Tierischer Trauma-Therapeut: "Ich habe durch den Hund gelernt, dass emotionale Bindung nicht schmerzhaft sein muss"

Nicht jede Behinderung ist sichtbar. Gerade psychisch bedingte Behinderungen werden oft ausgeblendet oder nicht als solche angesehen. Dass beispielsweise bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder anderen psychischen Behinderungen ein Assistenzhund helfen kann, ist noch weitgehend unbekannt.

01.07.2015

Foto: Assistenzhündin Ette

Assistenzhündin Ette; © privat

Kerstin Blume* lebt mit einer sogenannten Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS), die sie aufgrund von traumatischen Gewalterfahrungen in der Kindheit entwickelte. Mit REHACARE.de sprach sie darüber, wie ihre Assistenzhündin Ette sie im Alltag unterstützt.

Frau Blume, was für einen Assistenzhund haben Sie?

Kerstin Blume: Meine Hündin ist eine sogenannte "Signalhündin für Anfallskranke" beziehungsweise eine "Assistenzhündin für Mehrfachbehinderte". Ich bevorzuge allerdings die Bezeichnung "hundische Assistenz", weil weder meine Behinderung noch ihre Tätigkeit als Assistenz im Vordergrund unseres Miteinanders stehen.

Welche konkreten Aufgaben hat Ihre Hündin?

Blume: Sie meldet mir, wenn ich einen dissoziativen Krampfanfall bekomme und hilft mir mich zu re-orientieren, wenn der Anfall vorbei ist. Außerdem meldet sie mir in Situationen, in denen wir allein sind, wenn sich von hinten oder vorne etwas oder jemand nähert. Außerdem kann sie mir dabei helfen, meinen Individualabstand zu Menschen zu wahren. Das heißt, sie stellt sich zwischen mich und andere Menschen, so dass ich den Kontakt zu anderen Menschen besser regulieren kann. Das bewirkt, dass solche Kontakte für mich weniger stressend sind, was wiederum mein Anfallsrisiko senkt.

Andere Dinge, die Ette für mich macht, macht sie einfach für mich, weil sie ein Hund ist, mit dem ich eine gute Beziehung aufgebaut habe. Wenn wir zusammen unterwegs sind, habe ich weniger Probleme damit, zum Beispiel Autos, Ampeln, Menschen oder meine Umgebung allgemein wahrzunehmen und zu erfassen. So passiert es mir beispielsweise nicht mehr, desorientiert in der Stadt zu stehen, dann dadurch gestresst zu sein und einen Anfall zu bekommen. Außerdem bildet sie eine Brücke zu Menschenkontakten. Mit ihr an der Seite sind diese leichter für mich auszuhalten.
 
Wie kam es dazu, dass Ette zu Ihnen kam?

Blume: Ich habe Ette im Rahmen meiner Pflegestellentätigkeit kennengelernt. Schon als Welpe hat sie mir von sich aus meine Anfälle gemeldet – was die anderen Hunde nicht taten. Dieses Verhalten habe ich belohnt und bestärkt. Über das Deutsche Assistenzhundezentrum habe ich nach einer Weile einen Trainer für die Selbstausbildung vermittelt bekommen und gelernt, Ette konkret zu lenken. Sie hat in der Ausbildung aber nur gelernt, was für uns beide als Team wichtig war. Deshalb ist sie auch nicht auf bestimmte Handlungsabläufe oder Befehle dressiert, sondern darauf, auf mich zu achten und den Bezug zum Menschen zuverlässig und in jeder Situation zu suchen.
Foto: Assistenzhündin Ette sitzt auf einer Wiese

Auf ihren Ausflügen in die Natur kann Kerstin Blume entspannen - immer an ihrer Seite: Ette; © privat

Sie beide sind also ein eingespieltes Team?

Blume: Ja, das stimmt. Es gibt übrigens auch Dinge, die sie für mich tut, die bei anderen Hundehaltern verpönt sind – etwa, dass sie an der Leine zieht und in einen leichten ZickZack-Gang verfällt, wenn wir rausgehen. Viele denken dann, sie würde mir auf der Nase herumtanzen. Tatsächlich aber hilft sie mir damit aus meinem dissoziativen Tunnelblick heraus und hilft mir so, die Umgebung wahrzunehmen und dabei einen gewissen Halt zu spüren. Sie nimmt mich also quasi an die Hand, oder besser Leine. Für mich ist das etwas, das ich mir sehr lange als Entlastung von Menschen gewünscht habe, weil ich vor dem Rausgehen lange viel Angst hatte und daher isoliert lebte.
 
