Touchdown: Menschen mit Down-Syndrom klären auf

01.12.2016

Menschen mit Down-Syndrom werden nicht von allen Menschen in der Gesellschaft akzeptiert. Dies will "Touchdown" – die weltweit erste Ausstellung über und von Menschen mit Down-Syndrom – in der Bundeskunsthalle in Bonn ändern. Das Projekt wurde von Menschen mit und ohne Trisomie 21 auf die Beine gestellt. Denn wer könnte besser über dieses Thema reden, als die, die mit diesem dreifachen Chromosom leben?

Bild: Collage aus Fotos von Menschen mit Down-Syndrom; Copyright: beta-web/Dindas

36 Portraits von Menschen mit Down-Syndrom zeigen die vielfältig und einmalig diese Menschen sind; © beta-web/Dindas

Touchdown – diesen Begriff kennen wir aus dem Sportbereich. Es bezeichnet im American Football einen Erfolg und in der Raumfahrt eine Punktlandung. "Das Wort Syndrom ist oft negativ besetzt, deshalb haben wir lange überlegt, wie wir die Ausstellung nennen können. Das Wort 'Touch' hingegen ist positiv. Wir wollen, dass die Gesellschaft mit Menschen mit dieser Chromosomen-Anzahl-Veränderung in Kontakt kommt", erklärt Projektleiterin Dr. Katja de Bragança. Auch in der Ausstellung Touchdown21 geht es um eine Punktlandung, denn sie erzählt die erfundene Geschichte von Menschen mit Down-Syndrom, die als Aliens vor 5.000 Jahren auf der Erde gelandet und geblieben sind. Nun landete im Oktober 2016 eine zweite Mission auf unserem Planeten, um zu sehen, wie es ihren Vorgängern ergangen ist. Illustriert mit Comic-Zeichnungen von Vincent Burmeister findet sich die Rahmenhandlung der Ausstellung an den sieben Wänden der sieben Themenräume wieder. Menschen mit und ohne Trisomie 21 haben an dem Forschungsprojekt mitgearbeitet und die Exponate zusammengestellt.

Menschen mit und ohne Down-Syndrom führen als Tandem durch die Ausstellung

Anne Leichtfuß, Webmasterin bei Ohrenkuss, ein Magazin von Menschen mit und ohne Trisomie 21, erklärt die Idee zur Ausstellung: "Dass meine Redakteur-Kollegen anfangen über ihr eigenes Leben und das Thema Down-Syndrom zu schreiben, kam erst mit den Jahren, als wir merkten, dass es Reaktionen in den sozialen Medien hervorbringt." Doch dann wurde das Bedürfnis immer stärker. "Wir erleben es oft, dass Medien ständig über Menschen mit Down-Syndrom berichten, aber diese Menschen selbst nicht zu Wort kommen. Dies wollen wir mit unserem Projekt ändern", so de Bragança. Auf der Website spricht Julia Bertmann vom Beirat öffentlich ihre Intention zum Projekt aus: "Ich möchte mein Anders-sein erforschen." Deswegen hat sich das Team etwas Besonderes ausgedacht: Tandem-Führungen. Jeweils eine Person mit und ohne Trisomie 21 führen Besucher durch die Ausstellung und beantworten Fragen. "Oftmals wird nach der Motivation gefragt, warum sie an diesem Projekt mitmachen. Auch Fragen zu einzelnen Objekten kommen auf, wenn der Künstler selbst eine Tandem-Führung betreut", erklärt Leichtfuß. Durch das Erklären eigener Werke, sprechen die Personen viel freier.

 "Es macht einen großen Unterschied aus, ob sie Literatur von anderen bei Lesungen vortragen oder hier in den Führungen über ihre eigenen Inhalte sprechen", so Leichtfuß. Laut de Bragança entwickeln die Projekt-Mitarbeiter mit Down-Syndrom eine Dynamik, sie fordern, wollen aufklären und werden professioneller. Allerdings macht die Tatsache, dass jemand das Down-Syndrom oder auch eine andere Behinderung hat, nicht direkt zum Experten in eigener Sache. "Wenn sich diese Menschen näher mit dem Thema befassen, sich öffentlich präsentieren oder auch an den Tandem-Führungen beteiligen – das macht sie zum Experten", fasst Leichtfuß zusammen.

