Vielfalt im Sport ermöglicht Teilhabe

Interview mit Prof. Thomas Abel, Deutsche Sporthochschule Köln

28.09.2016

Das Thema Sport spielt auf der REHACARE schon immer eine große Rolle. Doch nicht nur im Sport-Center, in Halle 7a, geht es in diesem Jahr sportlich zu: Im REHACARE-Forum geht es heute Mittag um die Verknüpfung von Sport und Teilhabe. REHACARE.de sprach vorab mit Prof. Thomas Abel von der Deutschen Sporthochschule Köln darüber, inwiefern gelebte Vielfalt im Sport etwas zur Inklusion beitragen kann.

Foto: Prof. Thomas Abel; Copyright: beta-web/Höpfner

Prof. Thomas Abel; © beta-web/Höpfner

Herr Prof. Abel, inwiefern können sportliche Großereignisse wie die Paralympics dazu beitragen, den Fokus der breiten Öffentlichkeit auf den Leistungs- und Breitensport von Menschen mit Behinderung zu lenken?

Prof. Thomas Abel: Sportliche Großereignisse haben immer eine besondere Strahlkraft und werden als etwas Besonderes wahrgenommen. Das gilt sowohl für die Olympischen als auch Paralympischen Spiele. Und diese Strahlkraft wirkt nach. Ich bin mir sicher, dass eine Menge Menschen die Paralympics geguckt haben und fasziniert waren von den Möglichkeiten des Sports. Gleichzeitig haben aber sicher auch viele Menschen mit Behinderung aufgrund der Spiele den Entschluss für sich gefasst, selbst wieder Sport zu treiben – wenn auch wahrscheinlich eher als Breitensport und nicht unbedingt auf Leistungsniveau.

Und ich denke, dass es wichtig ist, nicht nur in Begrenztheiten zu denken – auch wenn es diese natürlich gibt. Doch viel wichtiger sind die Gemeinsamkeiten und die Möglichkeiten. Diese brauchen Aufmerksamkeit und sollten erkannt werden. Ich glaube, dass die Paralympischen Spiele sogar eine positivere Wirkung auf die breite Öffentlichkeit hatten als die Olympischen Spiele. Sie waren vor Ort besser besucht und der Fokus auf den Sport an sich war aus meiner Sicht deutlich größer.

Was denken Sie sind die Ursachen dafür, dass über Behindertensport vergleichsweise wenig berichtet wird in den Medien?

Abel: Die Berichterstattung an sich ist qualitativ gut. Sowohl Print als auch Radio und Fernsehen bereiten ihre Berichte inzwischen gut recherchiert auf. Das ist schon ein Quantensprung zu den früheren Jahren. Doch die Medien leiden auch darunter, dass zu wenig Interesse in der Gesellschaft herrscht. Die Nachfrage ist also relativ klein, da der Kontakt mit Menschen mit Behinderung einfach sehr gering ist im Alltag. Dadurch kennen zu wenige den Sport und fordern ihn eben auch nicht von den Medien. Den Medienmachern bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wiederum fehlt aus meiner Sicht zum Teil der Mut, auch einmal zur Prime-Time zu übertragen. Beispielsweise wäre das Finale der Frauen im Rollstuhlbasketball eine ideale Möglichkeit gewesen.

Warum eignet sich Sport besonders gut zur Umsetzung von Teilhabe und Inklusion?

Abel: Ich habe vor allem im beruflichen Umfeld selbst erfahren dürfen, was Sport bewirken kann. Teilhabe kann man ganz gut mit "Vielfalt willkommen heißen" übersetzen. Immer wieder werden im Sport kleine, große, dicke, dünne, hochbegabte und sehr entwicklungsfähige, in jedem Fall sehr unterschiedliche Menschen herzlich aufgenommen. In der Vielfalt liegt eine Chance und diese kann man im Miteinander realisieren. Um Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Sport zu ermöglichen, bedarf es zum Beispiel oft nur kleiner Änderungen im Regelwerk. Das ist nicht nur anstrengend, sondern vor allem freudvoll. Und alle können am Ende von der Vielfalt profitieren.

Foto: Vortrag bei der REHACARE ; Copyright: beta-web/Höpfner

An der Deutschen Sporthochschule Köln gibt es viele Studierende mit Behinderung. Einer von ihnen ist auf dem Monitor zu sehen; © beta-web/Höpfner

Was muss noch passieren, um eine flächendeckende Teilhabe im Sport zu gewährleisten?

Abel: Das muss man auf zwei Ebenen betrachten: Die erste Ebene ist die strukturelle Ebene. Denn natürlich brauchen wir barrierefreie Sportstätten und Übungsleiter in Vereinen und Schulen, die auf die Vielfalt entsprechend vorbereitet sind. Die zweite Ebene ist die der inneren Haltung. Und diese muss wachsen. Dafür benötigen wir aber noch viel mehr Begegnungsräume, mehr Kontakt und mehr Erfahrungen miteinander. Denn genau dadurch entsteht am Ende ganz automatisch die innere Bereitschaft, noch mehr Räume für Begegnungen zu schaffen. Und dann wird es plötzlich ganz selbstverständlich, dass ein Kind mit Behinderung in einem kleinen Ort in der Eifel wie jedes andere Kind im Sportverein angemeldet wird. Weil es die Möglichkeiten und die innere Bereitschaft aller dazu gibt.

Im Sport-Center der REHACARE können Besucher viele Sportarten direkt ausprobieren. Warum gehört Ihr Vortragsthema "Sport und Teilhabe" ebenfalls auf die Messe?

Abel: Sport zu erleben und aktiv verschiedene Dinge auszuprobieren, ist sehr wichtig in meinen Augen. Und das Angebot vor Ort auf der REHACARE nehmen auch viele Messebesucher wahr. Das kann neugierig machen und im besten Fall die Faszination für eine Sportart wecken. Und auch in meinem Vortrag geht es um genau diese Faszination und das Potential der Vielfalt. Ich werde mich mit den Fragen beschäftigen, wo wir stehen und wohin der Weg noch führen kann. Was viele außerdem nicht wissen: An der Deutschen Sporthochschule Köln gibt es viele Studierende mit Behinderung. Auch darum wird es in meinem Vortrag gehen – als nur ein Beispiel von vielen dafür, dass Teilhabe im Sport funktioniert.

Der Vortrag "Sport und Teilhabe" von Prof. Thomas Abel findet statt am Mittwoch, 28. September, um 13 Uhr im REHACARE-Forum in Halle 3, Stand E74.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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