Inwiefern hat sich Ihr Leben durch Ette verändert?

Blume: Mein Leben hat sich durch sie verändert, weil es insgesamt reicher geworden ist. Ich habe durch Ette die Chance, mich draußen und unter Menschen zu bewegen und Anteil zu nehmen an dem, was da so passiert. Ich habe weniger Angst, fühle mich meinen Anfällen nicht so ausgeliefert. Außerdem habe ich durch den Hund lernen dürfen, dass emotionale Bindung nicht schmerzhaft oder anstrengend sein muss. Mit Menschen fällt mir das bis heute sehr schwer und auch mit ihr war das nicht von Anfang an gegeben. Erst vor drei Monaten – an ihrem sechsten Geburtstag – bemerkte ich, dass ich Liebe für sie empfinde und wir eine gute, wirklich bedingungslose Bindung miteinander haben.

So ist sie auch eine gute trauma-therapeutische Assistenz. Auch das ist etwas, was sie mir ermöglicht: Sie gehört zu einer Zeit in meinem Leben, in der ich nicht mehr traumatisiert werde. Immer wenn sie bei mir sitzt und ich sie streichle, weiß ich: "Heute ist heute und heute ist okay." Dieses Gefühl ist neu für mich und hat mir vieles in meinem Leben ermöglicht und verändert.

Ette ist also wirklich eine Bereicherung für Sie?

Blume: Ja, aber nicht alles ist mit dem Hund leicht(er) geworden und vieles ist auch nicht möglich, obwohl es mir eine Hilfe wäre. Zum Beispiel müssen Hunde bei der Deutschen Bahn in einer Box bleiben, um kostenlos mitfahren zu dürfen. Der Aufwand für so eine Reise mit meiner hundischen Assistenz stresst mich daher oft fast mehr als die Reise ganz allein anzutreten. Außerdem ist meine Assistenzhündin nicht mit Blindenführhunden gleichgestellt. Das heißt, dass ich die volle Hundesteuer aufbringen und auch auf ihre Begleitung in öffentlichen Gebäuden und Geschäften verzichten muss. Dabei sind gerade das hochgradig stressige und mein Anfallsrisiko stark erhöhende Umgebungen.
Foto: Assistenzhündin Ette läuft auf die Kamera zu

Spiel und Spaß auf grünen Wiesen: Auch ihre Auszeiten genießt Ette in vollen Zügen; © privat

Wird Ette denn in der Regel als Ihre Assistenzhündin wahrgenommen?

Blume: Nein. Die breite Öffentlichkeit hat oft keine Kenntnisse über Assistenzhunde. Daher gehen Menschen beispielsweise auf meinen Hund und mich zu, als würden wir nicht gerade arbeiten und als könnten wir nicht gerade auf Störungen verzichten. Auch Kenndecken nutzen da häufig gar nichts. Meine Hündin hat eine, auf der "Assistenzhund" steht – daneben ein Symbol mit einem Rollstuhlfahrer. Ich benutze keinen Rollstuhl und man sieht mir auch sonst meine Behinderung eher nicht an. Dass ich die behinderte Person sein könnte, der assistiert wird, haben viele Menschen nicht im Blick, weil sie in der Regel über die üblichen Stereotype, die sich an sichtbaren Hilfsmitteln orientieren, urteilen.

Da bedarf es also noch weiterer Sensibilisierung.

Blume: Das ist richtig. Was viele Menschen ebenfalls nicht wissen: Auch die Ausbildungen für Assistenzhunde sind nicht sicher standardisiert und alle sehr teuer – gerade Menschen, die wie ich von der Grundsicherung leben, können so eine Ausbildung oft nur mit finanziellen Zuwendungen finanzieren und auch die Versorgung des Hundes ist ein großes Dauerthema. Wird eine Ausbildung also in der Zukunft nicht anerkannt und mit den Ausbildungen von Blindenführhunden gleichgesetzt, schauen viele in die Röhre.

Ette ist eine große Hilfe und emotionale Bereicherung, die mir hilft das Leben nach dem Trauma zu erfassen und zu verarbeiten. Sie ist aber auch Teil eines Politikums, das in Inklusionsdebatten und Überlegungen zu Hilfen von Menschen mit Behinderungen so gut wie gar keinen Raum erhält, weil Assistenzhunde nachwievor eher “Ausnahmehilfsmittel” sind.

Aber an eine Seele kann man keine Prothese dranklemmen, um sie zu unterstützen. Einer Seele hilft eine andere Seele oft noch am meisten. In Ette habe ich diese gefunden und bin dankbar, sie jeden Tag erleben zu dürfen.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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