Tourismus: Hilfsmittel für barrierefreien Reisespaß

Menschen mit Behinderung müssen sich bei ihrer Urlaubsplanung darauf verlassen, dass die Angaben des Hotels – beispielsweise zur Barrierefreiheit – stimmen und die Unterkunft ihren Bedürfnissen entspricht. Doch was, wenn man schon schlechte Erfahrungen gemacht hat? Oder es in bestimmten Regionen einfach keine geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten gibt?

02/05/2016

Foto: Barrierefreier Wohnwagen, ein Bild zeigt wie Gotthilf Lorch über Rampen in den Wohnwagen fährt, das andere zeigt Lorch im Wohnwagen im vergrößerten Toilettenraum; Copyright: CamperStyle.de

Gotthilf Lorch machte den Traum von einem Wohnwagen, der auf seine Bedürfnisse angepasst ist, wahr; © CamperStyle.de

Der Traum vom barrierefreien Wohnwagen

Gotthilf Lorch kennt genau diese Situation: "Ich reise sehr viel. Auch in Gegenden wie Rumänien, wo es kaum barrierefreie Hotels gibt", sagt der 54-Jährige, der aufgrund seiner Contergan-Schädigung einen Elektro-Rollstuhl benutzt. So kam bei ihm der Wunsch nach einem Wohnwagen auf, der auf seine Bedürfnisse angepasst ist. Dieser sollte ihm ermöglichen, selbstständig zu reisen. Doch man kann nicht einfach ein barrierefreies Wohnmobil kaufen. "Auch einen komplett leeren Wohnwagen bekommt man nicht, weil die eingebauten Möbel zur Stabilität der ganzen Konstruktion beitragen", erklärt Lorch. Also machte sich Lorch auf die Suche nach einem Unternehmen, das für ihn den Umbau eines handelsüblichen Wohnwagens umsetzen würde. Fündig wurde er bei der Firma Wanner aus Tübingen. Es konnte also losgehen:

Um mehr Platz in der Dusche und auch für die Toilettennutzung zu haben, wurde beispielsweise die Wand zum Bad nach vorne versetzt. Auch das Bett ist erweiterbar, sodass es genügend Platz bietet. In der Küche hat Lorch nichts verändern lassen, da er in der Regel mit seiner Frau oder Assistenten unterwegs ist, die dann das Kochen übernehmen. Das größte Problem für Lorch war, in den Wohnwagen hinein und wieder hinaus zu kommen. "Ein Hublift konnte nicht eingebaut werden, weil es dann durch das Gesamtgewicht zu Brüchen im Wohnwagengestell gekommen wäre", erklärt er. Deswegen nutzt er Schienenrampen. "Diese können aber nicht ohne fremde Hilfe angelegt werden. Also kann ich auch hier nicht hundertprozentig eigenständig agieren."

Barrierefreiheit zu vermieten?

Lorch hat seinen Wohnwagen zusammen mit der Firma auch schon auf einer Messe in Stuttgart ausgestellt. Dort waren auch viele Menschen ohne Behinderung begeistert, wie viel Platz der Wohnwagen bietet. "Viele sagten, dass sie sich so ein Modell auch kaufen würden", erinnert sich Lorch. Aber natürlich sind vor allem Menschen mit Behinderung an dem Wohnwagen interessiert. Im letzten Jahr erhielt Lorch etwa 15 Anfragen, ob eine Vermietung möglich wäre. Und genau das ist sein Plan: "Reisen war für mich schon immer wichtig und ich weiß, dass es anderen auch so geht. Deswegen möchte ich anderen Menschen mit Behinderung in Zukunft auch meinen Wohnwagen zur Verfügung stellen, damit er nicht ungenutzt rumsteht."