Für Angela Fritzen ist bei ihren Führungen vor allem das Thema Herz wichtig. Die 42-Jährige erklärt, dass jeder zweite Mensch mit Down-Syndrom einen Herzfehler hat. Präsentiert wird außerdem ein zweieinhalb tausend Jahre altes Skelett einer Frau. Wissenschaftler wollten herausfinden, ob die Verstorbene das Down-Syndrom hatte. "Das war interessant. Sie hatte es nicht", erklärt Fritzen. Julia Bertmann findet: "Wenn ich durch die Ausstellung gehe und sie erkläre, fühle ich mich gut. Ich werde im Museum ernst genommen. Bei der Presse, bei meiner Rede und bei den Führungen. Alle waren aufmerksam. Wir Menschen mit Down-Syndrom sind die Hauptpersonen. Das verstehen die Leute."

Bild: Mitarbeiterinnen des Forschungsprojektes Touchdown 21 am Tisch; Copyright: Hanna Witte

Das TOUCHDOWN 21 Team von links nach rechts: Webmasterin Anne Leichtfuß, Projektleitung Dr. Katja de Bragança, die Projekt-Mitarbeiterinnen Anna-Lisa Plettenberg und Dr. Katja Weiske; © Hanna Witte

"Man möchte nicht immer angeglotzt werden"

Die einzelnen Räume haben eine bestimmte Aussage: So gibt es zum Beispiel einen Raum mit Exponaten von und über die Zeit des Nationalsozialismus. Damit nicht jeder sich mit dieser Thematik zwingend auseinandersetzen muss, wurde der Raum so konzipiert, dass man ihn auch separat von der restlichen Ausstellung betreten kann: Denn behinderte Menschen wurden zur Zeit des zweiten Weltkrieges als nicht lebenswürdig betrachtet.

Ein sehr wichtiges Exponat besteht aus zwei Bildschirmen, die an der Wand hängen und zwei Personen zeigen. Anna-Lisa Plettenberg und Julian Göpel, zwei Menschen mit Down-Syndrom. Das Video zeigt die beiden, wie sie einfach dort stehen. "Unsere Kollegen werden in der Öffentlichkeit oft angestarrt", erklärt die Projektleiterin. Die Leute fragen sich: Was machen sie beruflich? Was verdienen sie? Welche Hobbys haben sie? "Deswegen haben die Besucher hier die Möglichkeit Anna-Lisa Plettenberg und Julian Göpel in aller Ruhe zu betrachten." Steckbriefe mit eben diesen Daten hängen direkt neben den Bildschirmen. "Man möchte nicht immer angeglotzt werden", erklärt Fritzen aus eigener Erfahrung. In ihrer Tandem-Führungssagt sie: "Wenn man mich anstarrt, sieht man nicht, dass ich lesen und rechnen kann. Wenn man mich anstarrt, sieht man nicht, dass ich eine Ausbildung schon längst hinter mir habe."

Das Interesse an der Ausstellung ist riesig

Auf der Website Touchdown21.info gibt es außerdem den Bereich „Globus“. Dort präsentieren Menschen mit Down-Syndrom ihr Leben, ihre Gedanken und ihre Wünsche aus aller Welt. Leichtfuß freut sich unter anderem über die Vielfalt: "Schön ist es, wenn die Texte von den Menschen selbst und nicht von einer dritten Person verfasst wurden."

Nach nur drei Wochen konnte die Ausstellung ihre Besucherzahlen-Prognose, die für die komplette Laufzeit geschätzt wurde, bereits übertreffen. Bis zum 12. März 2017 ist sie noch in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen, soll aber in anderen Städten Deutschlands ebenfalls präsentiert werden. Wohin die Ausstellung als nächstes wandert, das steht noch nicht fest. Aber das Interesse ist sehr groß.

