärt Dr. Horst Bickel von der Arbeitsgruppe für Psychiatrische Epidemiologie der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München. Das könne Krankenhäusern dabei helfen, Patientengruppen zu identifizieren, die besonders intensiver Betreuung und Pflege bedürfen. Umso leichter gelinge es, fachübergreifende Versorgungsschwerpunkte mit geschultem Personal einzurichten.

Spezielle Betreuungsangebote haben die Forscher bei ihren Untersuchungen nur selten vorgefunden. Auch Pflege- und Betreuungskräfte mit spezieller Ausbildung sind aktuell die Ausnahme. Entsprechende Schulungen und Weiterbildungen zum Thema Demenz fehlen in den meisten Fällen.

"Die Studie unterstreicht die Dringlichkeit des Problems, mit dem sich Krankenhäuser in Deutschland bereits seit einigen Jahren konfrontiert sehen", sagt Dr. Bernadette Klapper, Leiterin des Bereichs Gesundheit der Robert Bosch Stiftung. "Die stationären Aufenthalte sind auch für die Patienten eine Herausforderung. Die fremde Umgebung und die unbekannten Abläufe können die Symptome der Demenz verschärfen und zu zusätzlichen Gesundheitsrisiken führen. Mit den jetzt vorliegenden Daten haben Krankenhäuser endlich eine Planungsgrundlage, um die Versorgung von Patienten mit Demenz zu verbessern."

Bereits 2012 hatte sich etwa jedes zehnte Krankenhaus in Deutschland für das Pilotprogramm "Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus" der Robert Bosch Stiftung beworben. Seitdem fördert die Stiftung zwölf Krankenhäuser in ganz Deutschland, die vorbildliche Konzepte für Patienten mit der Nebendiagnose Demenz in der Praxis umsetzen. Die dritte Ausschreibungsrunde des Förderprogramms startet ab sofort.

REHACARE.de; Quelle: Robert Bosch Stiftung
Mehr über die Robert Bosch Stiftung unter: www.bosch-stiftung.de