Doch da gibt es derzeit noch ein Problem: die Versicherung. Der Wohnwagen ist zwar versichert über das Auto, an dem er hängt, aber nur mit Haftpflicht und Teilkasko. "Gewöhnliche Wohnwagen kosten etwa 20.000 Euro, meiner 53.000 Euro. Da muss schon eine Vollkaskoversicherung her", sagt Lorch. Diese kann aber sehr teuer werden. Aktuell zahlt er 800 Euro im Jahr. Aber auch diese Versicherung macht einen Verleih schwierig, denn es dürfen nur namentlich benannte Personen mitfahren. Lorch ist derzeit noch auf der Suche nach Alternativlösungen. "Bis diese gefunden sind, kann der Wohnwagen aber gerne bei mir in Tübingen besichtigt werden." Ohne vorausgehenden persönlichen Kontakt würde Lorch auch nicht vermieten, sagt er. Denn: "Keine Behinderung ist gleich. Man muss schauen, ob es dann auch wirklich für die jeweilige Person passt und die Anforderungen an den Wohnwagen erfüllt werden."

Natürlich ist nicht jeder Freund eines Wohnwagenurlaubs. Und gerade größere Tourismuszentren sorgen zunehmend für mehr Barrierefreiheit – in den Hotels und und der näheren Umgebung. Barrierefreie Wege bis ans Meer werden beispielsweise zunehmend eingerichtet. Oder es können spezielle Strandrollstühle ausgeliehen werden. Aber auch diese Lösung ist nicht für alle eine Option.

Foto: Die Erfinderinnen des Strandkorbes sitzen zu dritt in diesem Strandkorb; Copyright: LoeL

Der barrierefreie und generationenübergreifende Strandkorb ermöglicht es unter anderem Rollstuhlfahrern das Strandkorb-Gefühl zu erfahren. Zu sehen sind die Erfinderinnen (von links): Saskia Niemöller, Miriam Lockhorn und Luna Baumgarten; © LoeL

Ein Strandkorb für Alle

Um das Spektrum der Angebote ein Stück mehr zu erweitern, gibt es inzwischen einen barrierefreien Strandkorb. "Ziel war es, einen Strandkorb zu bauen, der unter anderem auch Menschen mit Behinderung ermöglicht, das Meer und den Strand ohne Stress zu genießen", erzählt Luna Baumgarten, Geschäftsführende Gesellschafterin bei LoeL - Lotsen für erfahrbare Lebensräume. "Beispielsweise besitzen unsere Strandkörbe eine Rampe, mittels derer ein Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder viel Gepäck leicht in den Strandkorb gebracht werden können." Da der Strandkorb breiter als ein normaler ist, ist genügend Stellfläche vorhanden. Bullaugen schaffen mehr Licht und Freiraum im Korb.

"Es können ganz individuelle Ideen gemeinsam mit dem Kunden erarbeitet und eingebaut werden. So gibt es zum Beispiel einen herunterklappbaren Tisch, der auch gerne als Wickeltisch genutzt wird", sagt Baumgarten. Die ersten Ideen zu diesem Strandkorb entstanden im Mai 2014 auf einer interdisziplinären studentischen Blockwoche in Cuxhaven, die unter dem Motto "WATT Innovatives – Tourismus 3.0" stand. Aus der anfänglichen Projektidee ist nun ein Geschäftsmodell geworden. Ob Privatpersonen, Gemeinden oder Kureinrichtungen – Kunden können in Absprache mit Baumgarten und ihre Kolleginnen auch individuelle Wünsche umsetzen.

Erste Körbe sind bereits in Wolfsburg, Emden, Osnabrück, Hannover, Boltenhagen, auf Borkum und in der Lüneburger Heide zu finden. "Wo genau unsere generationenübergreifenden Strandkörbe aktuell zum Probesitzen stehen, kann man auch auf unserer Homepage herausfinden."

Ob nun entspannt am Meer sitzend oder mit dem Wohnwagen durch die Lande ziehend – wichtig ist es, dass Menschen mit Behinderung selbst entscheiden können, welche Variante sie bevorzugen. Die nötigen Hilfsmittel müssen nur verfügbar sein. Dann steht einem unbeschwerten Reiseerlebnis auch nichts mehr im Weg.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

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