Wohlbefinden im hohen Alter weist viele Facetten auf

15.07.2015
Foto: Alter Mann lacht

Die meisten hochaltrigen Befragten verspürten dauerhaft überwiegend hohe Lebenszufriedenheit und Selbstbestimmung; © panthermedia.net/Diego Cervo

Eine gerade in der Fachzeitschrift Psychology and Aging veröffentlichte Studie zeigt, wie vielschichtig das Wohlbefinden im sehr hohen Lebensalter ist. Forscher der Universität Heidelberg befragten 124 Personen im Alter von 87 bis 97 Jahren über einen Zeitraum von vier Jahren zu verschiedenen Aspekten ihres subjektiven Wohlbefindens.

Zwar ist das Wohlbefinden bei vielen Hochaltrigen durch depressive Symptome gekennzeichnet, in anderen Bereichen kann es allerdings auch noch bei hochaltrigen Menschen positive Entwicklungen geben.

"Angesichts der steigenden Lebenserwartung erreichen immer mehr Menschen ein sehr hohes Alter. Allerdings wissen wir noch wenig über die Lebensqualität im hohen Lebensalter, und die Einstellungen hochaltriger Menschen zu Tod und Sterben und deren Veränderungen über die Zeit wurden bislang kaum untersucht", sagt der Alternsforscher Markus Wettstein.

Im Rahmen des Late-Line Projektes befragten er und seine Kollegen 124 Personen (davon 79 Prozent Frauen) sieben Mal in einem Zeitraum von vier Jahren. Zum Zeitpunkt der ersten Befragung waren die älteren Menschen zwischen 87 und 97 Jahren alt. Es wurden nur Personen in die Studie aufgenommen, die zu Beginn der Studie allein lebten und keine geistigen Beeinträchtigungen aufwiesen. Die Lebensqualität (wie Lebenszufriedenheit, Stimmung, Lebenssinn, Autonomie) wurde interviewgestützt anhand gängiger Fragebögen erfasst (zum Beispiel: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich fast alles wieder genauso machen"). Neben den klassischen Wohlbefindensmaßen wurden darüber hinaus auch depressive Symptome sowie Einstellungen gegenüber Krankheit, Tod und Sterben erfragt.

Die meisten Befragten verspürten über den gesamten Zeitraum hinweg eine überwiegend hohe Lebenszufriedenheit und Selbstbestimmung. Sie akzeptierten Sterben und Tod in hohem Maße und hatten nur wenig Angst vor Krankheit und Tod. Gleichzeitig zeigten viele Befragte auch depressive Symptome. Die Autoren vermuten einen Grund darin, dass sehr alte Menschen zunehmend weniger Aktivitäten ausüben, die eine positive Stimmung auslösen, wodurch die Anzahl an depressiven Symptomen steigt.

Die Veränderungen im Wohlbefinden über die vier Jahre hinweg fielen von Person zu Person sehr unterschiedlich aus. Dabei folgten die durchschnittlichen Veränderungen verschiedenen Trends. So traten leichte Rückgänge in Aspekten wie positiver Stimmung und Lebenssinn auf, jedoch waren auch ein Zuwachs in der Akzeptanz von Tod und Sterben sowie eine rückläufige Furcht vor dem Tod beobachtbar. Über den gesamten Zeitraum blieb das Gefühl von Autonomie und Selbstakzeptanz stabil.

"Notwendig ist also eine differenzierte und prozesshafte Sicht auf das Wohlbefinden im sehr hohen Alter – Pauschalisierungen oder gar einseitig negative Zuschreibungen sollten vermieden werden", fasst Markus Wettstein zusammen. Künftige Interventionen zum Erhalt oder zur Steigerung der Lebensqualität im sehr hohen Alter sollten sich daher insbesondere auf diejenigen Aspekte (wie depressive Symptomatik) beziehen, die gemäß der Ergebnisse dieser Studie besonders anfällig für negative Veränderungen im hohen Alter sind.

"Die Ergebnisse erinnern ein wenig an die Überlegungen, die der Entwicklungspsychologe und Psychoanalytiker Erik Erikson schon vor längerer Zeit zu den 'Entwicklungsaufgaben' des Alters angestellt hat", ergänzt Professorin Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. "Die Entwicklungsaufgabe älterer Menschen besteht darin, ihrer Person und ihrem Leben Sinn zu geben, in der Gegenwart Freude zu empfinden und gleichzeitig die Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren."

REHACARE.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie

Mehr über die Deutsche Gesellschaft für Psychologie unter: www.dgps.de