Galerie: Touchdown - Eine Ausstellung von und mit Menschen mit Down-Syndrom

Bild: Comic-Zeichnung eines Aliens, der auf der Erde eine Fahne in die Erde sticht; Copyright: beta-web/Dindas
Rahmenhandlung der Ausstellung: eine fiktive Geschichte von einer Mission, "First Mission", die vor 5.000 Jahren von dem Planeten Kumusi auf der Erde landete und blieb. Ihnen gefällt es auf unserem Planeten, sie bekommen Kinder und verteilen sich weltweit. Die Fahne zeigt eine Darstellung des dreifachen 21. Chromosoms in der Zelle.
Bild: Zwei Bildschirme zeigen einen Mann und eine Frau mit Down-Syndrom; Copyright: beta-web/Dindas
Anna-Lisa Plettenberg und Julian Göpel stellen sich den Blicken der Besucher. Denn viele Menschen mit Down-Syndrom werden in der Öffentlichkeit, wie Bus und Bahn, oft angestarrt.
Bild: Holzfigur eines Mannes mit Down-Syndrom; Copyright: beta-web/Dindas
Der Künstler Markus Keller hat sich auf die Fertigung von Figuren von Menschen mit Down-Syndom spezialisiert. Die Figur Otto wurde 2012 gefertigt. Keller schnitzt lebensechte Figuren, aber auch in verschiedenen Maßstäben.
Bild: Skelett; Copyright: beta-web/Dindas
Die Ausstellung stellt sich die Frage: Kann man an einem Skelett erkennen, ob ein Mensch Trisomie 21 hatte? Bei diesem Exponat stellte sich heraus, dass es nicht so war. Dafür wurde der Schädel untersucht.
Bild: Anzug und Brautkleid; Copyright: beta-web/Dindas
Auch die Themen Liebe, Partnerschaft und Hochzeit spielen bei "Touchdown" eine große Rolle. Das Brautkleid von Birgit Ziegert wurde mit verschiedenen Tiermotiven bestickt und mit Namen beschriftet. Es hat allerdings keine Armlöcher.
Bild: Mamor-Figur eines Kindes; Copyright: beta-web/Dindas
Die Marmor-Figur eines Kindes der Olmeken-Kultur aus Zentral- oder West-Mexiko von 1400 bis 1200 vor Christus soll zeigen, dass das Down-Syndrom schon vor Entdeckung von John Langdon-Down präsent war.
Bild: Gemälde der Anbetung des Christus Kindes: Copyright: beta-web/Dindas
Ein Schüler von Jan Joest van Kalkar aus den Niederlanden hat das Gemälde "Nächtliche Anbetung des Christkindes" um 1515 gemalt. Zu dieser Zeit wusste man noch nichts über das Down-Syndrom. Sind sie vielleicht als Engel dargestellt worden?
Bild: Gezeichnetes Bild von verschieden Gebäuden; Copyright: beta-web/Dindas
2015 zeichnete Susanne Kümpel das Bild mit dem Titel "Die goldenen Jahrhunderte". Es stellt laut Überschrift das Kolosseum Italiens, einen Löwen, Mauern, Säulen und einen Baumstamm dar.
Bild: Wand-Teppich mit bunten Stickereien; Copyright: beta-web/Dindas
Der bunt bestickte Wand-Teppich von Birgit Ziegert aus dem Jahre 2014 erinnert an eine Unterwasserwelt mit vielen besonderen Geschöpfen.
Bild: Portrait von John Langdon-Down; Copyright: beta-web/Dindas
John Langdon-Down prägte mit seinem Namen den Begriff Down-Syndrom. Er nannte es zu seiner Zeit "Mongolismus". Mit 18 Jahren begegnete er das erste Mal einem Mädchen mit Trisomie 21. 33 Jahre später, nach seinem Medizin-Studium, schrieb er diese Begegnung nieder.
Bild: Stoff-Teppich mit Abbildung von Chromosomen; Copyright: beta-web/Dindas
Der Wand-Teppich von Jeanne-Marie Mohn zeigt alle 47 Chromosomen eines Menschen mit Trisomie 21. Die Chromosomen wurden gestickt in Form eines Karyogramms (geordnete Darstellung in der Zelle).
Bild: Altes Buch mit Zeichnungen; Copyright: beta-web/Dindas
Ein Auszug des Sachsenspiegels und des sächsischen Lehnrechts. Es besagt, dass Menschen mit Behinderung erben dürfen, so wie alle anderen auch. Außerdem müssen ihre Angehörigen für sie sorgen und sie fördern.